Kunstprodukt

Eine mir befreundete Dame, eine sehr bekannte politische Journalistin, schrieb mir vor einiger Zeit, “ich mache mir nichts aus Gedichten, aber schon gar nichts aus Lyrik”. Sie unterschied also diese beiden Typen. Diese Dame war, wie ich wußte, eine große Musikerin, sie spielt vor allem klassische Musik. Ich antwortete ihr, “ich verstehe Sie durchaus, mir zum Beispiel sagt Tosca mehr als die Kunst der Fuge”. Das soll heißen, auf der einen Seite steht das Emotionelle, das Stimmungsmäßige, das Thematisch-Melodiöse, und auf der anderen Seite steht das Kunstprodukt.

Gottfried Benn, aus: Probleme der Lyrik

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Das ist dann vielleicht ein Gedicht

Mit diesen Gedichten der Gelegenheit und der Jahreszeiten wollen wir uns nicht befassen, obschon es durchaus möglich ist, daß sich gelegentlich ein hübsches Poem darunter befindet. Aber ich gehe hiervon aus, weil dieser Vorgang einen kollektiven Hintergrund hat, die Öffentlichkeit lebt nämlich vielfach der Meinung: da ist eine Heidelandschaftoder ein Sonnenuntergang, und da steht ein junger Mann oder ein Fräulein, hat eine melancholische Stimmung, und nun entsteht ein Gedicht. Nein, so entsteht kein Gedicht. Ein Gedicht entsteht überhaupt sehr selten — ein Gedicht wird gemacht. Wenn Sie vom Gereimten das Stimmungsmäßige abziehen, was dann übrigbleibt, wenn dann noch etwas übrigbleibt, das ist dann vielleicht ein Gedicht.

Gottfried Benn, aus: Probleme der Lyrik

… im Herbst

… werden die Novembernebel in die Verse verwoben, im Frühling die Krokusse als Bringer des Lichts begrüßt, im Sommer die mohndurchschossene Wiese im Nacken besungen, zur Zeit der kirchlichen Feste werden Motive des Ritus und der Legenden in Reime gebracht — kurz, bei der Regelmäßigkeit, mit der sich dieser Vorgang abspielt, jahraus, jahrein, wöchentlich erwartbar und pünktlich, muß man annehmen, daß zu jeder Zeit eine ganze Reihe von Menschen in unserm Vaterland dasitzen und Gedichte machen, die sie an die Zeitungen schicken, und die Zeitungen scheinen überzeugt zu sein, daß das Lesepublikum diese Gedichte wünscht, sonst würden die Blätter den Raum anders verwenden.

Gottfried Benn, aus: Probleme der Lyrik (1950)

Kommt reden wir zusammen in der Nähe der Durchgangslager

Automatisches Übersetzen via Google, Babelfish & Co. ist für manchen Lacher gut. Man kann es aber auch produktiv einsetzen. Man nehme einen klassischen Text und jage ihn durch mehrere Sprachfassungen. Was herauskommt ist haarsträubend falsch, aber meist nicht ohne Poesie. Mancher allzubekannte Text bekommt wieder Biß, ja manchem wird vielleicht sein Geheimnis entrissen?

Ich fand einmal im Netz eine arabische Übersetzung des Gedichts „Kommt“ von Gottfried Benn, hier ist es:

Kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot,
es züngeln doch die Flammen
schon sehr um unsere Not.

Kommt, sagen wir: die Blauen,
kommt, sagen wir: das Rot,
wir hören, lauschen, schauen
wer redet, ist nicht tot.

Allein in deiner Wüste,
in deinem Gobigraun –
du einsamst, keine Büste,
kein Zwiespruch, keine Fraun,

und schon so nah den Klippen,
du kennst dein schwaches Boot –
kommt, öffnet doch die Lippen,
wer redet, ist nicht tot.

Hier einige Ergebnisse

Stufe 1 (via Arabisch)

Komm, komm, wir mit einigen der Diskussion zu sprechen, ist nicht tot brach nach San Flamme stark über Anaúna Kommen Sie, sagen wir, blau Kommen Sie, sagen wir, das Rote hören, zu hören, zu sehen , wer da spricht , sie ist nicht tot, und allein in Sahraúk in der Wüste Gobi von Grau wird allein sein, ohne die Statue ohne Monologe , ohne eine Frau und in der gleichen Zeit in der Nähe des Lager Sie, Ihr Boot schwach Komm, öffne deine Lippen genommen ist es nicht ein totes Wort für Wort

Stufe 2 (via Chinesisch)

Komm, komm, wir mit einigen der Gespräche zu sprechen und nicht sterben gebrochen die heilige Flamme stark Anaúna Kommen Sie, lassen Sie uns sagen , blau Kommen Sie, sagen wir, hören, rot , hören , schauen , wer da spricht , sie sind nicht tot, allein in Sahraúk Wüste Gobi in grau wird allein sein, kein Monolog keine Statue , keine Frau, in der gleichen Zeit in der Nähe des Lagers, die Sie , ist Ihr Boot schwach Komm, mach den Mund auf , es ist nicht ein toter genommen Wort für Wort

Come on, the sacred flame , come, we talk with some of the discussions and not die broken strongly Anaúna Come on, let’s say , blue Come on, say, hear , red, listen , look who’s talking , they are not dead, alone in Sahraúk Gobi desert in gray will be alone, not a monologue not a statue , not a woman, at the same time in the vicinity of the camp that you , your boat weak Come on, open your mouth , it’s not a dead specifically block taken word for word

via Englisch

Komm schon, die heilige Flamme, komm, wir mit einigen der Diskussionen und nicht sterben zu sprechen gebrochen stark Anaúna Komm, sagen wir mal, blau Kommen Sie, sagen wir, zu hören, rot, hören, schauen , wer da spricht, sie sind nicht tot, allein in Sahraúk Wüste Gobi in grau wird allein sein, kein Monolog keine Statue, keine Frau, in der gleichen Zeit in der Nähe des Lagers, die Sie, Ihr Boot schwach Komm, mach den Mund auf, es ist nicht ein toter speziell Block Wort für Wort genommen

mehrfach via Russisch – Litauisch – Telugu:

Komm, gehen Sie zu dem heiligen Feuer, wir reden ein bisschen schwer zu verstehen und zu ANAUNIA sagten, sie nicht allein in der Wüste Gobi Sahraúk grau, Filme, rot starben, hören, sagen wir, der blaue Komm, sagen wir, Komm, es ist eine Aussage , dass das Bild nicht sterben gebrochen und Nemoto, Ihre Schwach gleichzeitig man den Mund öffnet, in der Nähe der Durchgangslager, Komm, er einen literarischen Leben tySaulė, irstora symbolische Wertschätzung der Umwelt, vor allem in Bezug auf das Block nicht sterben

Komm, gehen Sie zu dem heiligen Feuer,
wir reden ein bisschen
schwer zu verstehen

und zu ANAUNIA sagten,
sie nicht allein in der Wüste
Gobi Sahraúk
grau,

Filme, rot starben, hören,
sagen wir, der blaue
Komm, sagen wir,
Komm, es ist eine Aussage ,
dass Bilder nicht sterben gebrochen

und Nemoto, Ihre Schwäche
gleichzeitig man den Mund
öffnet, in der Nähe der Durchgangslager,
Komm, er einen literarischen Leben

(Wenn das keine Poesie ist! Diese Übersetzungen, sage ich mit Brecht, sollen den Genuß an den klassischen Werken nicht zerstören, sondern reinigen.)

Satzbau

Gottfried Benn

SATZBAU

Alle haben den Himmel, die Liebe und das Grab,
damit wollen wir uns nicht befassen,
das ist für den Kulturkreis besprochen und durchgearbeitet.
Was aber neu ist, ist die Frage nach dem Satzbau
und die ist dringend:
warum drücken wir etwas aus?

Warum reimen wir oder zeichnen ein Mädchen
direkt oder als Spiegelbild
oder stricheln auf eine Handbreit Büttenpapier
unzählige Pflanzen, Baumkronen, Mauern,
letztere als dicke Raupen mit Schildkrötenkopf
sich unheimlich niedrig hinziehend
in bestimmter Anordnung?

Überwältigend unbeantwortbar!
Honoraraussicht ist es nicht,
viele verhungern darüber. Nein,
es ist ein Antrieb in der Hand,
ferngesteuert, eine Gehirnlage,
vielleicht ein verspäteter Heilbringer oder Totemtier,
auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus,
er wird vorübergehen,
aber heute ist der Satzbau
das Primäre.

»Die wenigen, die was davon erkannt« – (Goethe) –
wovon eigentlich?
Ich nehme an: vom Satzbau.

In: Gottfried Benn. Gedichte. In der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch, 1982, S. 370.

Geschrieben am 23.3. 1950. Erstdruck: Fragmente. Neue Gedichte. Wiesbaden 1951.