Leute & Zeiten

Die Leute sagen immer:
Die Zeiten werden schlimmer.

Die Zeiten bleiben immer.
Die Leute werden schlimmer.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

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DIE LEIPZIGER FLIEGE

1.7.4.9. ringelnatz: die leipziger fliege

Textkette

Ausgewählt von Sven Wenig
Und noch eine Aufgabe für die Textkette: für das Liken von Peter Hille bekam ich Joachim Ringelnatz vorgeschlagen. Ich habe – EXTRA! – ein Stückchen herausgesucht für die alle vom Literaturinstitut:

Joachim Ringelnatz:
DIE LEIPZIGER FLIEGE

Ob wohl die Fliegen Eier in uns legen,
wenn sie so lange auf uns sitzen bleiben,
und wir sie, weil wir schlafen, nicht vertreiben?

Man sollte seinen Körper viel mehr pflegen.
Die Fliege, die mich darauf brachte,
Als ich in meinem Mietslogis erwachte,
War eine greisenhafte und ergraute,

Daß ich nur zaghaft mir getraute,
Sie wenigstens ein bißchen totzuschlagen.

Sie sterben im November sowieso
In Leipzig. (später als wie anderswo.)
Wie können Sterbende doch oft noch plagen,
das Alter stimmt nicht immer mild.

Sie sind unheimlich dann und boshaft wild.

Doch unter solcher feuchten Sumpfluft leiden
Alle. Leipzig hat seinen Hustenreiz.
Man sollte im November Leipzig meiden,
Nach Frankreich reisen oder in die Schweiz.

Die Fliege hat mir alle Lust genommen.
Ich bin nicht wach und bin auch nicht im Schlaf.
Als müsste ein Gewitter kommen.

Ob wohl ein Blitz je eine Fliege traf?

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Und ein Bonus zur Leipziger Fliege (diesmal im versöhnlichen Ton über Mensch und Natur): ein Text aus dem Nachlass

Joachim Ringelnatz:
VERSCHEN AUS DEM FUNDBÜRO

Die Fliege ist ein armer Schlucker.
Wer ihre Lebenskürze kennt,
Gönnt ihr das Bißchen Milch und Zucker
Und schlägt sie nicht vom Exkrement.
10. Februar 2014

‪Fidel Klaufschneider gefällt das.

Sven Wenig: Ach, Ringelnatz bekam ich von ‪Jan Kuhlbrodt zugeteilt.
Sven Wenig: Herrlich, wie Ringelnatz die Leser immer aus dem Metrum haut. „Sie sterben im November sowieso
In Leipzig. (später als wie anderswo.)
Wie können Sterbende doch oft noch plagen,
das Alter stimmt nicht immer mild.“ Erst Auftakt 5 Hebungen, 10 Silben, stumpfe Kadenz / dann Auftakt 5 Hebungen, 10 Silben, stumpfe Kadenz / dann plötzlich klingende Kadenz, es wären 5 Hebungen, wenn nicht in „Sterbende“ ein Daktylus – aber 11 Silben / dann der metrische Schlag vor den Latz: zwar Auftakt, aber nur 8 Silben, stumpfe Kadenz – zwar (zunächst als Waise wahrgenommen, der Reim folgt erst in der nächsten Zeile) „mild“ als letztes Wort der Zeile, aber das Gefühl: da fehlt doch was. Oder das: „Doch unter solcher feuchten Sumpfluft leiden /
Alle. Leipzig hat seinen Hustenreiz.“ Alle Zeilen des Gedichts lassen sich als Auftakt realisieren. Nur diese eine Zeile nicht: „Alle. Leipzig hat seinen Hustenreiz.“ Ich habe das Gefühl, Ringelnatz lässt hier ganz bewusst den Leser über das Metrum stolpern bzw.er stört an einigen Stellen den gleichmäßigen Fluß der Verse ganz bewusst.
10. Februar 2014
Fidel Klaufschneider: wie sollte man das nicht liken! (aber wir machen einen für 2, ja!)
10. Februar 2014
Sven Wenig: Natürlich. Ich teile nicht für jede Zeile zu. 
10. Februar
Sven Wenig: Das zweite ist ja nur „Bonus“. Stand am Ende der Werkausgabe und erschien mir passend.
10. Februar
Fidel Klaufschneider: nein, meine für 2x liken, verschiedene gedichte nur einen autor zugeteilt … sonst spielen bes. wir 2 noch ping pong und hätt sowieso noch einen sehr ähnlichen namen für dich gehabt! aber muss ich nicht noch einne von dir bekommen? oder von wem denn? (und auf Beckersches geheiß einen Heym suchen) … hab die übersicht verloren!!
10. Februar
Sven Wenig: Also von mir eigentlich nicht. Die Greiffenberg hast Du ja schon gepostet. Ich schulde Dir noch den József Attila.
10. Februar
Pega Mund: das kommt jetzt auf die to-like-liste, jawoll. 10. Februar
Sven Wenig: Hallo ‪Roland Erb. Kann ich auch für das Teilen wieder zuteilen? 
11. Februar
Roland Erb: Ja, gern. Ich kann aber leider erst in den nächsten Tagen reagieren.
11. Februar

Sven Wenig: Ok, da kann ich mir mit dem Überlegen auch noch Zeit lassen.
11. Februar