Schlaflied für Mirjam

Richard Beer-Hofmann

Schlaf mein Kind, schlaf, es ist spät –
Sieh wie die Sonne zur Ruhe dort geht.
Hinter den Bergen stirbt sie in Rot.
Du, weißt nicht von Sonne und Tod.
Wendest die Augen zum Licht und zum Schein.
Schlaf, es sind so viel Sonnen noch dein.
Schlaf mein Kind, mein Kind schlaf ein.

Schlaf mein Kind, der Abendwind weht.
Weiß man woher er kommt, wohin er geht?
Dunkel verborgen die Wege hier sind
Dir und auch mir und uns allen mein Kind.
Blinde so gehn wir und gehen allein.
Keiner kann keinem Gefährte hier sein.
Schlaf mein Kind, mein Kind schlaf ein.

Schlaf mein Kind, und horch nicht auf mich.
Sinn hats für mich nur und Schall ists für dich.
Schall nur wie Windes wehn, Wassergerinn,
Worte vielleicht eines Lebens Gewinn!
Was ich gewonnen gräbt man mit mir ein.
Keiner kann Keinem ein Erbe hier sein.
Schlaf mein Kind, mein Kind schlaf ein.

Schläfst du Mirjam, Mirjam mein Kind?
Ufer nur sind wir und tief in uns rinnt
Blut von Gewesnen, zu Kommenden rollts.
Blut unsrer Väter voll Unruh und Stolz.
In uns sind alle, wer fühlt sich allein?
Du bist ihr Leben, ihr Leben ist dein.
Mirjam mein Leben, mein Kind, schlaf ein.

Richard Beer-Hofmann wurde am 11. Juli 1866 in Wien geboren und starb im Exil am 26. September 1945 in New York.

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EINSAM

Konrad Bayer

EINSAM

einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
einsam
zweisam
dreisam
vier samen
fünf samen
sechs samen
sieben samen
acht samen
neun samen
zehn samen
elf samen
zwölf samen
dreizehn samen
vierzehn samen
fünfzehn samen
sechzehn samen
siebzehn samen
korn

Abends

Hertha Kräftner (1928-1951)

Abends

Er schlug nach ihr. Da wurde ihr Gesicht
sehr schmal und farblos wie erstarrter Brei.
Er hätte gern ihr Hirn gesehn. – Das Licht
blieb grell. Ein Hund lief draußen laut vorbei.

Sie dachte nicht an Schuld und Schmerz und nicht
an die Verzeihung. Sie dachte keine Klage.
Sie fühlte nur den Schlag vom nächsten Tage
voraus. Und sie begriff auch diesen nicht.

(Kühle Sterne. Gedichte, Prosa, Briefe. Wieser Verlag, Klagenfurt 1997)

Der Reim

Franz Werfel

Der Reim
 
Der Reim ist heilig. Denn durch ihn erfahren
Wir tiefe Zwieheit, die sich will entsprechen.
Sind wir nicht selbst mit Aug,-Ohr,-Lippenpaaren
Gepaarte Reime ohne Klang-Gebrechen?
 
Das Reimwort meinst du mühsam zu bestechen,
Doch wird es unversehens offenbaren,
Wie Liebeskräfte, die zerspalten waren,
Zum Kuss des Gleichklangs durch die Fernen brechen.
 
Allein nicht jede Sprache hat geheiligt
Den reinen Reim. Wo nur sich deckt die Endung,
Droht leeres Spiel. Der Geist bleibt unbeteiligt.
 
Dieselben Silben lassen leicht sich leimen.
Doch Stamm‘ und Wurzeln spotten solcher Blendung.
Im Deutschen müssen sich die Sachen reimen.