Aus dem Totenbuch. kairo

1.6.1.2 gisela kraft: aus dem totenbuch

Textkette

Ausgewählt von Sven Wenig
Und noch ein Text für die Textkette: dieses Mal – als Reaktion auf ein Gedicht von Sylvia Plath – hat mir Pega Mund einen Text von Gisela Kraft vorgeschlagen. ACHTUNG!:
wer dies „likt“, bekommt von mir einen Vorschlag für eine*n Autor*in.

Ich wähle ein Gedicht aus dem Band
„Aus Mutter Tonantzins Kochbuch“,
über den ich vor Kurzem gepostet hatte:

Gisela Kraft:

„Aus dem Totenbuch“
kairo

o granatapfelverkäufer am ataba-platz
ich habe nie einen granatapfel
von dir gestohlen
o granatapfelverkäufer am ataba-platz
ich habe nie einen granatapfel
von dir gekauft
ich habe dich sitzen lassen
auf einem zerbrochenen stück
straßenpflaster
deine schöne aufgeschichtete pyramide
geputzter granatäpfel
habe ich nie berührt
und dir keinen einzigen
schmutzigen piaster
zukommen lassen
in deine armut habe ich mich
nicht eingemischt
um deine verdreckten kinder
nicht gekümmert
einen teller ful
für dich oder deine familie
habe ich dich nicht verdienen lassen
bin nicht beim zahlen
mit fremden fingern
gegen deine schwarze hand gestoßen
mein schlechtes arabisch und
meine wunderlichen fremdworte
sind nicht an dein ohr gedrungen
o granatapfelverkäufer am ataba-platz
ich bin überhaupt nicht stehen geblieben
ich habe dein warten nicht unterbrochen
ich habe deine dunklen augen
nicht auf meine weiße haut gerichtet
und auf die haarfarbe der ungläubigen
ich habe keine ware von dir geheischt
und keine gedanken
ich habe dir keine freude bereitet
und keinen neid
vor deinen thron aus zerbrochenem
straßenpflaster bin ich
nicht hingetreten
deinem szepter aus grünen blättern
des zitronenbaumes
aufgepflanzt auf einer pyramide
leuchtend blank geriebener granatäpfel
bin ich nicht zu nahe gekommen
eine baumlast leben
aufgetürmt im staub
auf einer braunen kupferplatte
am ataba-platz
ich habe um dich einen bogen gemacht
o granatapfelverkäufer
ich brauchte keine granatäpfel
ich versichere dir
auch vom granatapfelverkäufer
am tahrir-platz
und vom granatapfelverkäufer
am ramses-platz
und vom granatapfelverkäufer
am talat-harb-platz
und von jenem an einer ecke
der gomhoriya-straße
und an der sharia adli
und noch von vielen granatapfelverkäufern
habe ich keine granatäpfel gekauft
denn ich brauchte keine granatäpfel
aber ich brauche deine schöne aufgeschichtete
pyramide purpurner granatäpfel
mit dem szepter aus grünen blättern
des zitronenbaumes mitten darin steckend
in meiner erinnerung
an das leben in der wüste
der stadt in der du ein kauernder könig
die zerrissenen piaster deiner tage zählst
dein warten brauche ich um wegzulaufen
deine armut brauche ich um niemals
zur ruhe zu kommen
bis es keine armut mehr gibt
könig granatapfelverkäufer
du gehst schön unter
wenn die nächte aus staub
alle häuser unter sich begraben
o granatapfelverkäufer am ataba-platz
könig im leben und im tod
laß mich auch dieses mal
an deinem thron vorbeigehen
unbehelligt auf meinem weg in die finsternis

(So enthalten auch in: Gisela Kracht, „Istanbuler Miniaturen“/ 1981)

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