Inbegriff der Sache

„Willst du den Inbegriff der Sache, geh zu Sappho, Catull, Villon, zu Heine, wo er in Schwung ist, zu Gautier, wo er nicht allzu frostig ist, oder, falls du diese Sprachen nicht kannst, suche den geruhsamen Chaucer auf.“

Ezra Pound: Dichtung und Prosa, Berlin: Ullstein 1959, S. 148 (übersetzt von Eva Hesse).

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Bienenspäßchen 11

„Bienenspäßchen“ bezieht sich auf ein lateinisches Gedicht des niederländischen Dichters Daniel Heinsius (1580-1655), in dem fast jede Zeile ein eigenes Metrum hat. Es findet sich im Original und in der Übersetzung von Harry C. Schnur in der Reclamausgabe Lateinische Gedichte deutscher Humanisten, 1. Aufl. 1966, 3. durchges. u. ergänzte Aufl. 2015. Ich benutze es hier für den Spaß, jeden Tag ein Häppchen europäischer Dichtung zu präsentieren, zugleich ein Crashkurs* in klassischer Metrik.

Vers 11:

ebria rore –

Deutsch:

[Volk, von Götter-]
taue berauschtes,

Diesen Fuß kennt jedeR OdenleserIn: Adoneus, der vierte Vers der sapphischen Odenstrophe. Klingt im Deutschen manchmal etwas grobschlächtig: DAM-da-da-DI-da.

– u u – u

Christian Felix Weiße (1726-1804) übersetzte Sapphos Ode metrisch, aber gereimt:

Gleich den Göttern scheint mir der Mann beglücket,
Der dein schönes Aug in der Näh erblicket,
Süß dich lächeln sieht, sanft, zu dir gekehret,
    Reden dich höret.

August Wilhelm Schlegels Übersetzung der Aphroditeode beginnt:

Göttin du! glanzthronende Aphrodita!
Tochter Zeus', schlau fesselnde! laß dich bitten:
Nicht mit Unmut beuge mir oder Kummer
                  Hohe, die Seele.

Die weiteren Adoneen in seiner Fassung:

Lassend, von Golde

Fittiche wirbelnd

So dich gerufen

Sappho, dir Leides?

Wolltest du nicht auch!

Bundesgenossin

Goethe hat keine Oden geschrieben, aber seine freirhythmischen Jugendhymnen verraten Sprachgefühl oder/und Kenntnis griechischer Rhythmen. Adoneen sind z.B. (oft als Strophenschlüsse):

Pythius Apollo / Jupiter Pluvius / Dort hin zu waten (Wanderers Sturmlied)

Neben dir ausruhn (Der Wanderer)

Du mich beneidest (Prometheus)

Frühling, Geliebter! (Ganymed)

Spude dich, Kronos (An Schwager Kronos)

Neben dir wässerst (Harzreise im Winter)

*) Wohlgemerkt: Crashkurs, den ich (öffentlich) nehme, nicht gebe!

Bisheriger Gesamttext

Mellificae volucres,
quae per purpureas rosas
violas amaracumque
tepidique dona veris
legitis suave nectar,
tenerae cives
et seduli coloni
et incolae beati
hortorum redulentium;
gens divino
ebria rore –

Deutsch von Harry C. Schnur:

Honigerzeuger im Flug,
die aus Rosen ihr, dunkelrot,
die aus Majoran und Veilchen
und des lauen Frühlings Gaben
sammelt ein den süßen Nektar –
ihr bewohnt, Kleinchen,
und ihr bewerket fleißig
und ihr besiedelt glücklich
Gärten, welche von Düften schwer.
Volk, von Götter-
taue berauschtes,

Eigenschaften der Sapho

Anna Louisa Karsch (1722-1791) wurde meist „die Karschin“ genannt und erhielt auch den Beinamen „preußische Sappho“. Sie galt als Genie der Stegreifdichtung. Bei geselligen Zusammenkünften pflegte man ihr Reimwörter aufzuschreiben, auf die sie dann in kurzer Zeit ein Gedicht schrieb. Das Spiel – dem auch noch der junge Goethe huldigte – kam aus dem Französischen wie so vieles aus der (höfischen) Kultur und nannte sich „bouts rimés“ (gereimte Enden). Am 19.2.1762 schrieb ihr jemand in Halberstadt dies auf:

Wollen Sollen Rollen Kleid Gequollen Moͤglichkeit
Aufgeſchwollen Wiederrollen Zollen Zeit

Man merkt der Liste an, daß Unterhaltsam-Schlüpfriges erwartet wurde. Aber sie verstand es, auch aus sperrigem Reimmaterial etwas ihr Gemäßes zu machen. In wenigen Minuten hatte sie dieses Gedicht fertig (Textfassung des Deutschen Textarchivs in der Originalschreibung, die auch zwischen langem und rundem „s“ unterscheidet):

Eigenſchaften der Sapho.

Halberſtadt, den 19. Februar 1762.

Nicht immer will ich ſo, wie andre Leute wollen,
Die nicht Geſetze geben ſollen
Der Sapho, der Empfindungsvollen,
Die um den ſchoͤnen Geiſt nicht traͤgt ein ſchoͤnes Kleid,
Der in den Adern iſt ein Dichter-Quell gequollen
Zu aller Lieder Moͤglichkeit,
Der hoch von Zaͤrtlichkeit der Buſen aufgeſchwollen,
Die aus den Augen oft laͤßt Thraͤnen nieder rollen,
Dem Himmel ihren Dank zu zollen
Fuͤr dieſen goldnen Theil in ihrer Lebenszeit.

In der postumen Ausgabe „Gedichte“ (Berlin 1792) wird angemerkt:

Gedichtet in einer halben Viertelſtunde. Als ſie beim Ausfuͤllen dieſer Endreime mitſprechen wollte, und man ihr ſagte, ſie haͤtte ja genug zu ſchreiben, antwortete ſie:

Aufblicken iſt ja kein Verbrechen;
Hier denken kann ich ſchon, und dort mit Thyrſis
ſprechen.

Anmerk. Man wird faſt aus allen der Dichterin vorgeſchriebenen Endreimen ſehn, daß man darauf ausging, ſie zu einem Quodlibet zu verleiten, allein ihr ſtets gegenwaͤrtiger Geiſt wußte ſich auch hier augenblicklich zu ordnen.

If you’re squeamish…

Ein Gelehrter hat die Zeile zitiert und dadurch konserviert. Was bleibet, stiften die Übersetzer. Ein Film und ein paar Fassungen eines Fragments von Sappho.

145 Voigt:

Μὴ κίνη χέραδασ.
Mh` ki’nh xe’radas.

Mary Barnard, Sappho. A new translation. Univ. of California Press Ltd., 1958:

If you are squeamish

Don’t prod the
beach rubble.

(„Wenn du empfindlich bist, stoß nicht an die Strandsteine“ – Im Original womöglich mehrdeutiger!)

108Cox: Stir not the pebbles.

Michael Schröder: Sappho. Untergegangen der Mond. Lieder und Strophen. Artemis & Winkler 2006:

Rühr nicht Geröll an;
wirbel nicht Staub auf!

Andreas Bagordo, Sammlung Tusculum, Artemis & Winkler 2009:

Schütte nicht den Kies

Anne Carson: If not, Winter. Fragments of Sappho. New York: Alfred A. Knopf, 2002:

do not move stones

Überlieferung: Scholiast über Apollonius Rhodius.

Χεράδεσ (Xera’des) waren kleine Steinhaufen.

Sappho, Holzschnitt

Inc B-720

Sappho, Holzschnitt, handkoloriert aus Heinrich Steinhöwels Übersetzung von Giovanni Boccaccios „De mulieribus claris“, gedruckt von Johannes Zainer in Ulm ca. 1474. Es ist einer von 76 Holzschnitten in dem Buch, auf allen sind Frauen dargestellt, deren Geschichte im Buch erzählt wird.

Hie nach volget der kurcz sin von etlichen frowen / von denen johannes boccacius in latin beschriben hat, vnd doctor hainricus stainhöwel getütschet.

Library location

Record details

Author/Creator:
Boccaccio, Giovanni, 1313-1375.
Standardized title:
De mulieribus claris. German
Other title:
Goff title: De claris mulieribus = Von etlichen frowen
Von etlichen frowen
Publication:
Geendet seliglich zů Vlm : Von Iohanne zainer von Rutlingen, [ca. 1474]
Format/Description:
Book
[28], xxi-cxl leaves : ill. ; 27 cm. (fol.)

Penn Libraries call number: Inc B-720 All images from this book
Penn Libraries catalog record (Bestimmte Rechte vorbehalten)

 

Erinna an Sappho

Eduard Mörike

Erinna an Sappho

(Erinna, eine hochgepriesene junge Dichterin des griechischen Altertums, um 600 v.Chr., Freundin und Schülerin Sapphos zu Mitylene auf Lesbos. Sie starb als Mädchen mit neunzehn Jahren. Ihr berühmtestes Werk war ein episches Gedicht, »Die Spindel«, von dem man jedoch nichts Näheres weiß. Überhaupt haben sich von ihren Poesien nur einige Bruchstücke von wenigen Zeilen und drei Epigramme erhalten. Es wurden ihr zwei Statuen errichtet, und die Anthologie hat mehrere Epigramme zu ihrem Ruhme von verschiedenen Verfassern.)

»Vielfach sind zum Hades die Pfade«, heißt ein
Altes Liedchen – »und einen gehst du selber,
Zweifle nicht!« Wer, süßeste Sappho, zweifelt?
Sagt es nicht jeglicher Tag?
Doch den Lebenden haftet nur leicht im Busen
Solch ein Wort, und dem Meer anwohnend ein Fischer von Kind auf
Hört im stumpferen Ohr der Wogen Geräusch nicht mehr.
– Wundersam aber erschrak mir heute das Herz. Vernimm!

Sonniger Morgenglanz im Garten,
Ergossen um der Bäume Wipfel,
Lockte die Langschläferin (denn so schaltest du jüngst Erinna!)
Früh vom schwüligen Lager hinweg.
Stille war mein Gemüth; in den Adern aber
Unstet klopfte das Blut bei der Wangen Blässe.

Als ich am Putztisch jetzo die Flechten lös’te,
Dann mit Nardeduftendem Kamm vor der Stirn den Haar-
Schleier teilte – seltsam betraf mich im Spiegel Blick in Blick.
Augen, sagt’ ich, ihr Augen, was wollt ihr?
Du, mein Geist, heute noch sicher behaus’t da drinne,
Lebendigen Sinnen traulich vermählt,
Wie mit fremdendem Ernst, lächelnd halb, ein Dämon,
Nickst du mich an, Tod weissagend!
– Ha, da mit eins durchzuckt‘ es mich
Wie Wetterschein! wie wenn schwarzgefiedert ein tödlicher Pfeil
Streifte die Schläfe hart vorbei,
Daß ich, die Hände gedeckt auf’s Antlitz, lange
Staunend blieb, in die nachtschaurige Kluft schwindelnd hinab.

Und das eigene Todesgeschick erwog ich;
Trockenen Augs noch erst,
Bis da ich dein, o Sappho, dachte,
Und der Freundinnen all’,
Und anmuthiger Musenkunst,
Gleich da quollen die Thränen mir.

Und dort blinkte vom Tisch das schöne Kopfnetz, dein Geschenk,
Köstliches Byssosgeweb, von goldnen Bienlein schwärmend.
Dieses, wenn wir demnächst das blumige Fest
Feiern der herrlichen Tochter Demeters,
Möcht ich ihr weihn, für meinen Theil und deinen;
Daß sie hold uns bleibe (denn Viel vermag sie),
Daß du zu früh dir nicht die braune Locke mögest
Für Erinna vom lieben Haupte trennen.

Textgrundlage: Mörike, Eduard: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Im Auftrag des Ministeriums für
Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg und in Zusammenarbeit mit der Schiller-Nationalmuseum Marbach a. N. hg. v. Hans-Henrik Krummacher, Herbert Meyer u. Bernhard Zeller. Stuttgart 1967ff. (HKA). Bd. 1,1: Gedichte. Ausgabe von 1867. Erster Teil: Text. Hg. v. Hans-Henrik Krummacher. 2003. S. 133f.

Erstdruck 1864