JAN KOCHANOWSKI KLAGELIEDER (TRENY)

Jan Kochanowski (1530 Sycyna – 1584 Lublin)

KLAGELIEDER

V

Wie der Olivenbaum,so klein, im hohen Garten,
Dem Erdreich in der Mutter Spur entwachsen,
Welcher kein Zweiglein noch und noch kein Blatt hervorbringt,
Sondern nur eben erst als schwanker Stiel empor klimmt,
Wie dieser – den der Gärtner, jätend Unkraut,
Versehentlich mit Nesseln, Dornenranken abhaut –
Sogleich dahin welkt und, da er des Lebens Kraft verloren,
Vor der geliebten Mutter Füßen sinkt zu Boden:
So ist es dir, o liebste Ursula, geschehen,
Du hattest dich – dies durften unsere Augen sehen –
Etwas schon von der Erde aufgereckt; der Atem
Grausamen Todes streifte dich, du fielst dem Vater,
Der bangen Mutter vor die Füße. Proserpine,
Ach, wieviel Tränen, Ungerührte, lässt du rinnen?

(Deutsch von Roland Erb)

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Wenn Rußland

Adam Zagajewski

WENN RUSSLAND

Wenn Rußland von Anna Achmatowa
gegründet worden wäre, wenn
Mandelstam sein Gesetzgeber wäre
und Stalin nur eine Nebenfigur
in einem verschollenen georgischen
Epos, wenn Rußland sein
zottiges Bärenfell ablegte, wenn
es im Wort leben könnte und nicht
in der Faust, wenn Rußland, wenn Rußland

GDYBY ROSJA

Gdyby Rosja została założona
przez Annę Achmatową, gdyby
Mandelsztam był prawodawcą
a Stalin tylko marginesową
postacią w zaginionym gruzińskim
eposie, gdyby Rosja zdjęła swoje
nastroszone niedźwiedzie futro,
gdyby mogła żyć w słowie, a nie
w pięści, gdyby Rosja, gdyby Rosja

(Deutsch M.G.)

Tadeusz Rózewicz: ENTKOMMEN (OCALONY)

Textkette

(Weil mir ein von Sven Wenig ausgewähltes Gedicht Sarah Kirschs  gefallen hatte, bat er mich, einen Text des kürzlich verstorbenen polnischen Lyrikers, Dramatikers und Erzählers Tadeusz Różewicz (geb. 1921) herauszusuchen. Hier eines seiner frühen Gedichte, das unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden ist.)

 

Tadeusz Różewicz

Ocalony

Mam dwadzieścia cztery lata
ocalałem
prowadzony na rzeź

 

To są nazwy puste I jednoznaczne:
człowiek i zwierze
milość i nienawiść
wróg i przyjaciel
ciemność i swiatło

 

Człowieka tak sie zabija jak zwierzȩ
widziałem:
furgony porąbanych ludzi
którzy nie zostaną zbawieni.

 

Pojęcia są tylko wyrazami:
cnota i występek
prawda i kłamstwo
Piękno i brzydota
mȩstwo i tchórzostwo.

 

Jednako waży cnota i wystȩpek
widziałem:
człowieka który byl jeden
wystȩpny i cnotliwy.

 

Szukam nauczyciela I mistrza
niech przywróci mi wzrok słuch i mowȩ
niech jeszcze raz nazwie rzeczy i pojȩcia
niech oddzieli światło od ciemności.

 

Mam dwadzieścia cztery lata
ocałalem
prowadzony na rzeź.

(aus: Niepokój. 1947)

 

Entkommen

Ich bin vierundzwanzig
zur Schlachtbank geführt
bin ich entkommen.

 

Leere Vokabeln gleicher Bedeutung sind das:
Mensch und Tier
Liebe und Hass
Feind und Freund
Dunkel und Licht

 

Den Menschen schlachtet man  ab  wie das Tier
ich sah:
Lastwagen voll von Verstümmelten
die niemand erlöst.

 

Nichts als Worte sind die Begriffe:
Anstand und Laster
Wahrheit und Lüge
Schön und Hässlich
Mut und Feigheit.

 

Gleichviel wiegen Anstand und Laster
ich sah:
den Menschen der in einem
anständig und lasterhaft war.

 

Ich suche einen Lehrer und Meister
dass er mir Augenlicht, Sprache, Gehör zurückgibt
dass er noch einmal die Dinge und die  Begriffe benennt
dass er das Licht von der Finsternis scheidet.

 

Ich bin vierundzwanzig
zur Schlachtbank geführt
habe ich überlebt.

 

(Übersetzung: Roland Erb)

Vaterland. Ojczyzna

RAFAŁ WOJACZEK

vaterland

mutter klug wie ein kirchturm
mutter größer noch als die Römische Kirche
mutter lang wie die transsibirische
eisenbahn und wie die sahara breit

und fromm wie die parteizeitung
mutter schön wie die feuerwehr
geduldig wie der untersuchungsbeamte
und schmerzensreich wie im kindbett

real wie der gummiknüppel
mutter gut wie das bier von zywiec
die brüste der mutter zwei fromme stogramm

und besorgt wie die buffetfrau
muttergottes wie die königin polens
mutter fremd wie polens königin

OJCZYZNA

Matka mądra jak wieża Kościoła
Matka większa niż sam Rzymski Kościół
Matka długa jak transsyberyjska
Kolej i jak Sahara szeroka

I pobożna jak partyjny dziennik
Matka piękna niczym straż pożarna
I cierpilwa jak oficer śledczy
I bolesna jak gdyby w połogu

I prawdziwa jak gumowa pałka
Matka dobra jak piwo żywieckie
Piersi matki dwie pobożne setki

I troskliwa jakby bufetowa
Matka boska jak Królowa Polski
Matka cudza jak Królowa Polski

Wojaczek ist eine Legende und in Polen Schulstoff (im Netz finden sich zahlreiche Interpretationen und didaktische Materialien). Obige Übersetzung von Herbert Ulrich fand ich hier. Eine andere Übersetzung gibt es in dem Band R. Wojaczek, In tödlicher Not. Ausgewählte Gedichte. Aachen: Rimbaud, 2000. Das reimlose (aber durch Wortwiederholung und Anklänge locker gebundene) Sonett ist im Original in rhythmisch freien Zehnsilblern verfaßt. Das Wortspiel der letzten beiden Zeilen ist nicht übersetzt. Wörtlich etwa:

Mutter Gottes als Königin Polens
Mutter, fremde als Königin Polens

(matka boska und matka cudza sind durch Parallelismus und klangliche Nähe eng aneinander gebunden).

Im übrigen kann man Żywiec heute auch in Greifswald trinken.

Rafał Wojaczek

Im Juni 2001 las der polnische Dichter Tadeusz Różewicz zusammen mit dem befreundeten Dichter Kito Lorenc in Greifswald aus seinen Gedichten. Er war fast 80 und voll da, aber Augen und Beine wollten nicht mehr so richtig. Silke Peters holte ihn aus seiner Heimatstadt Wrocław ab und ich durfte ihn zurückbegleiten. In Wrocław rief er seinen Verlag an und veranlaßte, daß mir ein paar Bücher übergeben wurden, darunter die 1997 erschienene Ausgabe der Gedichte (Wiersze) des „polnischen Rimbaud“ Rafał Wojaczek (1945-1971). In einer Buchhandlung erwarb ich dazu die Biographie der „Skandalnudel“, „Legenden, Provokationen, Leben“ in Dokumenten. Eine deutsche Ausgabe erschien 2000 im Rimbaud-Verlag Aachen (Übersetzung: Gregor Simonides und Tobias Rößler).

DSCI4793

Ich begriff zu früh

Ich begriff zu früh die Worte von Mickiewicz, der sagte, es sei “schwerer, einen Tag gut zu leben als ein Buch zu schreiben”, ich begriff zu früh den Satz Tolstojs, der meinte, der Entwurf eines Schulbuchs habe für ihn eine größere Bedeutung als alle genialen Romane zusammengenommen.

Ich wandte mich damals ab von den ästhetischen Quellen.

Tadeusz Różewicz, Lyrik als Aktion, in: Akzente 1/ 1967, S. 5

Lyrik als Aktion

Für mich war die Lyrik also eine Aktion, und kein Schreiben schöner Gedichte. Meine Sache waren nicht Gedichte, sondern Fakten. Ich schuf – so dachte ich und denke ich immer noch – bestimmte Fakten, und nicht (mehr oder weniger gelungene) lyrische Gebilde. Ich reagierte auf Ereignisse mit Fakten, die ich in Gestalt von Gedichten formte – und nicht mit “Poesie”.

Tadeusz Różewicz, Lyrik als Aktion, in: Akzente 1/ 1967, S. 5

Dies schrieb ich gestern abend als „Motto des Tages“. Eben erfahre ich, daß Tadeusz Różewicz heute im Alter von 92 Jahren gestorben ist.