Aphorismus

Nur mittelmäßige Werke sind untadelhaft, große Werke sind es nie.

Lucian Blaga (1895-1962), aus: Rumänische Rundschau 4/1970, S. 75

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Ana Blandiana PASTELL / MEIN LAND VON DEN FRÜCHTEN VERLASSEN

Ana Blandiana

PASTELL

Mein Land, von den Früchten verlassen,
Von den Blättern verlassen,
Von den Trauben verlassen,
Die in weiser Voraussicht in den Wein emigrierten,
Mein Land, von den Vögeln verraten,
Die eilends davongeschwirrt sind
Am verletzten, noch heiteren Himmel.

Auf ewig beschwichtigtes Land,
Duftend nach Gräsern,
Die gemächlich verdorren unter der Sonne,
Gläubige Spinnen
Verfertigen weißen Mull,
Um die Stellen des Laubs zu verbinden,
Die leer geblieben sind.

Nachts bringen die reifen Sterne
Deinen Himmel zur Gärung,
Und der Wind bläst bei Tage
Heftig und bitterlich.
Deine Stunden werden gemessen
Von den fallenden Nüssen,
Und es erleuchten dich
Respektvoll die Quitten.

(nach: SOMNUL DIN SOMN. 1977)

Aus dem Rumänischen von Roland Erb

Lucian Blaga JOHANNES GEISSELT SICH IN DER WÜSTE

Lucian Blaga

JOHANNES GEISSELT SICH IN DER WÜSTE

(Ioan se sfâsie în pustie)

Wo bist du, Elohim?
Die Welt ist dir aus den Händen fort geflogen
wie die Taube Noahs.
Vielleicht wartest du noch heute auf ihre Rückkehr.
Wo bist du, Elohim?
Wir gehen verängstigt und unwillig herum,
in den Einöden der Nacht halten wir Ausschau nach dir,
wir küssen im Staub den Stern unter den Füßen
und fragen nach dir – Elohim!
Den schlaflosen Wind halten wir an,
forschen die Luft nach dir aus mit den Nasen,
Elohim!
Die fremden Tiere überall in der Ferne halten wir an
und fragen nach dir, Elohim!
Bis zu den letzten Grenzen richten wir unseren Blick,
wir die Heiligen, die Wasser,
die Straßenräuber, die Steine,
und den Weg zurück wissen wir nicht mehr,
Elohim, Elohim!

(1926. Nach: LAUDA SOMNULUI. 1929)

Aus dem Rumänischen von Roland Erb

Stefan Aug. Doinas DER VERDRIESSLICHE ENGEL

Stefan Aug. Doinas (1922 – 2002)

DER VERDRIESSLICHE ENGEL

(Îngerul îmbufnat)

In der Stille, die wüstenleer war und hanfgelb,
als ich bitter irrte durch äschernes Feld,
bin ich plötzlich erwacht, da ging neben mir mit
jener Erzengel fürbass, mit rüstigen Schritt.

„Ach Erleuchteter du – an Harzen reiche Instanz -,
aus deinen Flügeln verströme eine Substanz
an die Dinge: dass alle, erblühend ringsum
mit strahlendem Geist sich erfülln im Azur!
Ach, Großmütiger, der du alle Gnade kannst geben,
warum solltest du nicht die Grenze aufheben
am Himmel: dass, wieder ins Licht gewendet,
sie Echo werden, wie sie’s zu Anfang gewesen…“

Aber er, mit dem bleiernen Flügel raschelnd,
mit irdischem Trippeln, kratzt aus der Asche
einen Garten aus Tränen mit seinen Nägeln.

Und ich wusste, mehr wird er niemandem geben.

(aus: VOLUPTATEA LIMITELOR)

Aus dem Rumänsichen von Roland Erb

Backofenhitze

George Bacovia

BACKOFENHITZE

Es gibt ein paar Tote in der Stadt, Geliebte,
Nur um das zu sagen, kam ich herein;
Auf dem Katafalk, von der Hitze im Ort –
Zersetzt allmählich sich schon ihr Leib.

Die Lebenden selbst wirken schon zersetzt
Mit ihrem Körper,dem die Glut entzieht seinen Saft;
Und ein Geruch nach Leichen ist, Geliebte,
Auch deine Brust scheint heute fast erschlafft.

Besprenge den Teppich mit Parfümen stark,
Bring Rosen, ich hülle dich damit ein;
Es gibt ein paar Tote in der Stadt, Geliebte,
Allmählich zersetzt sich schon ihr Leib…

(Aus dem Rumänischen von Roland Erb)

CUPTOR

Sînt cîtiva morti în oras, iubito,
Chiar pentru asta am venit sa-ti spun;
Pe catafalc, de caldura-n oras,
Încet, cadavrele se descompun.

Cei vii se misca si ei descompusi.
Cu lutul de caldura asudat;
E miros de cadavre, iubito,
Si azi, chiar sînul tau e mai lasat.

Toarna pe covoare parfume tari,
Adu roze pe tin sa le pun;
Sînt cîtiva morti în oras, iubito,
Si-ncet cadavrele se descompun…

(din: PLUMB. 1916 )

Stefan Augustin Doinas DIE BLÜTENSCHAUMWAAGE

Stefan Aug. Doinas

DIE BLÜTENSCHAUMWAAGE

Auf der Blütenschaumwaage der Pflaumenbäume am Abend
dürstetest du, gleich den Herzen im Tau.

Wie der Stier erbebte im trotzigen Ingrimm: die Stirne
brach frenetisch hervor zwischen schwarzen Hörnern,
wie eine Wespe, zur Hochzeit in die Trommel gesperrt,
drehte er sich im Kreis, stieß einen Dunst aus, einen Geruch,
zitterte in dem dunklen, haarig-verhüllten
Jauchzen gleich dem des nach Gräsern lechzenden Feuers,
taub machend unterm rasendenden Trappeln der Sterne!

Ach, ich träumte. Vielleicht ein Jahrhundert. Ich sah, bei der Mühle
tranken Libellen an stagnierenden Wassern,
bestechliche knöcherne Würfel hörte ich
nirgends-und-überall klappern; auf einmal
brach es, das Gleichgewicht; wie ein Schneesturm blies mich
leuchtend dein Herz von dem Baum in die Lüfte…

(Aus dem Rumänischen von Roland Erb)

TUDOR ARGHEZI Zwischen zwei Nächten

Tudor Arghezi

ÎNTRE DOUA NOPTI

Mi-am împlântat lopata taioasa în odaie.
Afara batea vântul. Afara era ploaie.

Si mi-am sapat odaia departe subt pamânt.
Afara batea ploaia. Afara era vânt.

Am aruncat pamântul din groapa, pe fereastra.
Pamântul era negru: perdeaua lui, albastra.

S-a ridicat la geamuri, pamântul pâna sus.
Cât lumea-i era piscul, si-n pisc plângea Isus.

Sapând s-a rupt lopata. Cel ce-o stirbise, iata-l,
Cu moastele-i de piatra, fusese însusi Tatal.

Si m-am întors prin timpuri, pe unde-am scoborât,
Si în odaia goala din nou mi-a fost urât.

Si am voit atuncea sa sui si-n pisc sa fiu,
O stea era pe ceruri. In cer era târziu.

Tudor Arghezi

ZWISCHEN ZWEI NÄCHTEN

Ich habe den scharfen Spaten ins Zimmer gestoßen.
Draußen blies Wind. Es hat in Strömen gegossen.

Ich hab mein Zimmer tief unter die Erde gegraben.
Es goss in Strömen. Der Wind hörte nicht auf zu klagen.

Durchs Fenster warf ich die Erde der Grube hinaus.
Die Erde war schwarz: es wogte der Vorhang des Blaus.

Die Erde stieg über das Fensterkreuz hoch empor.
Wie die Welt türmte der Gipfel sich, Christ weinte dort.

Mein Spaten ward stumpf beim Graben. Der mit Gewalt
Ihn zerbrach, war der Vater mit der Gebeine Basalt.

Ich kehrte zurück durch die Zeit, wo ich einst stieg hinab,
Unerträglich wie vorher war im Zimmer mein Tag.

Und hinauf steigen zum Gipfel wollte ich gern,
Spät wars im Himmel. Es stand am Himmel ein Stern.

(Aus dem Rumänischen übersetzt von Roland Erb)