Lyrics

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Paul Celan

TÜBINGEN, JÄNNER

Zur Blindheit über-
redetete Augen.
Ihre – „ein
Rätsel ist Rein-
entsprungenes“ –, ihre
Erinnerung an
schwimmende Hölderlintürme, möwen-
umschwirrt.

Besuche ertrunkener Schreiner bei
diesen
tauchenden Worten:

Käme,
käme ein Mensch,
käme ein Mensch zur Welt, heute, mit
dem Lichtbart der
Patriarchen: er dürfte,
spräch er von dieser
Zeit, er
dürfte
nur lallen und lallen,
immer-, immer-
zuzu.

(„Pallaksch. Pallaksch.“)

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wir / wissen ja nicht, / was / gilt

Paul Celan

Zürich, zum Storchen

Vom Zuviel war die Rede, vom
Zuwenig. Von Du
und Aber-Du, von
der Trübung durch Helles, von
Jüdischem, von
deinem Gott.

Da-
von.
Am Tag einer Himmelfahrt, das
Münster stand drüben, es kam
mit einigem Gold übers Wasser.

Von deinem Gott war die Rede, ich sprach
gegen ihn, ich
liess das Herz, das ich hatte,
hoffen:
auf
sein höchstes, umröcheltes, sein
haderndes Wort —

Dein Aug sah mir zu, sah hinweg,
dein Mund
sprach sich dem Aug zu, ich hörte:

Wir
wissen ja nicht, weisst du,
wir
wissen ja nicht,
was
gilt.

Gelobt seist du, Niemand

Paul Celan

Psalm

Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unsern Staub.
Niemand.

Gelobt seist du, Niemand.
Dir zulieb wollen
wir blühn.
Dir
entgegen.

Ein Nichts
waren wir, sind wir, werden
wir bleiben, blühend:
die Nichts-, die
Niemandsrose.

Mit
dem Griffel seelenhell
dem Staubfaden himmelswüst
der Krone rot
vom Purpurwort, das wir sangen
über, o über
dem Dorn.

Ich grüßte die Trikolore

NACHMITTAG MIT ZIRKUS UND ZITADELLE

In Brest, vor den Flammenringen,
im Zelt, wo der Tiger sprang,
da hört ich dich, Endlichkeit, singen,
da sah ich dich, Mandelstamm.

Der Himmel hing über der Reede,
die Möwe hing über dem Kran.
Das Endliche sang, das Stete, −
du, Kanonenboot, heißt „Baobab“.

Ich grüßte die Trikolore
mit einem russischen Wort −
Verloren war Unverloren,
das Herz ein befestigter Ort.

Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2005, S. 150f

Hier das Gedicht auf einer Hauswand in Leiden

Paul Celan

PAUL CELAN

Espenbaum, dein Laub blickt weiß ins Dunkel.
Meiner Mutter Haar ward nimmer weiß.

Löwenzahn, so grün ist die Ukraine.
Meine blonde Mutter kam nicht heim.

Regenwolke, säumst du an den Brunnen?
Meine leise Mutter weint für alle.

Runder Stern, du schlingst die goldne Schleife.
Meiner Mutter Herz ward wund von Blei.

Eichne Tür, wer hob dich aus den Angeln?
Meine sanfte Mutter kann nicht kommen.

(Mohn und Gedächtnis. 1952)

War niemands Zeitgenosse

OSSIP MANDELSTAM

War niemands Zeitgenosse, wars in keiner Weise,
solch Ehre ist zu hoch für mich.
Ein Greul, wer da so heißt, wie sie mich heißen,
das war ein andrer, war nicht ich.

Zwei Schlummeräpfel nennt die Zeit ihr eigen,
ihr Herrschermund ist lehmig-schön.
Doch wird er sich der welken Hand entgegenneigen
des Sohns, der altert, im Vergehn.

Mit ihr, der Zeit, hob ich empor die Lider,
die schmerzenden, das Schlummerapfelpaar,
und sie, die Ströme, sie erzähltens wieder:
Wie Menschenzwist entbrannte, Jahr um Jahr.

Übersetzung Paul Celan

Нет, никогда, ничей я не был современник,
Мне не с руки почет такой.
О, как противен мне какой-то соименник,
То был не я, то был другой.

Два сонных яблока у века-властелина
И глиняный прекрасный рот,
Но к млеющей руке стареющего сына
Он, умирая, припадет.

Я с веком поднимал болезненные веки —
Два сонных яблока больших,
И мне гремучие рассказывали реки
Ход воспаленных тяжб людских.

Сто лет тому назад подушками белела
Складная легкая постель,
И странно вытянулось глиняное тело,–
Кончался века первый хмель.

Среди скрипучего похода мирового —
Какая легкая кровать!
Ну что же, если нам не выковать другого,
Давайте с веком вековать.

И в жаркой комнате, в кибитке и в палатке
Век умирает,– а потом
Два сонных яблока на роговой облатке
Сияют перистым огнем.

1924

Ossip Mandelstam: Gedichte. Aus dem Russischen übertragen von Paul Celan. Frankf./M.: Fischer Taschenbuch, 1988 (8.-9. Tsd., 1. 1983)

Zweisprachig in: O.M.: Hufeisenfinder. Leipzig: Reclam, 1975