Unterm Stiefel

Horst Samson

UNTERM STIEFEL

In memoriam Miklós Radnóti (1909-1944)

Es krümmt sich
Der Zeigefinger, nichts
Ungewöhnliches, die Bewegung
Ist geübt. Zu seinen Füßen liegt
Ein Bündel – Fetzen, ein paar
Knochen, dünn wie trockene Äste
Neben der Straße bei Abda, nahe Györ.

Es knackt unter dem Stiefel, knallt,
Rotes Zeug sickert in den
Graben, Steckschuss im Genick klafft
Ein Loch, nicht ganz rund,
Die Haut unregelmäßig am Rande
Zerfetzt und nicht mehr
Zu gebrauchen. Für nichts!

Ich danke Horst Samson für die Erlaubnis, das unveröffentlichte Gedicht hier einzurücken.

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Sinn und Form 3/2014

sf3-14
Heft 3/2014 enthält:

[€ 9.00] ISBN 978-3-943297-17-1

Lethen, Helmut
Zeitspeicher der Entleerung. Carl Schmitts Tagebücher als Quelle der Werkdeutung, S. 293
Koepsell, Kornelia
Helden der Nacht. Gedichte, S. 304
Kienlechner, Sabina
Der arme Spitzel. Die rumäniendeutschen Schriftsteller und das juristische Debakel der Securitate-Aufarbeitung, S. 307 [Leseprobe]
Samson, Horst
Die geduckten Menschen. Gedichte, S. 320
Schlesinger, Klaus
„Eine Art Beweisnotstand“. Aus dem Tagebuch 1991. Mit einer Vorbemerkung von Astrid Köhler, S. 323 [Leseprobe]
Loschütz, Gert
„Ich war anders verletzt…“ Über Helga M. Novak, S. 344
Danto, Arthur C.
Man muß immer nach der Wahrheit suchen, wird sie aber nicht überall finden. Ein Gespräch über Kunst und Philosophie mit Robert Kudielka (2002), S. 355
Klein, Georg
Allwurzler, S. 363
Hamblyn, Richard
Die Krakatau-Briefe von Gerard Manley Hopkins, S. 375 [Leseprobe]
Hopkins, Gerard Manley
Die merkwürdigen Sonnenuntergänge, S. 379
Winkler, Eugen Gottlob
Sizilien. Mit einer Vorbemerkung von Heike Gfrereis, S. 385
Kleeberg, Michael
Bei den Göttern Malaysias, S. 396
Boda, Edit
Die Libellen des Flusses Pu, S. 407
Damm, Sigrid
„Er hat den alten Ekhof zu Gaste gehabt und mit dem alten Wein regaliert“. Goethe und der Gothaer Fürstenhof, S. 411
Stoessel, Marleen
Erinnerung an Otto Sander, S. 418
Magenau, Jörg
Geschichte, durch die Blume betrachtet. Für Helga Schütz, S. 422

Pünktlicher Lebenslauf

Horst Samson

PÜNKTLICHER LEBENSLAUF

meinem Vater gewidmet

Nachts setzt sich Vater
Den Stahlhelm auf,
Steckt sich ein Gebetbuch
In die Brusttasche
Und fährt mit seiner schwarzen NSU
Durch ein Minenfeld bei Narwa
In Richtung Leningrad.

Morgens um fünf
Ist er wieder da.

In: Horst Samson: Kein Schweigen bleibt ungehört. Gedichte. Ludwigsburg: Pop, 2013, S. 100.

Zur Entstehungsgeschichte hier.