Neubauviertel

Neubauviertel

Mein Hut der hat vier Ecken, vier-
Eckig ist die Gegend hier
Jedes Haus acht Kanten und vier Ecken
Keiner kann sich verstecken
Ich sah eine Frau mit eckigem Hintern
Die kam aus der eckigen Krippe mit eckigen Kindern
Weil die Umweit den Menschen formt
Ist alles genormt
In den üblichen Größen
Viereckige Mösen
Die Männer ziehn auch Ihre Konsequenzen
Mustergatten mit eckigen Schwänzen
Parallele Bewegungen
Der rechte Winkel das Eichmaß der Regungen

(1973)

Karl Mickel: Eisenzeit. Gedichte. Halle: Mitteldeutscher Verlag, 1975, #8

Advertisements

Elbflorenz

Jacques Schmitz

Elbflorenz

(voor Rainer K. en Karl M.)

Portrait Of Laura- Petrarch'S Beloved

Canzone-club, hun smachtende gezang en
gedichten. Beatristen, Laureaatjes,
Fiamettanten, allen beste maatjes.
Zij ook al zongen: Liedjes van verlangen.

Deden ‘t hoofs met vrouwen van hun dromen
en doolden dan, al dwepend, door Firenze.
Dichtend, denkend, verder niks te wensen.
Alleen al ‘t klaar gedachte deed hen komen.

Hun volgelingen, baarden likkend en frivool,
verre van platonisch, hoofs, schijnheilig.
Zo maakten die dan Elbflorenz onveilig –
de jongens van de Florentijnse school:

Zich loops en lyrisch wijdend aan van dattum.
Of nou getrouwd of zwanger, een pot: Nat ‘m!

*

De beroemdste Canzoniere (een verzameld dichtwerk) is wel de bundel met 366 sonetten en andere verzen, Rerum vulgarium fragmenta, die Francesco Petrarca (1304 – 1374) schreef voor zijn geliefde Laura. Petrarca, leraar en vriend van de negen jaar jongere Giovanni Boccaccio (1313 – 1375), de schrijver van de Decamerone en een uitvoerige verhandeling over de Divina Commedia van Dante Alighieri (1265 – 1321). Deze drie Italiaanse schrijvers en filosofen van de vroege renaissance zijn allen in of vlakbij Florence geboren en hadden een platonische verering voor hun geliefdes: Dante voor Beatrice, Petrarca voor Laura en Boccaccio voor Fiammetta.

De werkelijke identiteit van de drie dames is nog altijd omstreden. In die tijd werd in gedichten en liederen wel vaker de liefde voor vrouwen bezongen, echte en imaginaire. Van Dante zelf zijn er, behalve zijn gedichten, geen aanwijzingen over de identiteit van z’n Beatrice. Boccaccio echter meent in haar Bice Portinari te herkennen, dochter van een rijke handelaar. Maar wellicht is Beatrice alleen Dante’s eigen poëtische schepping. Anders was het gesteld met Petrarca’s geliefde Laure de Noves, die hij volgens eigen zeggen op Goede Vrijdag 1327 voor het eerst zag in de Saint-Claire kerk van Avignon. Zij was toen reeds twee jaar gehuwd met Hugo II de Sade, waarschijnlijk een van de voorvaderen van de beroemd-beruchte markies. Al is het nog altijd de vraag of zij ook werkelijk de Laura van de Canzoniere was. Volgens sommige interpretaties kan de naam ook afgeleid zijn van de lauwerenkrans van Petrarca, de poeta laureatus. Van Fiammetta heeft Boccaccio waarschijnlijk alleen de naam zelf verzonnen, want zijn ideale geliefde was in werkelijkheid de adelijke Napoletaanse Maria d’Aquino.

Karl Mickel (1935 – 2000) en Rainer Kirsch (geb. 1934) werden in of nabij Dresden (ook wel Elbflorenz genoemd) geboren. Ze bestudeerden de grote Italiaanse dichters van de renaissance, wier gedichten zij vertaalden. Beiden schreven zelf ook gedichten naar strenge, maar soms ook vrijelijk geinterpreteerde sonnetregels . De beide schrijvers van de Saksische Dichtersschool hadden een grote affiniteit met die van de “Florentijnse“. Alleen gingen ze in hun werk wat openhartiger om met hun liefdes en affaires. De gedichten Sonnet (Kirsch) en Tegensonnet (Mickel) getuigen daarvan, maar dat zijn lang niet de enige voorbeelden. Hun beider geliefde was Sarah Kirsch (1935 – 2013), maar die werd een stuk minder platonisch beschreven dan bij hun Toskaanse geestverwanten gebruikelijk. Ze was niet alleen de echtgenote van Rainer Kirsch, maar ook de moeder van een van Mickel’s kinderen. Ook aan hun Italiaanse voorbeelden hebben Mickel en Kirsch veelvuldig gerefereerd. Karl Mickel titelde zijn poëziebundel Vita nova mea (1966) naar Dante’s autobiografische Vita nova (1295) en beleerde met Dante in de hand de collega-dichter Wulf Kirsten (Inferno XXXIV. Voor Kirsten). Kirsch vertaalde, verwerkte en schreef ook zelf sonnetten naar het voorbeeld van Petrarca, zoals Naar Petrarca’s maat. Of ook de reeks Petrarca heeft kaasjeskruid in de tuin en zwijgt over de raadselen der wereld (2002).

Das Belebende

Friedrich Hölderlin

Pindar-Kommentar

Das Belebende

Die männerbezwingende, nachdem
Gelernet die Centauren
Die Gewalt
Des honigsüßen Weines, plözlich trieben
Die weiße Milch mit Händen, den Tisch sie fort, von selbst,
Und aus den silbernen Hörnern trinkend
Bethörten sie sich.

Der Begriff von den Centauren ist wohl der vom Geiste eines Stromes, so fern der Bahn und Gränze macht, mit Gewalt, auf der ursprünglich pfadlosen aufwärtswachsenden Erde.
Sein Bild ist deswegen an Stellen der Natur, wo das Gestade reich an Felsen und Grotten ist, besonders an Orten, wo ursprünglich der Strom die Kette der Gebirge verlassen und ihre Richtung queer durchreißen mußte.
Centauren sind deswegen auch ursprünglich Lehrer der Naturwissenschaft, weil sich aus jenem Gesichtspuncte die Natur am besten einsehn läßt.
In solchen Gegenden mußt‘ ursprünglich der Strom umirren, eh‘ er sich eine Bahn riß. Dadurch bildeten sich, wie an Teichen, feuchte Wiesen, und Höhlen in der Erde für säugende Thiere, und der Centauer war indessen wilder Hirte, dem Odyssäischen Cyklops gleich; die Gewässer suchten sehnend ihre Richtung. Jemehr sich aber von seinen beiden Ufern das troknere fester bildete, und Richtung gewann durch festwurzelnde Bäume, und Gesträuche und den Weinstok, destomehr mußt‘ auch der Strom, der seine Bewegung von der Gestalt des Ufers annahm, Richtung gewinnen, bis er, von seinem Ursprung an gedrängt, an einer Stelle durchbrach, wo die Berge, die ihn einschlossen, am leichtesten zusammenhiengen.
So lernten die Centauren die Gewalt des honigsüßen Weins, sie nahmen von dem festgebildeten, bäumereichen Ufer Bewegung und Richtung an, und warfen die weiße Milch und den Tisch mit Händen weg, die gestaltete Welle verdrängte die Ruhe des Teichs, auch die Lebensart am Ufer veränderte sich, der Überfall des Waldes mit den Stürmen und den sicheren Fürsten des Forsts regte das müßige Leben der Haide auf, das stagnirende Gewässer ward so lange zurükgestoßen, vom jäheren Ufer, bis es Arme gewann, und so mit eigener Richtung, von selbst aus silbernen Hörnern trinkend, sich Bahn machte, eine Bestimmung annahm.
Die Gesänge des Ossian besonders sind wahrhafftige Centaurengesänge, mit dem Stromgeist gesungen, und wie vom griechischen Chiron, der den Achill auch das Saitenspiel gelehrt.

Die Elbe

Karl Mickel

Die Elbe

Schwarz die Elbe, Schwemmholz rammt das Ufer
Regenböen treffen graue Eisschollen
Die Böschung ist befestigt, Stein an Stein
Granit und Porphyr von Dresden bis Hosterwitz
Kein Brocken ohne Inschrift, Initialen
Gespeerte Herzen, Hähne auf der Stange
Kratzen sich ein von Dresden bis Hosterwitz.
Die Rillentiefe mißt des Mädchens Keuschheit
Und Furcht oder Dauer der Fesselung:
Mit lockern Knien die Frauen zwischen Nummer
Und Nummer zwischen Gras und Heu, die Sieger
Eilen, den Triumpf in Stein zu metzen
Die Pause für die Nachwelt nutzend: kenne
Nun den Gleichen wieder! find die Gleiche!
Aus Seufzern Küssen Worten Ein Geflüster
An Einem Ufer gleich jung alle Väter
Und Mütter Söhne Töchter von Dresden bis Hosterwitz
Im dürren Weinberg von den schwarzen Ästen
Träuft der Regen wie ein Schwarm von Kirschblüten:
So sah ich das. Jedoch das exponierte
Material reicht weiter. Männer, Frauen
Vernetzt gekoppelt, schlagen Wellen, Fluß
Neben dem Fluß, der Verkehrsstrom
Reißt, der Interruptus auf der Straße
Und die Menge, wenn zwei Autos sich
Vernichteten, kreist um die Leere
Wie der Strom ums Aug des Strudels wirbelt.
Umgekehrt. Hier eine liegt am Boden
Gespickt rundum, und Reisig kerbt die Hüfte
Dann ziehen ihre Blicke aus der Leiche
Passanten. Glimmend um die Trümmer
Kreist das Volk von Weixdorf bis Pesterwitz
Sanft wie die Berge neben dem Fluß
(Czechowski) kriechen Bestien in die, aus dem
Zoo, bei Kindern, nach dem Angriff
Achselhöhlen. Und Berufsverkehr
Heißt, daß Der mit Jenem, Der mit Dieser
Es (Sein Wesen) treibt, und jedes Menschs
Verrichtung, wenn nur eines, und nicht sofort
Ein anderes die Lücke, wie es, besser
Oder schlechter, ist, füllt, fällt, nicht wäre:
Vgl. auch den Kommentar zu Pindar
Von Hölderlin, Belebendes (Kentauren)

Bier. Für Leising

Noch ein Biergedicht

Karl Mickel:

Bier. Für Leising

Maulfaul, schreibfaul bist du, Richard, gern
Stemm ich aufn Tisch zwei Ellenbogen
Und denke, es sind viere. weas steht zwischen
Uns? Bier. Helga! noch zwei große

Weiße Blumen auf dem gelben Stiel.
Was tue ich? sagst du, ich deute
An, sag ich. Die Wirklichweisen
Wenn die was sagen, sagen die: Naja

Ich kenne diese Frau, vom Hörensagen
Aber verbürgt: dreißig, neun Jahre am Fließband
Der zucken, wo sie geht und liegt, die Arme
Die läuft zum Psychiater, denn sie wünscht

Zu kündigen. Der Wunsch, klagt sie, sei krankhaft.
Wer Ohren hat zu sehen der wird schmecken.

entstanden 1973, ED in Karl Mickel: Eisenzeit. Gedichte. Halle: Mitteldeutscher Verlag, 1975.

Hier zum Anhören

Reisezehrung

1.6 karl mickel: reisezehrung

Ausgewählt von Kerstin Becker

Das Prinzip ist einfach – jede Person, welche das liked, kriegt eine(n) DichterIn oder SchriftstellerIn zugewiesen. Einfach ein Gedicht raussuchen, posten und so die lyrische Kette fortführen:

Reisezehrung

Drei Dinge sind es, die ich brauche jetzt:
Zum ersten) Geld für etwa drei / vier Jahre
Daß ich vor Kälte meine Zehen wahre
Für Nahrung und was sonst den Gaumen letzt –
Zum andern) an des Rands Peripherie
Ein Notquartier, wo ich die Knochen strecke
Sobald ich, daß keines mich entdecke
Den Schal zum Kinn, den Hut zur Nase zieh –
Und drittens schließlich) zwischen Zung und Zahn
Falls, wie zu fürchten, alle Fäden reißen
Das Käpselchen, gefälligst zum Zerbeißen
Was mir zu tun war, ist alsdann getan –
Der ich in Deutschland, dieses schreibend, sitze
Fühle es rollen auf der Zungenspitze

(Karl Mickel)

7. Februar um 18:07 ·

Dir, Fidel Klaufschneider, Kristian Kühn, Zac Baqule und 15 anderengefällt das.