Die Vertriebenen

Manfred Peter Hein

Die Vertriebenen

Wo ist das Land und wo sind die Zeugen –
Mein Vater starb am achten Mai am Tag
der Kapitulation. Und kam ums Leben
amtlich zur Ruhe
zwanzig Jahre später unter zwei trockenen Fichten
schräggesunken in Dantes Wald der Welt.

Sein letztes
mündlich überliefert
letztes Wort:

Es ist gut einen fahrbaren
Untersatz
zwei Achsen und vier Räder
zu besitzen.

(25.11. 1965)

In: Manfred Peter Hein, Ausgewählte Gedichte 1956-1986. Zürich: Ammann Verlag, 1993, S. 37.

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Ozersk

Manfred Peter Hein

Ozersk
die Buchstaben verschattet  
  auf diese Tastatur fällt kein Licht  
ich bin unterwegs  
             mit zehn Fingern  
  ich schreibe drei Namen  
dort und abseits am Fluß  
  hier und fremde Namen  
             auf einer Brücke am Mühlenwehr  
hinter der Stadt mündet der Fluß in einen Toten Arm  
  Kopfsteinpflaster wo ich stehe  
Hungerharke hinter mir die Stadt  
  zwischen Scheune und Amtsgericht auf der Straße  
ich schreibe Ozersk  
  Darkehmen  
             Angerapp an der Angerapp  
Hafer und Holunder  
  Schnee-Bunker  
             Dommert & Sammael  
und hier ist nichts seitdem und alles geschehen  
  was geschieht geht über die Straße  
ein Totengräber  
             dem Gott in den Bäumen erschien  
  als goldenes Licht:  
 
ICH ZÄHLE BIS ZEHN  
              DIE MÜHLE BLEIBT STEHEN  
ICH ZÄHLE BIS HUNDERT  
              DIE MÜHLE GEHT UNTER  
ICH ZÄHLE BIS TAUSEND  
              DIE MÜHLE GEHT SAUSEND

18. März 1965

In: Manfred Peter Hein, Ausgewählte Gedichte 1956-1986. Zürich: Ammann Verlag, 1993, S. 31.

Hier eine französische Version von Jean-René Lassalle