Tadeusz Rózewicz: ENTKOMMEN (OCALONY)

Textkette

(Weil mir ein von Sven Wenig ausgewähltes Gedicht Sarah Kirschs  gefallen hatte, bat er mich, einen Text des kürzlich verstorbenen polnischen Lyrikers, Dramatikers und Erzählers Tadeusz Różewicz (geb. 1921) herauszusuchen. Hier eines seiner frühen Gedichte, das unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden ist.)

 

Tadeusz Różewicz

Ocalony

Mam dwadzieścia cztery lata
ocalałem
prowadzony na rzeź

 

To są nazwy puste I jednoznaczne:
człowiek i zwierze
milość i nienawiść
wróg i przyjaciel
ciemność i swiatło

 

Człowieka tak sie zabija jak zwierzȩ
widziałem:
furgony porąbanych ludzi
którzy nie zostaną zbawieni.

 

Pojęcia są tylko wyrazami:
cnota i występek
prawda i kłamstwo
Piękno i brzydota
mȩstwo i tchórzostwo.

 

Jednako waży cnota i wystȩpek
widziałem:
człowieka który byl jeden
wystȩpny i cnotliwy.

 

Szukam nauczyciela I mistrza
niech przywróci mi wzrok słuch i mowȩ
niech jeszcze raz nazwie rzeczy i pojȩcia
niech oddzieli światło od ciemności.

 

Mam dwadzieścia cztery lata
ocałalem
prowadzony na rzeź.

(aus: Niepokój. 1947)

 

Entkommen

Ich bin vierundzwanzig
zur Schlachtbank geführt
bin ich entkommen.

 

Leere Vokabeln gleicher Bedeutung sind das:
Mensch und Tier
Liebe und Hass
Feind und Freund
Dunkel und Licht

 

Den Menschen schlachtet man  ab  wie das Tier
ich sah:
Lastwagen voll von Verstümmelten
die niemand erlöst.

 

Nichts als Worte sind die Begriffe:
Anstand und Laster
Wahrheit und Lüge
Schön und Hässlich
Mut und Feigheit.

 

Gleichviel wiegen Anstand und Laster
ich sah:
den Menschen der in einem
anständig und lasterhaft war.

 

Ich suche einen Lehrer und Meister
dass er mir Augenlicht, Sprache, Gehör zurückgibt
dass er noch einmal die Dinge und die  Begriffe benennt
dass er das Licht von der Finsternis scheidet.

 

Ich bin vierundzwanzig
zur Schlachtbank geführt
habe ich überlebt.

 

(Übersetzung: Roland Erb)

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Rafał Wojaczek

Im Juni 2001 las der polnische Dichter Tadeusz Różewicz zusammen mit dem befreundeten Dichter Kito Lorenc in Greifswald aus seinen Gedichten. Er war fast 80 und voll da, aber Augen und Beine wollten nicht mehr so richtig. Silke Peters holte ihn aus seiner Heimatstadt Wrocław ab und ich durfte ihn zurückbegleiten. In Wrocław rief er seinen Verlag an und veranlaßte, daß mir ein paar Bücher übergeben wurden, darunter die 1997 erschienene Ausgabe der Gedichte (Wiersze) des „polnischen Rimbaud“ Rafał Wojaczek (1945-1971). In einer Buchhandlung erwarb ich dazu die Biographie der „Skandalnudel“, „Legenden, Provokationen, Leben“ in Dokumenten. Eine deutsche Ausgabe erschien 2000 im Rimbaud-Verlag Aachen (Übersetzung: Gregor Simonides und Tobias Rößler).

DSCI4793

Ich begriff zu früh

Ich begriff zu früh die Worte von Mickiewicz, der sagte, es sei “schwerer, einen Tag gut zu leben als ein Buch zu schreiben”, ich begriff zu früh den Satz Tolstojs, der meinte, der Entwurf eines Schulbuchs habe für ihn eine größere Bedeutung als alle genialen Romane zusammengenommen.

Ich wandte mich damals ab von den ästhetischen Quellen.

Tadeusz Różewicz, Lyrik als Aktion, in: Akzente 1/ 1967, S. 5

Lyrik als Aktion

Für mich war die Lyrik also eine Aktion, und kein Schreiben schöner Gedichte. Meine Sache waren nicht Gedichte, sondern Fakten. Ich schuf – so dachte ich und denke ich immer noch – bestimmte Fakten, und nicht (mehr oder weniger gelungene) lyrische Gebilde. Ich reagierte auf Ereignisse mit Fakten, die ich in Gestalt von Gedichten formte – und nicht mit “Poesie”.

Tadeusz Różewicz, Lyrik als Aktion, in: Akzente 1/ 1967, S. 5

Dies schrieb ich gestern abend als „Motto des Tages“. Eben erfahre ich, daß Tadeusz Różewicz heute im Alter von 92 Jahren gestorben ist.