Kassandra 3

Thomas Brasch

An die Stelle von Lenins Bild hängte er
1930 Stalins Bild. Stalins Bild
legte er 1933 in den Koffer und hängte es
über sein Bett in der Pariser Jugendherberge.
Als er aus der Emigration zurückkam
hängte er neben Stalins Bild
das Bild Wilhelm Piecks.
1956 nahm er Stalins Bild von der Wand und
stellte es in den Keller hinter die Einweckgläser.
1960 wechselte er das Bild Wilhelm Piecks
mit dem Bild Walter Ulbrichts aus.
1971 nahm er das Bild Walter Ulbrichts von der Wand
und hängte das Bild seiner Frau an den Nagel.
1973 ging er in Rente. An die Stelle
des Bildes seiner Frau hängte er einen Spiegel
und sah hinein.
„Wer ist das“, schrie er,
„kann man denn nie allein sein.“

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Und der Sänger Dylan in der Deutschlandhalle

1.6.6.1.1 thomas brasch: und der sänger dylan in der deutschlandhalle

Textkette

Ausgewählt von Frank Weißbach
Textkette: Mein mir von André Schenkel zugeteilter Dichter ist Thomas Brasch.

 

Und der Sänger Dylan in der Deutschlandhalle

ausgepfiffen angeschrien mit Wasserbeuteln beworfen
von seinen Bewunderern, als er die Hymnen
ihrer Studentenzeit sang im Walzertakt und tanzen ließ
die schwarzen Puppen, sah staunend in die Gesichter
der Architekten mit Haarausfall und 5000 Mark im Monat,
die ihm jetzt zuschrien die Höhe der Gage und
sein ausbleibendes Engagement gegen das Elend der Welt. So sah

ich die brüllende Meute: Die Arme ausgestreckt im Dunkel neben
ihren dürren Studentinnen mit dem Elend aller Trödelmärkte
der Welt in den Augen, betrogen um ihren Krieg,
zurückgestoßen in den Zuschauerraum
der Halle, die den Namen ihres Landes trägt, endlich
verwandt ihren blökenden Vätern, aber anders als die
betrogen um den, den sie brauchen: den führenden Hammel.

Die Wetter schlagen um:
Sie werden kälter.
Wer vorgestern noch Aufstand rief,
ist heute zwei Tage älter.

 

 

‪Viktoria Braun gefällt das.

Wie viele sind wir eigentlich noch

1 Thomas Brasch: Wie viele sind wir eigentlich noch

Das Prinzip ist einfach – jede Person, welcher das gefällt, kriegt einen Dichter oder Schriftsteller zugewiesen. Einfach ein Gedicht raussuchen, posten und so die lyrische Kette fortführen:

Thomas Brasch

WIE VIELE SIND WIR EIGENTLICH NOCH.
Der dort an der Kreuzung stand,
war das nicht von uns einer.
Jetzt trägt er eine Brille ohne Rand.
Wir hätten ihn fast nicht erkannt.

[…]
Welchen Namen hat dieses Loch,
in dem wir, einer nach dem andern, verschwinden.

Dieses Gedicht erschien 1975 in einem Heft der Lyrikreihe Poesiealbum (Auflage 9.000 Stück, Preis 90 Pfennig) in Ostberlin. Kaum 1 Jahr später verließ Brasch die DDR.
Aus: Thomas Brasch: „Sie nennen das Schrei“. Herausgegeben von Martina Hanf und Kristin Schulz, Suhrkamp Verlag, 2013
mehr zu Buch und Autor hier http://www.planetlyrik.de/thomas-brasch-poesiealbum-89/2012/06/