Heimatlos

Max Herrmann-Neiße

Heimatlos

Wir ohne Heimat irren so verloren
und sinnlos durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen plaudern vor den Toren
vertraut im abendlichen Sommerwind.
Er macht den Fenstervorhang flüchtig wehen
und läßt uns in die lang entbehrte Bub
des sichren Friedens einer Stube sehen
und schließt sie vor uns grausam wieder zu.
Die herrenlosen Katzen in den Gassen,
die Bettler, nächtigend im nassen Gras,
sind nicht so ausgestoßen und verlassen
wie jeder, der ein Heimatglück besaß
und hat es ohne seine Schuld verloren
und irrt jetzt durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen träumen vor den Toren
und wissen nicht, daß wir ihr Schatten sind.

Heute vor 130 Jahren wurde Max Herrmann geboren, der sich nach seiner schlesischen Geburtsstadt Herrmann-Neiße nannte. Der Erfolgsautor floh 1933 vor seinen Lesern und Nicht-Lesern nach England, wo er 1941 vereinsamt starb. 1945 erschien im Ostberliner Aufbau-Verlag ein Heft mit letzten Gedichten, das schon 1946 in dritter Auflage auf 45.000 Exemplare kam. Darin auch das Gedicht „Heimatlos“.

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Max Herrmann-Neiße EIN DEUTSCHER DICHTER BIN ICH EINST GEWESEN

Max Herrmann-Neisse (1886 Neiße -1941 London)

EIN DEUTSCHER DICHTER BIN ICH EINST GEWESEN

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
die Heimat klang in meiner Melodie,
ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,
das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,
sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,
so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,
der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

In ferner Fremde mal ich ihre Züge
zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,
die Abendgiebel und die Schwalbenflüge
und alles Glück, das einst mir dort geschah.

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,
ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.

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