Oskar Loerke TOTENVÖGEL

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Oskar Loerke

TOTENVÖGEL
Von einem Berliner Friedhof

Ihn schließen Feuerwände ein,
Ganz leer und ohne Scharten:
Ein Nebel wankt von Stein zu Stein
Im schlimmen Totengarten.

Im Nebel sitzen dünn und matt
Die Toten in den Eschen
Und stieren nach der lieben Stadt
Durch Mauern ohne Breschen.

Ein Schlot schreibt wie ein Riesenstift
Im Nebel schwarze Reihen.
Die Toten plappern nach die Schrift,
So klug wie Papageien.

Irr schallt das wie des Windes Ritt,
Weil Kringel nichts bedeuten.
Ein Pianino klappert mit
Und fernes Trambahnläuten.

Der Nebel raucht bei Frau und Mann
Aus Ohren und aus Gaumen.
Sie fangen zu vergehen an
Und drehen mit dem Daumen.

Sie schmelzen rauchend in den Rauch
Und fallen aus den Kronen.
In blaue Streifen löst sich auch
Die dickste der Matronen.

Sie sieht ihr Bild im Glasherzschrein –
– Photographierte Glorie! –
Und auf dem Grab Vergißnichtmein
Und um das Grab Zichorie.

Und ist nicht mehr. Und jeder schwand,
Der tot im Totengarten.
Rings Feuerwand an Feuerwand,
Ganz leer und ohne Scharten.

(aus: „Pansmusik“. 1916)

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Oskar Loerke BLAUER ABEND IN BERLIN

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Oskar Loerke

BLAUER ABEND IN BERLIN

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;
Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.
Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

Im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen
Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz am Grunde stauen,
Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
Regt sie des Wassers Wille und Verstand

Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.

(aus: „Wanderschaft“. 1911)

Oskar Loerke Kleiner Bahnhof

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Oskar Loerke

KLEINER BAHNHOF

Du spielst, ein Luftzug, mit den weißen Tüchern
Der Tische in den leeren Wartesälen.
Die Kellnerinnen stricken über Büchern,
Versenkt, beklopft von eisernen Signalen,
Die Hämmer aus der schwarzen Glocke quälen.
Du spielst, ein Lufthauch, der sich selbst nicht kühlt.

Geranienkübel blühn an Eisenträgern,
Vom Kohlenrauch des Kessels plump umarmt.
Derweilen flieht nahbei vor seinen Jägern
Das arme Wild aus warmen Lager-Kralen
Zu einem Gotte, der sich nicht erbarmt.
Was spielst du? Weil ein Hauch sich selbst nicht fühlt.

Längst ist ein Mahlen in den Rädern rege,
Die Weiche klappt, es kreist das Immergleiche,
Die Birkenpilger horchen in die Teiche,
Wie Schicksal werden weiße Wolken groß,
Doch vorher schweigt der Bahnhof klein am Wege,
Da pulst ein Hauch wie Herzschlag herrenlos.

(aus: Der Silberdistelwald)

Vollmond

1.8.2 Oskar Loerke: Vollmond

Ausgewählt von Carlo Ihde im Auftrag von Anton Tariq

Vollmond
Mein Arbeitsraum war Feuer, Glanz von solcher Macht,
Wie wenn ein Geist, erschüttert schaffend, ihn erdacht.

Im Inneren der Flammen schliefen stumm
Viel Schatten, hier aus Ebenholz ein Säulentrumm,
Hier eine Wand, gestürzte Minaretts,
Geläutert aus der Glut des Feuerbetts.

Und da schattete, schien bunter Traum,
Der aus den Schatten aufgestanden war,
Schien Sklave, der mit müdem Farbentand
Behängt, zu Füßen seines Herren stand.

Auch ich stand meinem Herrn zu Füßen diese Nacht.
Mein Herz schlug laut. Fast wäre es vom Tod erwacht.

(Oskar Loerke)