O du dicker Philosoph

Erasmus von Rotterdam wurde vermutlich am 28. Oktober 1466 (oder 1467/1469) in Rotterdam geboren; er starb am 11./12. Juli 1536 in Basel. Er war ein bedeutender niederländischer Gelehrter und Autor.

Erasmus von Rotterdam

Vertrauliche Gespräche

Gespräch eines Abtes mit einer gebildeten Frau

Antronius: Was sehe ich hier für eine Wohnungseinrichtung?

Magdalia: Ist sie denn nicht geschmackvoll?

Antronius: Wie geschmackvoll, weiß ich nicht; sicherlich wenig passend für eine junge Dame und für eine Hausfrau!

Magdalia: Inwiefern?

Antronius: Weil alles voller Bücher ist.

Magdalia: Hast du in deinem Alter als Abt und Höfling niemals Bücher in den Häusern vornehmer Damen gesehen?

Antronius: Doch, aber in französisch; hier dagegen sehe ich griechische und lateinische.

Magdalia: Vermitteln etwa nur französisch geschriebene Bücher Wissen?

Antronius: Nein, aber für vornehme Damen schickt es sich, etwas zu haben, woran sie sich in ihren Mußestunden erfreuen.

Magdalia: Ist es denn nur vornehmen Damen gestattet, gebildet zu sein und angenehm zu leben?

Antronius: Du bringst zu unrecht Bildung und angenehmes Leben in Zusammenhang: Gebildet zu sein ist nicht Frauensache; Sache vornehmer Damen ist es, ein angenehmes Leben zu führen.

Magdalia: Ist es nicht iedermanns Sache, ein rechtes Leben zu führen?

Antronius: Ja.

Magdalia: Wie kann denn aber einer angenehm leben, der nicht ein rechtes Leben führt?

Antronius: Nein, im Gegenteil: Wie kann denn einer ein angenehmes Leben führen, der rechtschaffen lebt?

Magdalia: Du vertrittst also die, die gewissenlos leben, wenn sie nur ein angenehmes Leben haben? (…) Oh du geistreicher Alter, du dicker Philosoph…

Aus: Der deutsche Renaissance-Humanismus. Abriß und Auswahl von Winfried Trillitzsch. leipzig: Reclam, 1981, S. 195f

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Mittelbahn und Schwulst

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Der geht die Mittelbahn, und liebet gleiche Schrift,
Doch fehlt ihm Geist und Kraft. Und wer was Hohes trifft
Wird schwülstig, weil er meint, der Hoheit wahre Sorten
Bestünden nur in Pracht und Ellen langen Worten.

Q. Horatii Flacci Gedancken von der Dicht-Kunst. In Deutsche Verse übersetzt nebst noch einigen andern Gedichten … von Carl Heinrich Langen. Lübeck: In verlegung seel. J.C. Schmidten wittwe, Gedruckt von J.N. Green, 1730 (Google books)

Die Stelle in der Übersetzung von Gerd Herrmann, , Tusculum Studienausgabe Briefe / Von der Dichtkunst, Düsseldorf/ Zürich: Artemis & Winkler, 2003, S. 117 (ich lasse das Zitat hier etwas früher einsetzen):

(…………………………………………….) Wir Dichter fast alle
Lassen uns täuschen vom Anschein des Rechten: streb‘ ich nach Kürze,
Werde ich dunkel; gelingt mir Glätte, so geht mir verloren
Kraft und Feuer; schwülstig gerät das gewaltsam Erhab’ne.

Maxima pars uatum, pater et iuuenes patre digni,
decipimur specie recti. Breuis esse laboro,
obscurus fio; sectantem leuia nerui
deficiunt animique; professus grandia turget;