Skeptisch

Poesie ist eine tief skeptische Kunst. Sie setzt eine außerordentliche Freiheit gegenüber unseren eigenen Gefühlen voraus.

(Paul Valéry)

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Comme au bord de la mer

1.9.3.1 paul valéry: Comme au bord de la mer

Textkette

Ausgewählt von Sven Wenig

 
Ein neuer Beitrag für die Textkette. Meine Aufgabe bekam ich – von Roland Erb – für das Liken Jessenins vorgeschlagen: Paul Valéry.

Nach dem französischen Gedicht folgt eine Übertragung von Hartmut Köhler.

 

 

Paul Valéry
„Comme au bord de la mer“

Comme au bord de la mer
Sur le front de séparation,
Sur la frontière pendulaire
Le temps donne et retire,
Assène, étale,
Vomit, ravale,
Livre et regrette,
Touche, tombe, baise et gémit
Et rentre à la masse,
Rentre à la mère,
Eternellement se ravise!
Sur le front battu de la mer
Je m’abîme dans l’intervalle de deux lames …
Ce temps à regret
Fini, infini …
Qu’enferme ce temps?
Quoi se resserre, quoi se rengorge?
Que mesure, et refuse, et me reprend ce temps?
Imposante impuissance de franchir, ô Vague!
La suite même de ton acte est se reprendre,
Redescendre pour ne point rompre
L’intégrité du corps de l’eau!
Demeurer mer et ne point perdre
La puissance du mouvement!
Il faut redescendre
Grinçante, à regret,
Se réduire et se recueillir,
Se refondre au nombre immuable,
Comme l’idée au corps retourne,
Comme retombe la pensée
Du point où sa cause secrète
L’ayant osée et élevée,
Elle ne peut toujours qu’elle ne s’en revienne
À la présence pure et simple,
À toutes choses moins elle-même,
Quoi que ce soit non elle-même,
Elle-même jamais longtemps,
Jamais le temps
Ni d’en finir avec toutes choses,
Ni de commencer d’autres temps…
Ce sera toujours pour une autre fois!
Une infinité de fois!
Un désordre de fois!

Entends indéfiniment, écoute
Le chant de l’attente et le choc du temps,
Le bercement constant du compte,
L’identité, la quantité,
Et la voix d’ombre vaine et forte,
La voix massive de la mer
Se redire : Je gagne et perds,
Je perds et gagne …
Oh! Jeter un temps hors du temps!

Plus que seul au bord de la mer,
je me livre comme une vague
A la transmutation monotone
De l’eau en eau
Et de moi en moi.

Nun die Übertragung von Hartmut Köhler. Wenn man freilich bedenkt, wie Valérys Gedicht in seiner rhythmischen Bewegtheit den Gang der Wellen nachahmt, erscheint diese inhaltliche Übertragung Köhlers nur wie der doch schwache Schatten einer großartigen Form. Aber eine formale Nachbildung des Textes schien von Hartmut Köhler auch gar nicht angestrebt (und ist wohl auch schwer zu erreichen). Die Übersetzung kann also nur zum Erschließen des Inhalts dienen, die Besonderheit dieses Gedichtes aber offenbart sich nur im französischen Original.

Wie [während] am Ufer des Meeres,
an der Trennungsfront,
an der schwingenden Grenze,
die Zeit gibt und wieder nimmt,
zuschlägt, verebbt,
auswirft, wieder verschluckt,
übermacht und zurückwünscht,
anrührt, niederfällt, küsst und stöhnt
und wieder zur Masse zurückgleitet,
zum Muttermeer,
sich unaufhörlich umbesinnt!
stehe ich an der bestürmten Meerfront
und versinke im Raum zwischen zwei Wellen …
Diese Zeit, ungern
begrenzt, unbegrenzt …
was birgt diese Zeit in sich?
Was zieht sich da zusammen, was schwillt da an?
Was bemisst und verweigert mir diese Zeit, und nimmt sie mir weg?
Beeindruckende Ohnmacht des Überschreitens, du Welle!
Auf dein Handeln muss sogleich ein Zurücknehmen folgen,
ein Wiederabfallen, um
die Geschlossenheit des Körpers des Wassers nicht zu zerstören!
Meer bleiben und die Kraft der Bewegung
nicht verlieren!
Es muss hinabgestiegen sein,
und knirschst du auch unwillig,
sich mindern gilt und sich zurückholen,
wieder eingehen in die unwandelbare Menge,
wie der Gedanke zum Körper zurück muss,
wie das Denken wieder herab muss
von dem hohen Punkt, den sein geheimer Grund
gewagt hatte,
kann es doch nie anders als zurückkommen
zum bloßen, einfachen Hiersein,
zu allem weniger seiner selbst,
was es auch sei, nicht es selbst,
wo es doch selbst nie lange währt,
nie die Zeit hat,
mit allem ein Ende zu machen,
schon gar nicht, andere Zeiten zu beginnen …
Immer wird es für ein andermal sein!
Für ein nächstes Mal und für ein übernächstes,
für unendlich viele Male! Eine Unzahl von Malen!

Vernimm ihn ohne Ende, höre
den Sang der Erwartung und den Drang der Zeit,
das beständige, wiegende Zählen,
die Selbigkeit, Mengenhaftigkeit,
und wie vergeblich stark die Schattenstimme,
die Massenstimme des Meeres
sagt und wieder sagt: Ich gewinne, verliere,
verliere, gewinne …
Oh, eine Zeit hinüberwerfen aus der Zeit!

Mehr als nur allein am Ufer des Meeres,
ergebe ich mich wie eine Welle
der eintönigen Verwandlung
von Wasser in Wasser
und von Ich in Ich.

 
9. Februar 2014




Michael Gratz ohne klick – danke!
 9. Februar um 21:29
Sven Wenig Und wie immer der Hinweis: wer auf „Gefällt mir“ klickt, bekommt eine Dichterin bzw. einen Dichter zugewiesen.
 9. Februar um 21:29