Mein lieber Gott, schon wieder Morden!

Mein lieber Gott, schon wieder Morden!
Es war so hold und still geworden;
Kaum machten wir die Sklaven los,
Die Unsren, die in Ketten stöhnten …
Und wieder Blut der Bauern floß.
Denn schau, die Henker, die gekrönten,
Wie gierge Hunde, sind besessen
Aufs Schädel fressen.

1853-1859, Fort Nowopetrowsk

Deutsch von Erich Weinert

Ein Gedicht des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko (1814-1861)

Мій боже милий, знову лихо!..
Було так любо, було тихо;
Ми заходились розкувать
Своїм невольникам кайдани.
Аж гульк!.. Ізнову потекла
Мужицька кров! Кати вінчанні,
Мов пси голодні за маслак,
Гризуться знову.

[1853 — 1859, Новопетровське
укріплення — С.-Петербург]

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Der Dnepr stöhnt und brüllt

1. Реве та стогне Дніпр широкий,
Сердитий вітер завива,
Додолу верби гне високі,
Горами хвилю підійма

2. І блідий місяць на ту пору
Із хмари де-де виглядав,
Неначе човен в синім морі,
То виринав, то потопав.

3. Ще треті півні не співали,
Ніхто ніде не гомонів,
Сичі в гаю перекликались,
Та ясен раз у раз скрипів.

Dieses Lied in ukrainischer Sprache von Taras Schewtschenko stammt aus dem Jahr 1837. Der junge Dichter schrieb es in Petersburg. Es besitzt Volksliedstatus in der Ukraine. Eigentlich ist es der Anfang der Ballade «Причинна» (Die Behexte). Zeitgenössischer Kritiker lobten sein Talent und bemängelten,

dass er die „bäuerliche“ ukrainische Sprache, vermeintlich ein primitiver Dialekt des Russischen, für seine Dichtung gewählt hatte. (Wikipedia)

(Die völlig hemmungslose Herabwürdigung ukrainischer Sprache und Kultur habe ich in den letzten Monaten in russisch-neurussischen Foren vielfach beobachten können.)

In der 1987 in Ostberlin und Kiew erschienenen Gedichtauswahl steht es in der Übersetzung von Alfred Kurella:

Der Dnepr stöhnt und brüllt, der breite,
Zornbebend heult der wilde Wind,
Beugt tief hinab die hohe Weide,
Wirft Wellen, die wie Berge sind.
Still kommt der bleiche Mond gezogen,
Lugt zaghaft hinter Wolken vor –
Gleich einem Kahn auf blauen Wogen,
Versinkt er bald, taucht bald empor.
Noch krähte nicht der Hahn. Noch schweigen
Die Dörfer rings, du hörst kein Wort,
Nur Eulen rufen in den Zweigen,
Ein Eschenast knarrt hier und dort.

Computerübersetzungen sind oft komisch, aber nicht ohne Poesie. Ich schließe mich Brechts Kommentar zu seinen Sonetten über klassische Gedichte an: Diese Bearbeitungen schmälern nicht den Wert der klassischen Vorlage, sondern „reinigen“ (sagt Brecht) den Genuß. Ich sage für meinen Zusammenhang lieber, sie unterstützen durch Kontrast, Mißverstehen und Zuspitzung. Insofern modellhaft für jeden Verstehensvorgang. Hier eine nur grammatisch und interpunktuell leicht bearbeitete Googleversion:

Brüllt‘ und stöhnt‘ der breite Dnepr,
böse Wind heulten,
beugten sich nach unten Weiden
Flut pidiyma Mountains.

Pale Moon und an diesem poru
Iz Wolken de deux sah aus,
als wenn ein Boot in das blaue Meer,
dann vyrynav, dann sinkt.

Ist eine dritte Hähne nicht singen,
nie kein Lärm,
Sychi pereklykalys im Hain,
und das Zahnfleisch hin und wieder abgeschabt.

Eine englische Fassung findet sich im Netz ohne Angabe des Übersetzernamens. Die offenbar kanadische Quelle existiert nicht mehr, nur verschiedene Spiegelungen. (In Toronto, erfährt man da, gibt es ein Schewtschenkomuseum).

The mighty Dnieper roars and bellows,
The wind in anger howls and raves,
Down to the ground it bends the willows,
And mountain-high lifts up the waves.
The pale-faced moon picked out this moment
To peek out from behind a cloud,
Like a canoe upon the ocean
It first tips up, and then dips down.
The cocks don’t crow to wake the morning,
There’s not as yet a sound of man,
The owls in glades call out their warnings,
And ash trees creak and creak again.

Ode an das Licht

Taras Schewtschenko (1814-1861)

Ode an das Licht


Klares, lebendiges,

Freies, unbändiges,

Herrliches Licht!

Siehst du denn nicht den Graus,
Daß man in deinem Haus
Dir Fesseln flicht?



Daß dir das Dunkel trutzt,

Daß es dich arg beschmutzt,

Daß es, o blick’s,
Mit Purpur dich verdeckt,
Daß es dich drängt und schlägt

Mit Kruzifix!



Bist du denn tot? Noch nicht!

Auf denn! Es werde Licht!
Es werde Tag!
Auf denn! Zu Fetzen dir

Reißen den Purpur wir

Mit einem Schlag.



Von Weihrauchfässern dann
Rauchen wir Pfeifen an;
Die Offenbarung auch

Stracks in des Ofens Bauch

Schmeiß’ ich hinein!

Weihwasserwedel all’,
Wir brauchen sie zumal,
Um dein Thrones Saal

Zu fegen rein!

Deutsch von Iwan Franko aus:

Франко І. Твори. Т. 52., S. 764 (1882)

Світе ясний! Світе тихий!
(Перенаправлено з Світе ясний! Світе тихий!)
(Кобзарь (1876)/Том 2)

Тарас Шевченко

Світе ясний! Світе тихий!
Моя ти любо! мій ти друже!
Братні проектибратні проекти: дані
Світе ясний! Світе тихий!
Світе вольний, несповитий!
За що ж тебе, світе-брате,
В своїй добрій теплій хаті
Оковано, омурано,
(Премудрого одурено)
Багряницями закрито
І розпьятиєм добито?!…
Не добито! Стрепенися!
Та над нами просвітися.
Просвітися!… Будем, брате,
З багряниць онучі драти,
Люльки з кадил закуряти,
„Явленими“ піч топити,
А кропилом будем, брате,
Нову хату вимітати.

27 Іюня 1860. C. Петербургъ.

Taras Schewtschenko, der auf Ukrainisch schrieb und als Nationaldichter der Ukraine gilt, wurde 1847 zu 10 Jahren Verbannung verurteilt. Doch das war nicht genug: Zar Nikolai I. persönlich unterzeichnete ein Schreib- und Malverbot.

Meine Lieder, meine Träume

Taras Schewtschenko: Meine Lieder, meine Träume. Gedichte und Zeichnungen. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Rolf Göbner. Übersetzt von Alfred Kurella, Erich Weinert, Hedda Zinner, Hugo Huppert, Iwan Franko, Erwin J. Bach und Hans Rodenberg. Berlin: Verlag der Nation / Verlag Dnipro Kiew, 1987. ISBN  3-373-00190-0
DSCI1559