Herrlich jung

Leur cas est fou, mais leur âge est superbe.

Ihr Fall? Verrückt, aber sie sind herrlich jung.

Paul Verlaine in dem Gedicht „J’admire l’ambition du Vers Libre“ (Ich bewundere den Ehrgeiz des Freien Verses), in dem er den jungen Dichtern Respekt zollt, aber ihre Bemühung für verfehlt hält, weil sich reimlose freie Verse nicht für die französische Sprache eignen.

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Es regnet (2): Erinnerung

Als ich nach Greifswald kam, fand gerade ein „Internationaler Hochschulferienkurs“ statt. Ich befreundete mich innerhalb wenig Tagen mit jungen Leuten aus Dänemark, Frankreich, Jugoslawien, Litauen, England und weiß woher noch. Wir feierten durch die Nächte, es war in der zugeschlossenen DDR immer ein Rausch und ein Hauch von Welt. Einmal spätnachts zitierte eine Französin Verlaine: Il pleut dans mon cœur comme il pleut sur la ville (Es regnet in meinem Herzen, wie es auf die Stadt regnet). Ich korrigierte: Il pleure dans mon cœur comme il pleut sur la ville (Es weint in meinem Herzen, wie es auf die Stadt regnet). Ich besaß die zweisprachige Ausgabe von Reclam Leipzig und hatte die Gabe, oft gelesene Gedichte in großer Zahl auswendig zu können, ohne sie lernen zu müssen. Die Französin stutzte und stritt, ich weiß nicht mehr ob wir gewettet haben, Internet stand noch nicht zur Verfügung, am nächsten Tag brachte ich das Büchlein mit. Der Grund für ihre Verwechslung war wahrscheinlich, daß dieses Gedicht mit einem Mottozitat von Rimbaud versehen ist: Il pleut doucement sur la ville (Es regnet sacht auf die Stadt). So fängt es doch mit Il pleut an.

Die Französin übrigens begann zwei oder drei Tage später mir aus dem Weg zu gehen, nicht wegen der Wette und auch sonst. Vermutlich hatte ihr ein deutscher Student gesagt, daß ich in Greifswald unbekannt war, und das hieß damals dort: Stasi („erst zu Beginn des Kurses hier aufgetaucht“)! Diese Veranstaltungen waren hochgradig stasiverseucht, junge Menschen, die unverständliche Gedichte zitieren, sind eine Gefahr für den Staat.

Heute könnte ich aus den Akten beweisen, daß ich nicht Spitzel war, sondern Bespitzelter. Damals gab es keine Chance, auf ungestellte Fragen zu antworten.

Et tout le reste est littérature

Am 30.3. 1843 wurde Paul Verlaine geboren.

Paul Verlaine

ART POÉTIQUE.

De la Musique avant toute chose !
Et pour cela préfère l’Impair
Plus vague et plus soluble dans l’air
Sans rien en lui qui pèse et qui pose.

Il faut aussi que tu n’ailles point
Choisir tes mots sans quelque méprise :
Rien de plus cher que la chanson grise
Où l’Indécis au Précis se joint.

C’est des beaux yeux derrière des voiles,
C’est le grand jour tremblant de midi ;
C’est, par un ciel d’automne attiédi,
Le bleu fouillis des claires étoiles !

Car nous voulons la Nuance encor,
Pas la Couleur, rien que la Nuance !
Oh ! la Nuance seule fiance
Le rêve au rêve et la flûte au cor !

Fuis du plus loin la Pointe assassine,
L’Esprit cruel et le Rire impur
Qui font pleurer les yeux de l’Azur,
Et tout cet ail de basse cuisine !

Prends l’Éloquence et tords-lui son cou !
Tu feras bien, en train d’énergie
De rendre un peu la Rime assagie ;
Si l’on n’y veille, elle ira jusqu’où ?

Oh ! qui dira les torts de la Rime ?
Quel enfant sourd ou quel nègre fou
Nous a forgé ce bijou d’un sou
Qui sonne creux et faux sous la lime.

De la Musique encore et toujours !
Que ton vers soit la chose envolée
Qu’on sent qui fuit d’une âme en allée
Vers d’autres cieux à d’autres amours !

Que ton vers soit la bonne aventure
Eparse au vent crispé du matin
Qui va fleurant la menthe et le thym !…
Et tout le reste est littérature.

Avril 1874. Paul Verlaine.

Erstdruck:

Paris Moderne. Revue littéraire et artistique.
Bd. 2, 1882/83, 10. November 1882, S. 144-145.

Deutsche Fassung aus: Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen von Joseph Jaffé. Hamburg 1908

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