Im Hexameter

Schillers Merkvers für Distichen (aus den Xenien von Goethe und Schiller) und eine parodistische Antwort

Im Hexameter steigt des Springquells silberne Säule,
 Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.

(Schiller)

Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein;
 Im Pentameter drauf läßt er ihn wieder heraus.

(Matthias Claudius)

Advertisements

Abendlied

Matthias Claudius

Abendlied

Der Mond ist aufgegangen
Die goldnen Sternlein prangen
    Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
    Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
    So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
    Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? –
Er ist nur halb zu sehen,
    Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
    Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder,
    Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste,
Und suchen viele Künste,
    Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
    Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden,
Und vor dir hier auf Erden
    Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
    Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
    Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
    Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
    Und unsern kranken Nachbar auch!

Voßischer Musenalmanach, 1778, S. 184

Kriegslied

Matthias Claudius
Kriegslied
's ist Krieg! s' ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
         Und rede du darein!
's ist leider Krieg - und ich begehre
         Nicht schuld daran zu sein!
Was  sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
        Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagenen zu mir kämen,
        Und vor mir weinten, was?
Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
         Verstümmelt und halbtot
Im Staub vor mir sich wälzten und mir fluchten
          In ihrer Todesnot?
Wenn tausend, tausend Väter, Mütter, Bräute,
          So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
          Wehklagten über mich?
Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
            Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten, und mir zur Ehre krähten
            Von einer Leich herab?
Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
            Die könnten mich nicht freun!
's ist leider Krieg - und ich begehre
            Nicht schuld daran zu sein!

(1779)

Kieselsteine

Was versteht er eigentlich unter Poeten? – Helle reine Kieselsteine, an die der schöne Himmel und die schöne Erde und die heilige Religion anschlagen, daß Funken herausfliegen.

Matthias Claudius, Nachricht von meiner Audienz beim Kaiser von Japan. In: Matthias Claudius: Worauf es ankommt. Ausgewählte Werke. Nach Gattungen geordnet. Mit Einleitungen und einem Nachwort herausgegeben von Winfried Freund. Gerlingen: Lambert Schneider, 1995, S. 35.

Der Mensch

Matthias Claudius

Der Mensch

 Empfangen und genähret
   Vom Weibe wunderbar
 Kömmt er und sieht und höret,
   Und nimmt des Trugs nicht wahr:
 Gelüstet und begehret,
   Und bringt sein Tränlein dar;
 Verachtet, und verehret;
   Hat Freude, und Gefahr;
 Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
   Hält nichts, und alles wahr;
 Erbauet, und zerstöret;
   Und quält sich immerdar;
 Schläft, wachet, wächst, und zehret;
   Trägt braun und graues Haar etc.
 Und alles dieses währet,
   Wenn's hoch kommt, achtzig Jahr.
 Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder,
   Und er kömmt nimmer wieder.

An den Tod

An den Tod
an meinem Geburtstage

Laß mich, Tod, laß mich noch leben! –
Sollt’ ich auch wenig nur nützen,
Werd’ ich doch weniger schaden,
Als die im Fürstenschoß sitzen
Und üble Anschläge geben
Und Völkerfluch auf sich laden;
Als die, die Rechte verdrehen,
Statt nach dem Rechten zu sehen;
Als die, die Buße verkünden,
Und häufen Sünden auf Sünden;
Als die da Kranke zu heilen,
Schädliche Mittel erteilen;
Als die da Kriegern befehlen
Und grausam ihnen befehlen;
Der Helden Kriegskunst nicht nützen,
Um Länder weise zu schützen.
Tod, wenn sich diese nicht bessern,
Nimm sie aus Häusern und Schlössern!
Und wenn du sie nun genommen,
Dann Tod, dann sei mir willkommen.

Matthias Claudius wurde am 15.8.1740 geboren und starb am 21.1.1815.