Zwey Pforten

Zwey Pforten hat die Welt / das Kugel=runde Hauß /
Die eine schluckt uns ein / die ander wirft uns aus.

Sibylla Schwarz, aus: Vber den früzeitigen Todesfall Frawen Catharina Essens / Hern D. Johannis Schönern ehelichen lieben Haußfrawen.

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Wer kan jederman gefallen?

Wer kan jederman gefallen ?

Ob schon des Höchsten Hand die ganze Welt versehen[2] /
daß nichtes drinn gebricht / doch sol noch in der Welt
gebohren werden der / der allen wohl gefält /
und eh der lebend wird / wird wohl die Welt vergehen.

Aus:

Sibyllen Schwarzin /
Vohn
Greiffswald aus Pommern /
Deutsche Poëtische
Gedichte /
Nuhn
Zum ersten mahl / auß ihren eignen
Handschrifften / herauß gegeben
und verleget
Durch
M. SAMUEL GERLACH /
auß dem Hertzogtuhm Würtemberg.
und in
DANTZIG
Gedrukt / bey seel. Georg Rheten Witwen /
im M.D.C.L. Jahr.
Bd. II p. D iv

(1) hier in der Bedeutung: ausstatten, mit etwas versorgen

Botanisiertrommel: Schöner Timian

Botanisieren kann man auch im Winter. Schlage die Trommel und lies Gedichte! Sibylla Schwarz, ein 15, 16jähriges Mädchen aus Greifswald, schreibt eine Hirtenerzählung, „Faunus“. Darin eingestreut viele Gedichte als Teil der Handlung. Am Schluß stirbt der Titelheld melodramatisch, nachdem er noch ein Lied vorgetragen hat. Hier daraus die Blumenstrophe.

Nempt schönen Timian / nempt Nelcken und Narcissen /
nempt Cyparessen Kraut / nempt schönen Majoran /
bestrewet mir mein Grab mit fremdem Tulipan /
Ihr zarten Najaden / begrabt mich bey den Flüssen /
tanzt üm mein Grab herüm / und singet denn dabey /
hier ligt der treulich liebt / und nicht geliebt ward treu.

Im Frühjahr erscheint eine Werkausgabe bei Reinecke & Voß.

Schöner T

Schöner Timian

Bienenspäßchen 3-5

„Bienenspäßchen“ bezieht sich auf ein lateinisches Gedicht des niederländischen Dichters Daniel Heinsius (1580-1655), in dem fast jede Zeile ein eigenes Metrum hat. Es findet sich im Original und in der Übersetzung von Harry C. Schnur in der Reclamausgabe „Lateinische Gedichte deutscher Humanisten, 1. Aufl. 1966, 3. durchges. u. ergänzte Aufl. 2015. Ich benutze es hier für den Spaß, jeden Tag ein Häppchen europäische Dichtung zu präsentieren, zugleich ein Crashkurs* in klassischer Metrik.

Vers 3-5:

violas amaracumque
tepidique dona veris
legitis suave nectar,

Deutsch:

die aus Majoran und Veilchen
und des lauen Frühlings Gaben
sammelt ein den süßen Nektar –

Die nächsten 3 Verse haben das gleiche Metrum, es sind Anakreonteen (sagt Schnur). Dieses Wort hat die Doppelbedeutung als Gattung (anakreontische Gedichte) und als Metrum. Um mich nicht im Gestrüpp der rasend schweren griechischen Metrik zu verirren**, ziehe ich die Bezeichnung „anakreontische Trochäen“ vor, vierhebige Trochäen (Beispiel in Anmerkung 2).

*) Wohlgemerkt: Crashkurs, den ich nehme, nicht gebe!

**) Dieter Breuer, Deutsche Metrik und Versgeschichte (1991) sagt zwar, die deutschen Anakreontiker hätten in den einfachen Formen des griechischen Poeten Anekreon gedichtet. Vielleicht zu einfach, so daß er es nicht für nötig hält, den anakreontischen Vers zu erwähnen, obwohl er in der deutschen Dichtung namentlich des Rokoko häufig vorkommt. Scaliger (Sieben Bücher über die Dichtkunst, Buch 2) unterscheidet zwischen anacreonticum und anacreontium, leider kann ich seine griechischen Beispiele nicht analysieren. Ich zitiere stattdessen aus zwei Nachschlagewerken. Metzler Literaturlexikon (1990) hat nur den Anakreonteus:

antiker Vers der Form uu–u–u–– gilt als Dimeter aus zwei Ionici a minore mit Anaklasis in der Versmitte (…)

Die Princeton Encyclopedia of Poetry and Poetics hat einen längeren Eintrag, der auch auf die deutschen Anakreontiker eingeht:

ANACREONTIC. In Cl. poetry this is a line-form, but to the moderns it is a strophe, an ode form. Named after the Gr. poet Anacreon of Teos (6th c. B.C.), the regular A. verse ( ^ ^ — ^ – ^ ) is created by transposition of the fourth and fifth positions in the ionic (q.v.) dimeter ( ^ ^ ^ ^ ) by anaclasis (q.v.), whence the transference of the name from the meter and author to the genre. There is a run of As. in Euripides‘ satyr-play Cyclops (495-500). Subsequently, A. lines were employed by the authors of the Anacreontea, about 60 short lyrics on wine, women, and song, composed in imitation of Anacreon from antiquity into the Byzantine period. As. were also written in Lat. by the Emperor Hadrian (Scriptores Historiae Augustae: Hadrianl6A) and, in combination with iambs or other ionic meters, by Seneca and Claudian among others. Other writers of the late Empire like Martianus Capella (fl. later 4th c. A.D.) used the form, as did Prosper of Aquitaine, Boethius, and several Carolingian poets. In the modern period, as first ed. by Stephanus (Henri Estienne) in 1554, they had a considerable influence on Ren. and later European poets, e.g. on Ronsard and Remy Belleau in 16th-c. France and, in 16th-, 18th-, and 19th-c. Italy, on Tasso, Parini, Monti, Foscolo, and Leopardi, who translated and imitated many of these poems. A. imitation was even more in vogue in 18th-c. Germany among the so-called Anakreontiker (Gleim, Uz, Götz, and their predecessor Hagedorn). In England, Sidney experimented with an A. (Old Arcadia 32); Abraham Cowley seems to have first used the term in his Anacreontiques (1656), but probably the best known verse tr. is Odes of Anacreon (1800) by the Ir. poet Thomas Moore, dubbed by Byron „Anacreon Moore.“—L. A. Michelangeli, Anacreonte e la suafortuna nei secoli (1922); E. Merker, „Anakreontik,“ Reallexikon /; Norberg; K. Preisendanz, „Anacreontea,“ Der kleine Pauly, v 1 (1964); D. Korzeniewski, Griechische Metrik (1968); H. Zeman, Die deutsche anakreontische Dichtung (1972); M. Baumann, Die Anakreonteen in englischen Übersetzungen (1974); Michaelides; B. E. Kochis, „Literary Equivalence in the Rus. 18th-C. A.,“ DAI 40 (1979): 895A; Halporn et al.; Snell; West; D. A. Campbell, Gr. Lyric, v. 2 (1988); P. A. Rosenmeyer, The Poetics of Imitation (1992).

Anakreon einfach? Da bleibe ich lieber bei dem schlichten deutschen vierhebigen Trochäus, wie ihn z.B. Johann Wilhelm Ludwig Gleim pflegte (natürlich griechisch-reimlos):

Zefir.

Roſen blühn auf ſchwarzen Stökken.
Seht, wie ſich die Farben miſchen!
Lilien ſtehn, wie weiſſe Kronen,
Stolz auf grünen Heroldsſtäben.
Nelken ſtehn, wie bunte Kränze,
Auf gefärbten Schwanenhälſen.
Aber ſeht, ſie ſtehn ſo ſtille!
Läßt ſie Zefir ſo zufrieden?
Zefir, biſt du denn ſo müßig,
Oder biſt du weggeſchwärmet?
Kannſt du dieſe Flur verlaſſen?
Wohnſt du nicht in dieſem Garten?
Schwärmſt du nicht in dieſen Büſchen,
Die mein Prinz für dich gepflanzet?
Komm, es warten tauſend Nelken,
Komm, und ſchüttle ſie zuſammen,
Daß es läßt, als wenn ſie küßten!
Schwärme doch um tauſend Roſen!
Laß mich ſehn, ob ſich am liebſten
Roſen oder Nelken küſſen!
Zefir kannſt du nicht mehr ſchwärmen?
Oder biſt du weggeſchwärmet?
Sucht ihn doch, ihr muntern Knaben,
Sucht ihn doch, den Müßiggänger!
Kommt, dort wollen wir ihn ſuchen,
Dort bewegen ſich die Lilien.
Seid nur ſtill, ich hör ihn lachen,
Hört nur zu, er lacht recht laute!
Seht, dort ſchwärmt er um das Mädchen!
Seht, der Zefir iagt das Mädchen!
Seht, ietzt ſchwärmt er um den Buſen!
Seht, ietzt weicht die leichte Seide!
Seht, ietzt zeigt er uns den Buſen.
Kommt, wir wollen näher laufen,
Denn er ſoll uns noch was zeigen!

(1745) Mehr

bisheriger Gesamttext

Mellificae volucres,
quae per purpureas rosas
violas amaracumque
tepidique dona veris
legitis suave nectar,

Deutsch von Harry C. Schnur:

Honigerzeuger im Flug,
die aus Rosen ihr, dunkelrot,
die aus Majoran und Veilchen
und des lauen Frühlings Gaben
sammelt ein den süßen Nektar –

Bienenspäßchen 1

Daniel Heinsius oder Heins (1580-1655) war ein hochberühmter niederländischer Gelehrter und Dichter. Martin Opitz bewunderte ihn und übersetzte ihn, Heinsius wurde so zum Nothelfer der erfolgreichen deutschen Dichtungsreform des Martin Opitz. Selbst die junge Sibylla Schwarz in Greifswald übersetzte mindestens einen von Heinsens Texten.

„Bienenspäßchen“ bezieht sich auf ein lateinisches Gedicht von Heinsius, bei dem fast jede Zeile ein eigenes Metrum hat. Es findet sich im Original und in der Übersetzung von Harry C. Schnur in der Reclamausgabe „Lateinische Gedichte deutscher Humanisten, 1. Aufl. 1966, 3. durchges. u. ergänzte Aufl. 2015. Ich benutze es hier für den Spaß, jeden Tag ein Häppchen europäische Dichtung zu präsentieren, zugleich ein Crashkurs in klassischer Metrik.

Die Überschrift: „Lusus ad apiculas“, Schnur übersetzt: Ein Bienenspäßchen.

Vers 1:

Mellificae volucres,

Deutsch:

Honigerzeuger im Flug,

Der Vers ist ein Hemiepes (Hemi-Epes, halber Epenvers):

–uu–uu–

(– steht für Hebung oder lange Silbe, u für Senkung, kurze). Schnur erklärt: 1/2 Pentameter. Duden: „[unvollständiger] halber Hexameter“. Ja wat denn nu, Hexa- oder Penta-? Eigentlich kann man nur den Pentameter halbieren, weil er aus 2 gleichen Hälften besteht, während der Hexameter nie genau in der Mitte teilbar sein darf. Aber ja, wenn er unvollständig (katalektisch) ist, dann gehts wieder zusammen. Bin auf die Wortmeldungen der Experten gespannt.

Beim Suchen nach dem Text von Heinsius bescherte mir Google die Entdeckung, daß es die Formulierung „Mellificae volucres“ bei Theokrit gibt. Oder zu geben scheint, denn der schrieb ja griechisch. 1773 erschien in Leyden, lateinisch Lugdunum Batavorum, bei Ioann. Le Mair eine zweisprachige Ausgabe von 10 Idyllen Theokrits, Griechisch und Latein: Theocriti decem Eidyllia: latinis pleraque numeris a C.A. Wetstenio reddita, in usum auditorum cum notis edidit. Übersetzer war Carol Antoni de Wetstein, Herausgeber Lodewijk Caspar Valckenaer. Die Stelle mit den Bienen heißt Lateinisch:

Bildschirmfoto 2015-07-13 um 18.15.05

Voß übersetzt:

Bildschirmfoto 2015-07-13 um 18.12.04

Bei Wetstein ist „Mellificae volucres“ tatsächlich ein unvollständiger halber Hexameter.

Hat der gelehrte Heinsius an Theokrit gedacht? Wir behalten es im Auge. Morgen mehr!