Epiphanias

Von Johann Wolfgang Goethe

Die Heil’gen Drei König‘ mit ihrem Stern,
Sie essen, sie trinken, und bezahlen nicht gern;
Sie essen gern, sie trinken gern,
Sie essen, trinken, und bezahlen nicht gern.

Die Heil’gen Drei König‘ sind kommen allhier;
Es sind ihrer drei und sind nicht ihrer vier;
Und wenn zu dreien der vierte wär‘,
So wär‘ ein Heil’ger Drei König mehr.

Ich Erster bin der Weiß‘ und auch der Schön‘,
Bei Tage solltet ihr erst mich sehn!
Doch ach, mit allen Spezerein
Werd‘ ich sein Tag kein Mädchen mir erfreu’n.

Ich aber bin der Braun‘ und bin der Lang‘,
Bekannt bei Weibern wohl und bei Gesang.
Ich bringe Gold statt Spezerei’n;
Da werd‘ ich überall willkommen sein.

Ich endlich bin der Schwarz‘ und bin der Klein‘
Und mag auch wohl einmal recht lustig sein.
Ich esse gern, ich trinke gern,
Ich esse, trinke und bedanke mich gern.

Die Heil’gen Drei König‘ sind wohlgesinnt,
Sie suchen die Mutter und das Kind;
Der Joseph fromm sitzt auch dabei,
Der Ochs und Esel liegen auf der Streu.

Wir bringen Myrrhen, wir bringen Gold,
Dem Weihrauch sind die Damen hold;
Und haben wir Wein von gutem Gewächs,
So trinken wir drei so gut als ihrer sechs.

Da wir nun hier schöne Herrn und Frau’n.
Aber keine Ochsen und Esel schau’n,
So sind wir nicht am rechten Ort
Und zieh’n unseres Weges weitet fort.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

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Was gab’s für Händel, für Insulte!

Johann Wolfgang Goethe, aus: West-Östlicher Diwan

HAFIS

Was in der Schenke waren heute
Am frühsten Morgen für Tumulte!
Der Wirth und Mädchen! Fackeln, Leute!
Was gab’s für Händel, für Insulte!
Die Flöte klang, die Trommel scholl!
Es war ein wüstes Wesen –
Doch bin ich, Lust und Liebe voll,
Auch selbst dabey gewesen.

Daß ich von Sitte nichts gelernt,
Darüber tadelt mich ein jeder;
Doch bleib‘ ich weislich weit entfernt
Vom Streit der Schulen und Catheder.

Locken, haltet mich gefangen…

Hatem

Locken, haltet mich gefangen
In dem Kreise des Gesichts!
Euch geliebten braunen Schlangen
Zu erwidern hab‘ ich Nichts.

Nur dies Herz, es ist von Dauer,
Schwillt in jugendlichstem Flor;
Unter Schnee und Nebelschauer
Ras’t ein Ätna dir hervor.

Du beschämst wie Morgenröte
Jener Gipfel ernste Wand,
Und noch einmal fühlet Hatem
Frühlingshauch und Sommerbrand.

Schenke, her! Noch eine Flasche!
Diesen Becher bring‘ ich Ihr!
Findet sie ein Häufchen Asche,
Sagt sie: „Der verbrannte mir“.

Johann Wolfgang Goethe, aus „West-Östlicher Diwan“, Buch Suleika. Man beachte das Reimspiel in der dritten Strophe.

Venezianische Epigramme 34

Johann Wolfgang Goethe, Venetianische Epigramme 34b

Frühe Fassung, 13 (35a)

Klein ist unter den Fürsten der Deutschen mein Fürst ich gesteh es
    Kurz und schmal ist sein Land, mäßig nur was er vermag
Aber mir hat er gegeben was Große selten gewähren.
    Stand, Vertrauen, Gewalt, Garten und Wohnung und Geld. [1]
Keinen braucht ich zu bitten als ihn und manches bedurft ich.
    Der ich mich auf den Erwerb schlecht als ein Dichter verstand.
Mich hat Europa gelobt[2]. Was hat mir Europa gegeben?
    Nichts! Ich habe noch oft[3] meine Gedichte bezahlt.
Deutschland ahmte mich nach und Frankreich mochte mich lesen[4]
    Und wie gefällig empfing England den leidenden Gast
Doch was hilft es mich, daß auch so gar der Chinese
    Mahlt mit geschäftiger Hand Werthern und Lotten auf Glas [5]
Nie hat nach mir ein Kayser gefragt nie hat sich ein König
    Um mich bekümmert und Er war mir August und Mecen. [6]

[1] Druckfassung 1815: Neigung, Muße, Vertraun, Felder und Garten und Haus.
[2] 1. Fassung: gekannt
[3] 1. F.: wie schwer!
[4] 1. F.: lies mich passieren
[5] Die „Leiden des jungen Werther“ erschienen 1774 in französischer, 1776 in holländischer, 1779 in englischer, 1781 in italienischer, 1783 in schwedischer und 1788 in russischer Übersetzung. Napoleon bezeichnete es als sein Lieblingsbuch und sprach mit dem Dichter darüber, nachdem er Thüringen besetzt hatte. 1779 wurden chinesische Glasmalereien mit Motiven des Romans in Deutschland bekannt.
[6] Kaiser Augustus förderte die Kunst und Kultur in Rom. Sein Zeitgenosse Maecenas förderte junge Künstler.

Am 28. August 1749 wurde Johann Wolfgang Goethe in Frankfurt/ Main geboren.

Venezianische Epigramme 12

Johann Wolfgang Goethe

Erste Fassung, 1790

Immer halt ich die Liebste begierig im Arme geschlossen
  Immer schliest sich mein Herz fest an den Busen ihr an.
Immer lehnt sich mein Haupt in ihrem Schoos und ich blicke
  Nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf.
»Weichling!» – Schölte mich einer. »Wie so verbringst du die Tage?«
  Ach, ich verbringe sie schlimm! Höre nur wie mir geschieht.
Allen meinen Freuden hab ich den Rücken gekehret.
  Schon den zwanzigsten Tag schleppt mich der Wagen umher.
Vetturine trozzen mir nun, es schmeichelt der Kämmrer
  Und der Bediente vom Platz sinnet auf Lügen und Trug
Will ich ihnen entgehn, so faßt mich der Meister der Posten
  Postillone sind Herrn! Dann die Dogane dazu!
»Ich verstehe dich nicht, du widersprichst dir! du schienest
  Paradiesisch zu ruhn, ganz wie Rinaldo beglückt![«]
Ach ich verstehe mich wohl: es ist mein Körper auf Reisen
  Und es ruhet mein Geist stets der Geliebten im Schoos.

Vetturine: Lohnkutscher

Kämmrer: (camariere) Kellner

Meister der Posten: ital. maestro di posta, Postmeister

Dogane: Zollbeamte

Rinaldo: Figur aus Torquato Tassos „Befreites Jerusalem“

Bild der Welt

Dieses ist das Bild der Welt,
Die mann für die beste hält,
Fast, wie eine Mördergrube,
Fast, wie eines Burschen Stube,
Fast so, wie ein Opernhauß,
Fast, wie ein Magisterschmauß,
Fast, wie Köpfe von Poeten,
Fast, wie schoene Raritäten,
Fast, wie abgeseztes Geld,
Sieht sie aus die beste Welt.

Goethe an seinem 16. Geburtstag am 28.8.1765 in dasStammbuch seines Freundes Friedrich Maximilian Moors, unterzeichnet:

Goethe
d. s. W. [schönen Wissenschaften] Liebhaber