Das Belebende

Friedrich Hölderlin

Pindar-Kommentar

Das Belebende

Die männerbezwingende, nachdem
Gelernet die Centauren
Die Gewalt
Des honigsüßen Weines, plözlich trieben
Die weiße Milch mit Händen, den Tisch sie fort, von selbst,
Und aus den silbernen Hörnern trinkend
Bethörten sie sich.

Der Begriff von den Centauren ist wohl der vom Geiste eines Stromes, so fern der Bahn und Gränze macht, mit Gewalt, auf der ursprünglich pfadlosen aufwärtswachsenden Erde.
Sein Bild ist deswegen an Stellen der Natur, wo das Gestade reich an Felsen und Grotten ist, besonders an Orten, wo ursprünglich der Strom die Kette der Gebirge verlassen und ihre Richtung queer durchreißen mußte.
Centauren sind deswegen auch ursprünglich Lehrer der Naturwissenschaft, weil sich aus jenem Gesichtspuncte die Natur am besten einsehn läßt.
In solchen Gegenden mußt‘ ursprünglich der Strom umirren, eh‘ er sich eine Bahn riß. Dadurch bildeten sich, wie an Teichen, feuchte Wiesen, und Höhlen in der Erde für säugende Thiere, und der Centauer war indessen wilder Hirte, dem Odyssäischen Cyklops gleich; die Gewässer suchten sehnend ihre Richtung. Jemehr sich aber von seinen beiden Ufern das troknere fester bildete, und Richtung gewann durch festwurzelnde Bäume, und Gesträuche und den Weinstok, destomehr mußt‘ auch der Strom, der seine Bewegung von der Gestalt des Ufers annahm, Richtung gewinnen, bis er, von seinem Ursprung an gedrängt, an einer Stelle durchbrach, wo die Berge, die ihn einschlossen, am leichtesten zusammenhiengen.
So lernten die Centauren die Gewalt des honigsüßen Weins, sie nahmen von dem festgebildeten, bäumereichen Ufer Bewegung und Richtung an, und warfen die weiße Milch und den Tisch mit Händen weg, die gestaltete Welle verdrängte die Ruhe des Teichs, auch die Lebensart am Ufer veränderte sich, der Überfall des Waldes mit den Stürmen und den sicheren Fürsten des Forsts regte das müßige Leben der Haide auf, das stagnirende Gewässer ward so lange zurükgestoßen, vom jäheren Ufer, bis es Arme gewann, und so mit eigener Richtung, von selbst aus silbernen Hörnern trinkend, sich Bahn machte, eine Bestimmung annahm.
Die Gesänge des Ossian besonders sind wahrhafftige Centaurengesänge, mit dem Stromgeist gesungen, und wie vom griechischen Chiron, der den Achill auch das Saitenspiel gelehrt.

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Die Elbe

Karl Mickel

Die Elbe

Schwarz die Elbe, Schwemmholz rammt das Ufer
Regenböen treffen graue Eisschollen
Die Böschung ist befestigt, Stein an Stein
Granit und Porphyr von Dresden bis Hosterwitz
Kein Brocken ohne Inschrift, Initialen
Gespeerte Herzen, Hähne auf der Stange
Kratzen sich ein von Dresden bis Hosterwitz.
Die Rillentiefe mißt des Mädchens Keuschheit
Und Furcht oder Dauer der Fesselung:
Mit lockern Knien die Frauen zwischen Nummer
Und Nummer zwischen Gras und Heu, die Sieger
Eilen, den Triumpf in Stein zu metzen
Die Pause für die Nachwelt nutzend: kenne
Nun den Gleichen wieder! find die Gleiche!
Aus Seufzern Küssen Worten Ein Geflüster
An Einem Ufer gleich jung alle Väter
Und Mütter Söhne Töchter von Dresden bis Hosterwitz
Im dürren Weinberg von den schwarzen Ästen
Träuft der Regen wie ein Schwarm von Kirschblüten:
So sah ich das. Jedoch das exponierte
Material reicht weiter. Männer, Frauen
Vernetzt gekoppelt, schlagen Wellen, Fluß
Neben dem Fluß, der Verkehrsstrom
Reißt, der Interruptus auf der Straße
Und die Menge, wenn zwei Autos sich
Vernichteten, kreist um die Leere
Wie der Strom ums Aug des Strudels wirbelt.
Umgekehrt. Hier eine liegt am Boden
Gespickt rundum, und Reisig kerbt die Hüfte
Dann ziehen ihre Blicke aus der Leiche
Passanten. Glimmend um die Trümmer
Kreist das Volk von Weixdorf bis Pesterwitz
Sanft wie die Berge neben dem Fluß
(Czechowski) kriechen Bestien in die, aus dem
Zoo, bei Kindern, nach dem Angriff
Achselhöhlen. Und Berufsverkehr
Heißt, daß Der mit Jenem, Der mit Dieser
Es (Sein Wesen) treibt, und jedes Menschs
Verrichtung, wenn nur eines, und nicht sofort
Ein anderes die Lücke, wie es, besser
Oder schlechter, ist, füllt, fällt, nicht wäre:
Vgl. auch den Kommentar zu Pindar
Von Hölderlin, Belebendes (Kentauren)

Zeige nicht anderen, welche Bürde uns drückt!

1.6.8.4 pindar: Zeige nicht anderen, welche Bürde uns drückt!

Textkette

Ausgewählt von Jayne-Ann Igel
Aber natürlich habe ich etwas von Pindar, nur klemmte bei mir gestern die Textkette ob anderer Belastungen. Pindar hat u.a. etliche Lieder und Bittgesänge hinterlassen, einige der Lieder auch, wie aktuell, an die Olympioniken der Antike adressiert. Hier nun aus den wohl fragmentarisch überlieferten Hymnen Verse, die er an seinen Sohn gerichtet hat:

Zeige nicht anderen, welche Bürde uns drückt!
Eines nur will ich dir sagen:
Anteil an Schönem und Freudeerweckendem
sollte man offen vor allem Volke enthüllen;
trifft jedoch die Menschen ein gottverhängtes,
kaum erträgliches Unheil,
soll man, gebührend, in Dunkel es hüllen.

Benimm dich gegenüber Bürgern aller Städte,
mein Junge, ganz genau so wie die Haut
des seltsamen Polypen,
der fest am meerumschäumten Felsen haftet:
Was gerade vorliegt, mußt du eifrig loben,
mußt anderswo dann wieder anders denken!

Aus: Griechische Lyrik. Bibliothek der Antike. Aufbau Verlag, Berlin, 1980, S. 248. Übertragen von Dietrich Ebener.

‪Kristian Kühn gefällt das.

Von der Ruhe

1.6.8.3 pindar/hölderlin: Von der Ruhe

Textkette

Ausgewählt von Jayne-Ann Igel

Doch etwas von Pindar gefunden, das ein wenig kryptisch erscheint, passend auch zur Jetzt-Zeit:
Von der Ruhe

Das Öffentliche, hat das ein Bürger
In stiller Witterung gefaßt,
Soll er erforschen
Großmänlicher Ruhe heiliges Licht,
Und dem Aufruhr von der Brust,
Von Grund aus wehren seinen Winden; denn Armuth macht er
Und feind ist er Erziehern der Kinder.
Gefällt mir nicht mehr • 8. Februar 2014 um 16:41

Christa Schuenke und ‪Cornelia Eichner gefällt das.