Nachricht aus Lesbos

SARAH KIRSCH

Nachricht aus Lesbos

Ich weiche ab und kann mich den Gesetzen
Die hierorts walten länger nicht ergeben:
Durch einen Zufall oder starren Regen
Trat Wandlung ein in meinen grauen Zellen
Ich kann nicht wie die Schwestern wollen leben.

Nicht liebe ich das Nichts das bei uns herrscht
Ich sah den Ast gehalten mich zu halten
An anderes Geschlecht ich lieb hinfort
Die runden Wangen nicht wie ehegestern
Nachts ruht ein Bärtiger auf meinem Bett.

Und wenn die Schwestern erst entdecken werden
Daß ich leibhaft bin der Taten meines Nachbilds
Täterin und ich nicht meine Schranke
Muß Feuer mich verzehren und verberg ichs
Verrät mich bald die Plumpheit meines Leibs.

Aus: Sarah Kirsch, Zaubersprüche. Berlin, Weimar: Aufbau Verlag, 1973

Hier eine Interpretation

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Besinnung

Sarah Kirsch (16.4. 1935 – 5.5. 2013)

Besinnung

Was bin ich für ein vollkommener weißgesichtiger Clown
Am Anfang war meine Natur sorglos und fröhlich
Aber was ich gesehen habe zog mir den Mund
In Richtung der Füße

Erst glaubte ich das Eine dann an das Andere
Nun schneide ich mein Haar nicht mehr und horche
Wie dir und mir die Nägel wachsen, Hühnchen
Die Daunen ausgehen, sie Fett gewinnen

*

Ich sage was ich gesehen habe merkwürdig genug
Die Leute verkennen es geht um ernsthafte Dinge
Wie komisch sagen sie erzähl ich ein Unglück
Wenn sie lachen müssten, erschrecken sie

Nur Matrosen und Schofföre nicken bei meiner Rede
Die in den blauen Jacken können alles mit Beispielen belegen
Haben Koordinaten im Kopf, und
Was man trank vorher und nachher und dann
Schweigen sie

Aus: Sarah Kirsch, Sämtliche Gedichte
© 2005, Deutsche Verlags-Anstalt, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Ich wollte meinen König töten

Sarah Kirsch

Ich wollte meinen König töten

Ich wollte meinen König töten
Und wieder frei sein. Das Armband
Was er mir gab, den einen schönen Namen
Legte ich ab und warf die Worte
Weg die ich gemacht hatte: Vergleiche
Für seine Augen die Stimme die Zunge
Ich baute leergetrunkene Flaschen auf
Füllte Explosives ein- das sollte ihn
Für immer verjagen. Damit
Die Rebellion vollständig würde
Verschloß ich die Tür, ging unter Menschen, verbrüderte mich
In verschiedenen Häusern – doch
Die Freiheit wollte nicht groß werden
Das Ding Seele dies bourgeoise Stück
Verharrte nicht nur wurde milder
Tanzte wenn ich den Kopf
An gegen Mauern rannte. Ich ging
Den Gerüchten nach im Lande die
gegen ihn sprachen, sammelte
Drei Bände Verfehlung eine Mappe
Ungerechtigkeiten, selbst Lügen
Führte ich auf. Ganz zuletzt
Wollte ich ihn einfach verraten
Ich suchte ihn, den Plan zu vollenden
Küßte den Anderen, daß meinem
König nichts widerführe.

Das simple Leben

1.7.4.4.1.1.1.2.2.1.1.1.1 sarah kirsch: das simple leben

Textkette

Ausgewählt von Bettina Boeck

Für die Textkette – einen grünen Text auf Wunsch von Esther Ackermann. Er ist von Sarah Kirsch und stammt aus:

 

Das simple Leben

Die Stare verlassen nun ihre Schwärme, vereinzelten sich wieder, wir haben den uns zugeteilten gerne angenommen. Sitzt auf der mittleren Linde und reißt den Hals auf. Nun kommt Schwung in die Singerei da im Garten. Der Sound ist kunstvoller als zuvor, weil die Kerls keine Regeln einhalten, sondern alles Aufgeschnappte dazwischenmengen: Treckerlärm, Hundegequietsche und die Kantate jeweiligen Sonntags aus unserem Fenster. Ähnlich stehle ich mir auch alles zusammen, und verwandelte es meine Handschrift dann an.

(Sahra Kirsch)

 

17. Februar 2014