Frau Isi

Am 14.1. 1870 wurde die Dichterin und Frauenrechtlerin Ida Dehmel geboren. Sie war eine Jugendbekanntschaft Stefan Georges in Bingen und die zweite Frau Richard Dehmels. Hier ein Splitter aus dem Buch

Stefan Anton George: Stefan George-Ida Coblenz, Briefwechsel.
Verlag Klett-Cotta, 1983
ISBN 3608951741, 9783608951745

über ihr Verhältnis zu George:

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Liebe Frau Isi. Brief von Richard Dehmel an Ida

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Der Krieg

STEFAN GEORGE
Der Krieg

……… Wem das gewissen drohe
Mit eigner oder fremder schande drucke
Empfindet deine worte wohl als rohe.

Dem ohngeachtet halt dich frei von schmucke
Und ganz eröffne das von dir geschaute.
Lass es geschehn dass wen es beisst sich jucke.

Wenn auch beschwerlich werden deine laute
Beim ersten kosten: wird lebendige zehrung
Man draus entnehmen wenn man sie verdaute.

DANTE · GÖTTLICHE KOMÖDIE · HIMMEL XVII

 

Wie das getier der wälder das bisher
Sich scheute oder fletschend sich zerriss
Bei jähem brand und wenn die erde bebt
Sich sucht und nachbarlich zusammendrängt:
So in zerspaltner heimat schlossen sich
Beim schrei DER KRIEG die gegner an .. ein hauch
Des unbekannten eingefühls durchwehte
Von schicht zu schicht und ein verworrnes ahnen
Was nun beginnt … Für einen augenblick
Ergriffen von dem welthaft hohen schauer
Vergass der feigen jahre wust und tand
Das volk und sah sich gross in seiner not.

Sie kamen zu dem Siedler auf dem berg:
›Liegst du noch still beim ungeheuren los?‹
Der sprach: dies frösteln war das edelste! ..
Was euch erschüttert ist mir lang vertraut ·
Lang hab ich roten schweiss der angst geschwizt
Als man mit feuer spielte .. meine tränen
Vorweg geweint .. heut find ich keine mehr.
Das meiste war geschehn und keiner sah ..
Das trübste wird erst sein und keiner sieht.
Ihr lasst euch pressen von der äussern wucht ..
Dies sind die flammenzeichen · nicht die kunde.
Am streit wie ihr ihn fühlt nehm ich nicht teil.

Zu jubeln ziemt nicht: kein triumf wird sein ·
Nur viele untergänge ohne würde ..
Des schöpfers hand entwischt rast eigenmächtig
Unform von blei und blech · gestäng und rohr.
Der selbst lacht grimm wenn falsche heldenreden
Von vormals klingen der als brei und klumpen
Den bruder sinken sah · der in der schandbar
Zerwühlten erde hauste wie geziefer ..
Der alte Gott der schlachten ist nicht mehr.
Erkrankte welten fiebern sich zu ende
In dem getob. Heilig sind nur die säfte
Noch makelfrei versprizt – ein ganzer strom.

Wo zeigt der Mann sich der vertritt? das Wort
Das einzig gilt fürs spätere gericht?
Spotthafte könige mit bühnenkronen ·
Sachwalter · händler · schreiber – pfiff und zahl.
Auch in verbriefter ordnung grenzen: taumel ·
Dann drohnde wirrsal .. da entstieg gestüzt
Auf seinen stock farblosem vororthaus
Der fahlsten unsrer städte ein vergessner
Schmuckloser greis .. der fand den rat der stunde
Und rettete was die geberdig lauten
Schliesslich zum abgrundsrand gebracht: das reich ..
Doch vor dem schlimmren feind kann er nicht retten.

›Fehlt dir der blick für solch ein maass von opfern
Und kraft der allheit?‹ Diese sind auch drüben.
Das nötige werk der pflicht bleibt stumpf und glanzlos
Und opfer steigt nicht in verruchter zeit ..
Menge ist wert · doch ziellos · schafft kein sinnbild ·
Hat kein gedächtnis – Was fragt sich der Weise?
Sie troff im schwatz von wolfahrt · menschlichkeit
Und hebt nun an das greulichste gemetzel ..
Nach speichel niedrigster umwerbung: geifer
Gemeinsten schimpfs!. und was sich eben hezt
Umkröche sich geschmiegt wenn sich erhöbe
Furchtbar vor ihm das künftige gesicht.

Und was schwillt auf als geist! Solch zart gewächs
Hat fernab sein entstehn … Wie faulige frucht
Schmeckt das gered von hoh-zeit auferstehung
In welkem ton. Wer gestern alt war kehrt nicht
Jezt heim als neu und wer ein richtiges sagt
Und irrt im lezten steckt im stärksten wahn.
Spricht Aberwitz: ›Nun lernten wir fürs nächste‹
Ach dies wird wiederum anders!. dafür rüstet
Nur vollste umkehr: schau und innrer sinn.
Keiner der heute ruft und meint zu führen
Merkt wie er tastet im verhängnis · keiner
Erspäht ein blasses glühn vom morgenrot.

Weit minder wundert es dass soviel sterben
Als dass soviel zu leben wagt. Wer schritthielt
Mit dem Jahrhundert darf heut spuk nur sehn.
Der hilft sich · kind und narr: ›Du hasts gewollt‹
Alle und keiner – heisst das bündige urteil.
Der lügt sich · schelm und narr: ›Diesmal winkt sicher
Das Friedensreich.‹ Verstrich die frist: müsst wieder
Ihr waten bis zum knöchel bis zum knie
Im most des grossen Keltrers .. doch dann schoss
Ein nachwuchs auf · der hat kein heuchel-auge:
Er hat das schicksalsauge das der schreck
Des ehernen fugs gorgonisch nicht versteint.

In beiden lagern kein Gedanke – wittrung
Um was es geht … Hier: sorge nur zu krämern
Wo schon ein andrer krämert .. ganz zu werden
Was man am andren schmäht und sich zu leugnen
Ein volk ist tot wenn seine götter tot sind.
Drüben: ein pochen auf ehmaligen vorrang
Von pracht und sitte · während feile nutzsucht
Bequem veratmen will .. im schooss der hellsten
Einsicht kein schwacher blick · dass die Verpönten
Was fallreif war zerstören · dass vielleicht
Ein ›Hass und Abscheu menschlichen geschlechtes‹
Zum weitren male die erlösung bringt.

Doch endet nicht mit fluch der sang. Manch ohr
Verstand schon meinen preis auf stoff und stamm ·
Auf kern und keim .. schon seh ich manche hände
Entgegen mir gestreckt · sag ich: o Land
Zu schön als dass dich fremder tritt verheere:
Wo flöte aus dem weidicht tönt · aus hainen
Windharfen rauschen · wo der Traum noch webt
Untilgbar durch die jeweils trünnigen erben ..
Wo die allblühende Mutter der verwildert
Zerfallnen weissen Art zuerst enthüllte
Ihr echtes antlitz .. Land dem viel verheissung
Noch innewohnt – das drum nicht untergeht!

Die jugend ruft die Götter auf .. Erstandne
Wie Ewige nach des Tages fülle .. Lenker
Im sturmgewölk gibt Dem des heitren himmels
Das zepter und verschiebt den Längsten Winter.
Der an dem Baum des Heiles hing warf ab
Die blässe blasser seelen · dem Zerstückten
Im glut-rausch gleich .. Apollo lehnt geheim
An Baldur: ›Eine weile währt noch nacht ·
Doch diesmal kommt von Osten nicht das licht.‹
Der kampf entschied sich schon auf sternen: Sieger
Bleibt wer das schutzbild birgt in seinen marken
Und Herr der zukunft wer sich wandeln kann.

Stefan George: Der Krieg. Berlin: Bondi, 1917.

Wald von Zeichen

Stefan Georges Umdichtung des Sonetts „Correspondances“ aus Baudelaires „Fleurs du mal“

EINKLÄNGE

Aus der natur belebten tempelbaun
Oft unverständlich wirre worte weichen ·
Dort geht der mensch durch einen wald von zeichen
Die mit vertrauten blicken ihn beschaun.

Wie lange echo fern zusammenrauschen
In tiefer finsterer geselligkeit ·
Weit wie die nacht und wie die helligkeit
Parfüme färben töne rede tauschen.

Parfüme giebt es frisch wie kinderwangen
Süss wie hoboen grün wie eine alm –
Und andre die verderbt und siegreich prangen

Mit einem hauch von unbegrenzten dingen ·
Wie ambra moschus und geweihter qualm
Die die verzückung unsrer seelen singen.

Der Widerchrist

Der Widerchrist

1907

›Dort kommt er vom berge · dort steht er im hain!
Wir sahen es selber · er wandelt in wein
Das wasser und spricht mit den toten.‹

O könntet ihr hören mein lachen bei nacht:
Nun schlug meine stunde · nun füllt sich das garn.
Nun strömen die fische zum hamen.

Die weisen die toten – toll wälzt sich das volk ·
Entwurzelt die bäume · zerklittert das korn ·
Macht bahn für den zug des Erstandnen.

Kein werk ist des himmels das ich euch nicht tu.
Ein haarbreit nur fehlt – und ihr merkt nicht den trug
Mit euren geschlagenen sinnen.

Ich schaff euch für alles was selten und schwer
Das Leichte · ein ding das wie gold ist aus lehm ·
Wie duft ist und saft ist und würze –

Und was sich der grosse profet nicht getraut:
Die kunst ohne roden und säen und baun
Zu saugen gespeicherte kräfte.

Der Fürst des Geziefers verbreitet sein reich ·
Kein schatz der ihm mangelt · kein glück das ihm weicht…
Zu grund mit dem rest der empörer!

Ihr jauchzet · entzückt von dem teuflischen schein ·
Verprasset was blieb von dem früheren seim
Und fühlt erst die not vor dem ende.

Dann hängt ihr die zunge am trocknenden trog ·
Irrt ratlos wie vieh durch den brennenden hof …
Und schrecklich erschallt die posaune.

The Anti-Christ

“He comes from the mountain, he stands in the grove!
Our own eyes have seen it: the wine that he wove
From water, the corpses he wakens.”

O could you but hear it, at midnight my laugh:
My hour is striking; come step in my trap;
Now into my net stream the fishes.

The masses mass madder, both numbskull and sage;
They root up the arbours, they trample the grain;
Make way for the new Resurrected.

I’ll do for you everything heaven can do.
A hair-breadth is lacking – your gape too confused
To sense that your senses are stricken.

I make it all facile, the rare and the earned;
Here’s something like gold (I create it from dirt)
And something like scent, sap, and spices –

And what the great prophet himself never dared:
The art without sowing to reap out of air
The powers still lying fallow.

The Lord of the Flies is expanding his Reich;
All treasures, all blessings are swelling his might . . .
Down, down with the handful who doubt him!

Cheer louder, you dupes of the ambush of hell;
What’s left of life-essence, you squander its spells
And only on doomsday feel paupered.

You’ll hang out your tongues, but the trough has been drained;
You’ll panic like cattle whose farm is ablaze . . .
And dreadful the blast of the trumpet.

Ins Englische übersetzt von Peter Viereck, aus:

Modern Poetry in Translation. New Series No. 18 – 2001, p. 245-246 hier