tagelied / viel sueziu senftiu töterinne

1.7.4.4.1.1.1.1 heinrich von morungen: tagelied / viel sueziu senftiu töterinne

Textkette

Ausgewählt von Michael Gratz im Auftrag von Norbert Lange.

Lyrikzeitung dokumentiert die gemeinfreien Texte der auf Facebook vor kurzem begonnenen Anthologie Textkette. Ausgehend von einem Gedicht Kurt Tucholskys entwickelte sich in kurzer Zeit eine umfangreiche, schier exponentiell wachsende Anthologie nach folgendem Verfahren: Wer bei einem bereits vorhandenen Gedicht auf “Gefällt mir” klickt, erhält von der Person, die das Gedicht vorgeschlagen hat, einen Autor benannt, von dem er/sie wiederum ein Gedicht auswählen muß.*

 

Heinrich von Morungen, da ist man rechtlich auf der sicheren Seite. Der Minnesänger starb vor beinahe 800 Jahren in Leipzig. Kein Erbe und kein Anwalt verbietet das Abschreiben.

Ich schwanke, nehme ich das Taglied oder das kleine mit der sanften süßen Töterin? Ich nehme beides.

 

Vil süeziu senftiu toeterinne

Vil süeziu senftiu toeterinne,
war umbe welt ir toeten mir den lîp,
und ich iuch sô herzeclîchen minne,
zwâre vrouwe, vür elliu wîp?
Waenent ir, ob ir mich toetet,
daz ich iuch iemer mêr beschouwe?
nein, iuwer minne hât mich des ernoetet,
daz iuwer sêle ist mîner sêle vrouwe.
sol mir hie niht guot geschehen
von iuwerm werden lîbe,
sô muoz mîn sêle iu des verjehen,
dazs iuwerre sêle dienet dort als einem reinen wîbe.

In möglichst wörtlicher Rohübersetzung (Wörtlichkeit wichtiger als “richtiges” Verstehen):

Viel süße sanfte Töterin
warum wollt ihr mir den Leib töten,
wo ich euch so herzlich liebe,
wahrhaftig, Frau, mehr als alle Frauen?
Glaubt ihr, wenn ihr mich tötet,
daß ich euch nicht mehr anschauen kann?
Nein, meine Liebe zu euch hat mich dazu gebracht (genötigt),
daß eure Seele meiner Seele Herrin ist.
Soll mir hier nicht Recht geschehen
von euerm werten Leibe,
so wird meine Seele euch versichern,
daß sie dort eurer Seele dienen wird wie einem reinen Weib (einer unbefleckten Jungfrau).

Das folgende Lied schaffe ich heute nicht zu übersetzen, deshalb zunächst nur im Originaltext.

Owê, sol aber mir iemer mê
1
Owê, –
Sol aber mir iemer mê
geliuhten dur die naht
noch wîzer danne ein snê
ir lîp vil wol geslaht?
Der trouc diu ougen mîn.
ich wânde, ez solde sîn
des liehten mânen schîn.
Dô tagte ez.
2
‘Owê –
Sol aber er iemer mê
den morgen hie betagen?
als uns diu naht engê,
daz wir niht durfen klagen:
‘Owê, nu ist ez tac,’
als er mit klage pflac,
dô er jungest bî mir lac.
Dô tagte ez.’
3
Owê, –
Si kuste âne zal
in dem slâfe mich.
dô vielen hin ze tal
ir trehene nider sich.
Iedoch getrôste ich sie,
daz sî ir weinen lie
und mich al umbevie.
Dô tagte ez.
4
’0wê,-
Daz er sô dicke sich
bî mir ersehen hât!
als er endahte mich,
sô wolt er sunder wât
Mîn arme schouwen blôz.
ez was ein wunder grôz,
daz in des nie verdrôz.
Dô tagte ez.

 

‪Àxel Sanjosé, ‪Roland Erb und 2 anderen gefällt das.




Michael Gratz roland erb: urmuz
Michael Gratz àxel: espriu




Michael Gratz sven: da du schon so viel gejobbt hast, vielleicht ein wunschkandidat?
Michael Gratz horst bellmer: else von freytag-löringhoven

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ich bin nû sô rehte frô

1.6.4 walther von der vogelweide: ich bin nû sô rehte frô

Sven Wenig 

Textkette
Meine Aufgabe von Kerstin Becker: Walther von der Vogelweide!

Ich bin nû sô rehte frô (zit.n. Reclamausgabe Schweikle: „Walther von der Vogelweide: Werke – Gesamtausgabe; Band 2, Liedlyrik.“)

Ich bin nû sô rehte frô,
daz ich vil schiere wunder tuon beginne.
swénne ez sich gefüeget sô,
daz ich erwirbe mîner frouwen minne,
seht, sô stîgent mir die sinne
hôher danne der sunnen schîn. genâde, ein küniginne!

Ich ensach die guoten nie
sô dicke, daz ich daz gen ir verbære,
mirne spilten diu ougen ie.
der kalte winter was mir gar unmære:
ander liute dûhte er swaere,
mir wás die wîle, als ich enmitten in dem meien wære.

Disen wünneclîchen sanc
hân ich gesungen mîner frouwen ze êren.
dés sol si mir wizzen danc,
wan ích wil iemer durch si fröide mêren.
wol mag si mîn herze sêren,
waz dánne, ob si mir leide tuot? daz kán si wol verkêren.

Dar zúo enkunde nieman mir
gerâten, daz ich schiede von dem wâne.
kêrt ich mînen muot von ir,
wâ fúnde ich danne eine so wol getâne,
díu sô wære valsches âne?
si ist schoener únde baz gelobt denne Helêne und Dyâne.

Hoerâ Walther, wie ez mir stat
mîn trûtgeselle von der Vogelweide:
helfe suoche ich unde rât,
diu wól getâne tuot mir vil ze leide.
kunden wir gesingen beide,
daz ich mit ir müeste brechen bluomen an der liehten heide!

——————————–
Der Text in der Übertragung Friedrich Maurers (die Reihenfolge habe ich aber gemäß der Reihenfolge bei Schweikle geändert).

Ich bin jetzt so von Herzen froh,
daß ich gar bald anfange, Wunder zu tun.
Vielleicht wird es sich treffen,
daß ich die Minne meiner Herrin erlange.
Seht, deshalb hebt sich mein Mut
wohl höher als die Strahlen der Sonne: sei gnädig, Königin!

So oft ich die Schöne auch erblickt habe,
nie hätte ich vor ihr unterlassen können,
oft und immer wieder mit den Augen zu strahlen:
der kalte Winter war mir ganz gleichgültig.
Andere Leute dünkt er lästig:
mir war unterdessen, als ob ich mitten im Mai wäre.

Dieses freudevolle Lied
habe ich meiner Herrin zu Ehre gesungen.
dafür soll sie mir dankbar sein:
um ihretwillen werde ich alle Zeit mehr Freude schaffen.
Wohl kann sie mir mein Herz verwunden.
Was tuts, wenn sie mir Leid zufügt? Sie kann es wohl ändern.

Niemand verstünde es,
mich zu veranlassen, daß ich die Hoffnung aufgebe.
Wenn ich meinen Sinn von ihr abwenden wollte,
wo fände ich dann eine ebenso Schöne ,
die ohne Falsch wäre?
Sie ist herrlicher und höher gepriesen als Helena und Diana.

„Hör zu, Walther, wie es mir geht,
mein lieber Freund von der Vogelweide.
Rat und Hilfe suche ich:
die Herrliche tut mir viel zu leide.
Verstünden wir beide zu singen,
daß ich mit ihr Blumen brechen dürfte auf der sonnigen Heide!“

—————————

Warum dieser Text? Ich poste eines der (aus meiner Sicht) spannendsten Minnelieder Walthers, und zudem ein Lied mit zwei Besonderheiten:

1.) In der letzten Strophe redet sich Walther selber an. Dies ist für die Tradition des Minnesangs so ungewöhnlich, dass es zu be/deuten ist.

2.) Das Lied ist das einzige (!) Lied Walthers, in welchem im Abgesang kein neuer Reimklang eingeführt wird. Auch dies ist zu be/deuten.

Das Lied wird aus diesem Grund in der neueren Forschung unter dem – so die Mediävistin Ricarda Bauschke – „Phänomen der Doppelparodie“ gedeutet. Lange Zeit stand die Walther- Forschung im Bann der Reinmar- Walther Fehde. Dass aber ein anderer Dichter ebenso zentral scheint für Walthers Minnesang, wurde lange Zeit übersehen: Heinrich von Morungen!

Es gibt in dem Lied Walthers einige Referenzen an Morungens Lied MF 143,11 (XXIX). Ich kann auf diese Diskussion leider an dieser Stelle nicht eingehen, da sie zu komplex wäre. In der jüngeren Forschung überwiegt aber eine Lesart, die insbesondere die letzte Strophe als indirekten Kritik Walthers an Morungens Minnekonzept liest.

Reinhard Hahn fasst diese These in seinem Buch „Geschichte der mittelalterlichen deutschen Literatur Thüringens“ – mit Blick auf die letzte Strophe – wiefolgt zusammen:

„In der Schlussstrophe wendet der unglücklich Liebende (Morungen) sich Hilfe und Rat erflehend an den trûtgesellen von der Vogelweide: »Hoera, Walther…« Hier geht das Lied offensichtlich in die Burleske über, Walther stilisiert sich als Experte der erfüllten Liebe, worauf er mit dem »brechen bluomen an der liehten heide« deutlich hinweist. Indirekt übt er Kritik an einem Minnekonzept, in dem die aussichtslose, vergebliche, also unerfüllte Liebe dominiert“ (Reinhard Hahn: „Geschichte der mittelalterlichen deutschen Literatur Thüringens“ S. 140).

Und ich möchte diese Gelegenheit auch gleich nutzen, um auf dieses Buch von Reinhard Hahn hinzuweisen, das aus meiner Sicht wirklich das Zeug hat zum Grundlagenwerk für die mittelalterliche Dichtung im Raum Thüringens.Weiterlesen


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Sven Wenig Ich hatte ganz vergessen: Wer „Gefällt mir“ drückt, bekommt Lyriker zugeteilt. Aber wie kann man bei Walther nicht „Gefällt mir“ drücken? Wer mit dem mitteldeutschen Text nicht zurande kommt, der sei zunächst auf die Übersetzung weiter unten verwiesen.