Niemals

Niemals gehörte ich zu diesem Volk da (Arthur Rimbaud)

War niemands Zeitgenosse, wars in keiner Weise. (Ossip Mandelstam)

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Wenn Rußland

Adam Zagajewski

WENN RUSSLAND

Wenn Rußland von Anna Achmatowa
gegründet worden wäre, wenn
Mandelstam sein Gesetzgeber wäre
und Stalin nur eine Nebenfigur
in einem verschollenen georgischen
Epos, wenn Rußland sein
zottiges Bärenfell ablegte, wenn
es im Wort leben könnte und nicht
in der Faust, wenn Rußland, wenn Rußland

GDYBY ROSJA

Gdyby Rosja została założona
przez Annę Achmatową, gdyby
Mandelsztam był prawodawcą
a Stalin tylko marginesową
postacią w zaginionym gruzińskim
eposie, gdyby Rosja zdjęła swoje
nastroszone niedźwiedzie futro,
gdyby mogła żyć w słowie, a nie
w pięści, gdyby Rosja, gdyby Rosja

(Deutsch M.G.)

Catulls silberne Trompete

Oft bekommt man zu hören: Das ist gut, aber das ist von gestern. Ich dagegen sage: Das Gestern ist noch gar nicht geboren. Das gab es noch gar nicht richtig. Mich verlangt es wieder nach Ovid, Puschkin, Catull, und der historische Ovid, Puschkin, Catull befriedigt mich nicht. (…) Catulls silberne Trompete:

Ad claras Asiae volemus urbes

quält und beunruhigt stärker als alle futuristischen Rätsel. Das gibt es nicht auf Russisch. Aber das müßte es doch auf Russisch geben.

Ossip Mandelstam, Über Dichtung. Essays. Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer 1991, S. 11f.

Ossip Mandelstam HAB VERIRRT MICH IM HIMMEL

Ossip Mandelstam

Hab verirrt mich im Himmel – was tu ich?
Steh mir Rede doch, wem er vertraut.
Leichter wars da euch Danteschen Neun,
Den Athleten-Wurfscheiben, zu tönen!

Denn mich kann vom Leben nichts trennen –
Von Erdrosseln träumts, von Liebkosen,
Dass die Augen, Aughöhlen und Ohren
Florentinische Traurigkeit treff.

Legt mir nicht, legt mir nicht auf die Schläfen
Diesen spitzig-und-zärtlichen Lorbeer,
Eher spaltet mein Herz auseinander,
Dass tiefblau die Scherben erklingen.

Wenn ich sterb einst und ausgedient habe,
All mein Lebtag des Lebenden Freund,
Soll erstrahlen mir höher und heller
Himmels Widerhall weit in der Brust.

19. März 1937

(Übertragen von Roland Erb)

War niemands Zeitgenosse

OSSIP MANDELSTAM

War niemands Zeitgenosse, wars in keiner Weise,
solch Ehre ist zu hoch für mich.
Ein Greul, wer da so heißt, wie sie mich heißen,
das war ein andrer, war nicht ich.

Zwei Schlummeräpfel nennt die Zeit ihr eigen,
ihr Herrschermund ist lehmig-schön.
Doch wird er sich der welken Hand entgegenneigen
des Sohns, der altert, im Vergehn.

Mit ihr, der Zeit, hob ich empor die Lider,
die schmerzenden, das Schlummerapfelpaar,
und sie, die Ströme, sie erzähltens wieder:
Wie Menschenzwist entbrannte, Jahr um Jahr.

Übersetzung Paul Celan

Нет, никогда, ничей я не был современник,
Мне не с руки почет такой.
О, как противен мне какой-то соименник,
То был не я, то был другой.

Два сонных яблока у века-властелина
И глиняный прекрасный рот,
Но к млеющей руке стареющего сына
Он, умирая, припадет.

Я с веком поднимал болезненные веки —
Два сонных яблока больших,
И мне гремучие рассказывали реки
Ход воспаленных тяжб людских.

Сто лет тому назад подушками белела
Складная легкая постель,
И странно вытянулось глиняное тело,–
Кончался века первый хмель.

Среди скрипучего похода мирового —
Какая легкая кровать!
Ну что же, если нам не выковать другого,
Давайте с веком вековать.

И в жаркой комнате, в кибитке и в палатке
Век умирает,– а потом
Два сонных яблока на роговой облатке
Сияют перистым огнем.

1924

Ossip Mandelstam: Gedichte. Aus dem Russischen übertragen von Paul Celan. Frankf./M.: Fischer Taschenbuch, 1988 (8.-9. Tsd., 1. 1983)

Zweisprachig in: O.M.: Hufeisenfinder. Leipzig: Reclam, 1975

Viermal Petropolis

Осип Мандельштам

* * *

В Петрополе прозрачном мы умрем,
Где властвует над нами Прозерпина.
Мы в каждом вздохе смертный воздух пьем,
И каждый час нам смертная година.

Богиня моря, грозная Афина,
Сними могучий каменный шелом.
В Петрополе прозрачном мы умрем,-
Здесь царствуешь не ты, а Прозерпина.

1916

Paul Celans „behutsam freie“ Übertragung

Petropolis, diaphan: hier gehen wir zugrunde,
Hier herrscht sie über uns: Proserpina.
Sooft die Uhr schlägt, schlägt die Todesstunde,
Wir trinken Tod aus jedem Lufthauch da.

Den Helm, den steinernen, jetzt losgebunden,
Athene, meerisch, mächtig, schreckensnah!
Petropolis, diaphan: hier gehen wir zugrunde,
Nicht du regierst – hier herrscht Proserpina.

Igor Bulatovskys poetische Reflexion von Celans Verfahren anhand von Celans ersten zwei Wörtern:

Petropolis, diaphan…
P. Celan*

«Петрополь», «диафания» – в любом
из этих слов есть маленькое место,
где можно ткнуться вниз горячим лбом,
не думая о вычурности жеста.

Лишь черновой подстрочностью его
смутясь немного и гордясь немного,
прозрачное глотая вещество
начального бессмысленного слога.

* Начало перевода стихотворения Мандельштама
«В Петрополе прозрачном мы умрем…»

Jan Kuhlbrodt „verbrachte (…) die Nacht damit, dem Gesang dreier Dichter (s)ein Gezwitscher hinzuzufügen“:

Petropolis, diaphan …
P. Celan*

„petropolis“ und „diaphan“ – in jedem
dieser worte gibt es einen kleinen platz,
auf den man seine stirn ablegen kann,
nicht um über diese geste nachzugrübeln

wörtlich übersetzt zuerst, ist man
etwas verlegen und ein wenig stolz
wenn der sinn dann sichtbar wird
durch die anfangs wirren silben.

* Der Anfang von Celans Übersetzung eines Gedichtes von Mandelstam:
(В Петрополе прозрачном мы умрем…)

Hier die Texte mit Kuhlbrodts Kommentar