Mein lieber Gott, schon wieder Morden!

Mein lieber Gott, schon wieder Morden!
Es war so hold und still geworden;
Kaum machten wir die Sklaven los,
Die Unsren, die in Ketten stöhnten …
Und wieder Blut der Bauern floß.
Denn schau, die Henker, die gekrönten,
Wie gierge Hunde, sind besessen
Aufs Schädel fressen.

1853-1859, Fort Nowopetrowsk

Deutsch von Erich Weinert

Ein Gedicht des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko (1814-1861)

Мій боже милий, знову лихо!..
Було так любо, було тихо;
Ми заходились розкувать
Своїм невольникам кайдани.
Аж гульк!.. Ізнову потекла
Мужицька кров! Кати вінчанні,
Мов пси голодні за маслак,
Гризуться знову.

[1853 — 1859, Новопетровське
укріплення — С.-Петербург]

Das Angenehme dieser Welt

Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen,
Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,
April und Mai und Julius sind ferne,
Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne!

Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zeitlicher Folge (Bremer Ausgabe) Bd. 12, München: Luchterhand, 2004, S. 41

Am 7.1. 1811 schrieb August Mayer an seinen Bruder, der „arme Hölderlin“ wolle einen Almanach herausgeben und schreibe dafür „täglich eine Menge Papiers voll“. Aus dem „Fascikel“, den ihm Hölderlin zum Durchlesen gegeben habe, teilt er u.a. die obenstehende Strophe mit.

Hölderlin war am 3.5.1807 aus der Tübinger Nervenklinik als unheilbar aber harmlos entlassen worden und lebte bis 1843 friedlich in seinem Turmzimmer am Neckar.

Georg Trakl

Else Lasker-Schüler

Georg Trakl

Georg Trakl erlag im Krieg von eigener Hand gefällt.
So einsam war es in der Welt. Ich hatt ihn lieb.

Aus: Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte. Hrsg. Friedhelm Kemp. München: Kösel Verlag, 1984, S. 151.

Ein Gedicht, das ich seit beinahe einem halben Jahrhundert kenne und fast genauso lange auswendig weiß, ich trage es manchmal als Ohr- oder Hirnwurm in mir. Das erste Gedicht von Else Lasker-Schüler, das mir begegnete, war Weltende, es stand in einem Schullesebuch, wenn es auch wahrscheinlich in der Schule nicht behandelt wurde, aber es begann seine magische Arbeit in mir. Trakl war mir damals, 1968, als eine Gedichtauswahl der Lasker im Aufbau Verlag erschien („Leise sagen“), zunächst nur der Name aus diesem Gedicht. Aber es änderte sich bald, im gleichen Jahr erschien die Reclamausgabe der Menschheitsdämmerung!

Heute vor 100 Jahren, am 3.11. 1914, starb Georg Trakl in einem Krakauer Militärhospital an einer Überdosis Kokain.

Intermezzo

Meine Anthologie

Joseph von Eichendorff

Intermezzo.

Wohl vor lauter Sinnen, Singen
Kommen wir nicht recht zum Leben;
Wieder ohne rechtes Leben
Muß zu Ende geh’n das Singen;
Ging zu Ende dann das Singen:
Moͤgen wir auch nicht laͤnger leben.

Eichendorff, Joseph von: Gedichte. Berlin, 1837. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/eichendorff_gedichte_1837?p=107&gt;, S. 89, abgerufen am 16.10.2014

20 Opfer

(Meine Anthologie)

Hannes Bajohr

20 OPFER

ist dir liebste dieses opfer nicht zu schwer?
		   das opfer von zwei minuten
 kann sehr leicht mein opfer werden,
wie der räuber im wald opfer 
       zurückhält: die opfer, die ich brachte, um
		       opfer zu verlangen.
	selbst wer ihr opfer geworden ist, hat
		  sein opfer; ich will es nicht ausdenken.
      auch hast du das opfer, das sie dir bringen,
		   das opfer, aus der gasse, in welcher
	 nur eines der opfer, 
	    der beiden opfer, 
	  das ständige opfer, 
		   ihr opfer war,
      das vorbestimmte opfer jedes die hand ausstreckenden gastes,
	 wohl gern zum opfer gebracht.
	    leicht ein opfer von klatschereien
bringe ich also solche opfer. 
		solche opfer zu bringen
		dieses opfer ist zu groß.
 

Anmerkung des Autors: [Konkordanzen des Schlüsselworts ›Opfer‹ aus Kafkas Werken (ohne Tagebücher) mit Concord 0.9 erstellt; anschließend manuell arrangiert und rechts und links selektiv geweißt.]

Gefunden hier

Heute, am 19. Mai

Meine Anthologie

Nguyen Chi Thien
(Hanoi 1939 – Santa Ana/USA 2012)
Heute, am 19. Mai

Heute, am 19. Mai
Als ich im Bett lag
War ich bereit, ein Gedicht zu schreiben, das Ihn verhöhnt.
Plötzlich stank die Poesie nach Ihm
Denn ich dachte
Ein beschissener Politiker wie er
Hat nicht verdient
Daß ich Schweiß vergieße
Für ein Gedicht über Ihn
Und sei es, um Ihn zu verhöhnen.
Selbst Marx
Dieser Scheißer von einem Vorfahren
Hat nicht eine Zeile von mir gekriegt!
Wozu also die Mühe?
Sollen die Lohnschreiber, Federhuren
Seinen Bart kämmen, seinen Kopf tätscheln, seinen Arsch küssen!
Ich hatte anderes zutun.
Soll Er zur Hölle fahren!

(1964)

Nach einer englischen Version übersetzt von Hans Thill.

(Gefunden in der Rubrik Stelen im Poetenladen)