Heute, am 19. Mai

Meine Anthologie

Nguyen Chi Thien
(Hanoi 1939 – Santa Ana/USA 2012)
Heute, am 19. Mai

Heute, am 19. Mai
Als ich im Bett lag
War ich bereit, ein Gedicht zu schreiben, das Ihn verhöhnt.
Plötzlich stank die Poesie nach Ihm
Denn ich dachte
Ein beschissener Politiker wie er
Hat nicht verdient
Daß ich Schweiß vergieße
Für ein Gedicht über Ihn
Und sei es, um Ihn zu verhöhnen.
Selbst Marx
Dieser Scheißer von einem Vorfahren
Hat nicht eine Zeile von mir gekriegt!
Wozu also die Mühe?
Sollen die Lohnschreiber, Federhuren
Seinen Bart kämmen, seinen Kopf tätscheln, seinen Arsch küssen!
Ich hatte anderes zutun.
Soll Er zur Hölle fahren!

(1964)

Nach einer englischen Version übersetzt von Hans Thill.

(Gefunden in der Rubrik Stelen im Poetenladen)

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Strafen nach Routine

1.7.4.8 prynne: strafen nach routine

Textkette
Ausgewählt von Hans Thill

(zu Peter Hille »Der Sonne Geburtstag«, ausgewählt von Jan Kuhlbrodt)

J. H. Prynne

Strafen nach Routine

Raffe das Halsband Glied für Glied,
in rascher Übereinkunft wird ausgeschlossen,
was schon die Gewohnheit will. Das steht felsen-
fest als Warenzeichen mit eingeräumter

Toleranz im Ausschlag als wählte man so
im Swing einen schönen neuen Schirm. Nichts
ändert die Absicht nichts zu ändern,
oder der Status ist unrein fundiert.

Das Halsband klickt sich ein am Rückstau der Echos,
ein Feld blinkt auf: kein Kommentar
eine hübsche Reglerdose, ein Stoßdämpfer vielleicht
bremst den Ausstoß auf gemeine Freizeitforderungen.

An der Halslinie wird dein eben gegebenes Wort
durch Stimmdruck blockiert, purer Zement
über dem Radius des Unreinen säubert die Lexik
als spräche man eifrig weiter so, weiter so, um

Schutz zu suchen an der Wartemauer des Geldes,
unberührt von den neureichen Lümmeln unter der Markise.
Das muß das Klatschen wartender Hände sein,
das in einem floralen Druck auf dem Ausschuß vergeht,

So weiß und zart wie versprochen, gehorcht es
der Hoffnung an sich, die bei genauer Feineinstellung
die Zündfunken treibt. Iß wenig
und rede nicht viel, wenn du im Mund blutest.

Aus dem Englischen von Michaela Schrage-Früh und mir

‪Jan Kuhlbrodt und 4 anderen gefällt das.
Raphael Kulturweider: das gibt aber ärger mit dem urheberrecht

N.N.: Lyriker_innen sind Outlaws, ‪Raphael.
Jan Kuhlbrodt: wir machen ein nachgeberrecht draus

Hans Thill: wieso gibt das ärger? von wem?

Michael Gratz: LyrikerInnen sind die letzten Outlaws. Gierige Enthusiasten kaufen ihre Bücher, ja sie schreiben ihre Texte ab um andere anzustecken. Das muß Ärger geben. Wie geschrieben steht: Es muß ja Ärgernis kommen; doch wehe dem durch welchen Ärgernis kommt.

Liebe Leute, ich sage euch: Gedichte die nicht mehr abgeschrieben werden sind tot. Die Enthusiasten nehmen euch nix weg, sie geben was. Wie kommt ihr nur auf sowas?