Lange Jahre nach dem Glase Dschemschids hat mein Herz begehrt

1.7.4.4.1.1.1.1.1.2.1 hafis: Das Herz begehrte Jahre lang

Ausgewählt von Sven Wenig im Auftrag von Mansur Arshama

21.3.2014 16:25 ·

Achtung Textkette: wer dies likt, bekommt ein Gedicht zugeteilt.

Für das zweite Liken eines Texts von Paul Fleming („Auff den lustigen Flecken Rubar in Gilan…“) durfte ich mir – da ich damals noch etwas mehr Zeit zum fleißigen Posten hatte – einen Dichter meiner Wahl heraussuchen (zugeteilt von Mansur Arshama). Nun blieb ich diese Aufgabe schon länger schuldig. Aber da gestern der Frühling (und mit ihm das altiranische Neujahrsfest „Nouruz“) begann, dachte ich mir: eigentlich ein schöner Anlass, einen Text von Hafis zu posten. Ich poste gleich drei Übersetzungen, da auch der Vergleich verschiedener Übersetzungen für die Lyrik höchst spannend ist.

Hafis: Ein Gedicht aus dem Diwan:
Das Original ist abgedruckt in RS I 318
= „Der Diwan des Grossen Lyrischen Dichters Hafis. Im persischen Original herausgegeben, ins Deutsche metrisch übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Vincenz Ritter v. Rosenzweig-Schwannau) S.318
(Einen Link zu dem Buch, der es jedem ermöglicht, sich das Buch Rosenzweigs per PDF herunterzuladen, setze ich in der Kommentarspalte).

IN DER ÜBERSETZUNG ROSENZWEIG-SCHWANNAUS:

Das Herz begehrte Jahre lang
Von mir Dschem’s Wunderglas
Es forderte vom fremden Mann
Das was es selbst besass ;

Die Perle, die sich immer noch
In ird’scher Muschel fand,
Sucht‘ es bei Männern, welche sich
Verirrt am Meeresstrand.

Zum alten Wirth trug gestern Nachts
Ich meine Zweifel hin.
Zu ihm, der stets mit scharfem Blick
Gelöst der Räthsel Sinn.

Ich traf ihn lächelnd und vergnügt,
In Händen den Pocal,
Und hundert Dinge schaute er
In jenes Spiegels Strahl.

Ich sprach: „Dies Glas, das Welten zeigt.
„Wann gab’s der Schöpfer dir?“
Er sprach: „Am Tag, als diesen Dom
„Geformt er aus Saphir.“

Er sprach: „Den Freund, durch den erhöht
„Das Haupt des Galgens ward,
„Beschuldigt man, dass immer er
„Geheimes offenbart.“

In jeder Lage weilet Gott
Beim Herzberaubten gern :
Doch dieser schauet nimmer ihn
Und wähnet Gott gar fern.

Dasselbe Gaukelspiel, das hier
Getrieben der Verstand,
Es trieb’s Sämir, der Gaukler, auch
Vor Moses Stab und Hand.

Wenn wieder mit der Hilfe Gunst
Der heil’ge Geist genaht,
So thut ein And’rer ebenfalls
Was einst Messias that.

Ich sprach zu Ihm: „Wozu wohl dient
„Der Götzen Ketten haar?“
Er sprach: „Hafis beklagt sich ja,
„Er rase immerdar.“

IN DER ÜBERSETZUNG FRIEDRICH RÜCKERTS

Mein Herz hat lange Jahre
Verlangt nach Dschemschids Glas
Es hat gesucht bei anderen
Was es bei sich besaß.

Die Perle, die der Muschel
Der Raumwelt sich entwandt,
Sucht’ es bei den verloren
Gegangenen am Strand.

Ich legte mein Anliegen
Dem alten Wirte vor,
Des klarer Blick die Rätsel
Mir oft gelöst zuvor.

Ich sah ihn froh und lachend,
Den Becher in der Hand,
In dessen Spiegel vieles
Er zu betrachten stand.

Ich sprach: „Wann hat ein Weiser
Dir dieses Glas vertraut?“
Er sprach: „Des Tags, an dem er
Den blauen Dom gebaut.“

Stets hatte der Verliebte
Gott bei sich selbst im Haus ;
Er sah ihn nicht und rückte
Gott fern von sich hinaus.

Dieselben Gaukelspiele,
Die jetzt treibt der Verstand,
Hat Samiri getrieben
Einst gegen Mosis Hand.

Er sprach: „Der Mann, durch welchen
Der Galgen heilig ward,
Er mußt’ es büßen, daß er
Geheimnis offenbart.

Die Gunst des heil’gen Geistes,
Wenn sie zum Beistand naht,
Tut auch ein anderer Wunder,
Wie der Messias tat.“

Ich sprach: „Wozu die Kette
Von schönen Locken soll?“
Er sprach: „Oft hat Hafis ja
Geklagt, sein Herz sei toll.“

IN DER ÜBERSETZUNG JOHANN CHRISTOPH BÜRGELS
(in seiner Reclamausgabe = Nummer 64):

Lange Jahre nach dem Glase
Dschemschids hat mein Herz begehrt,
Ich, der Fremdling, sollt’ ihm geben
was ihm selber angehört.

Ging und forschte bei den Männern,
die verloren irr‘n am Strand,
Jener Perle, welche keine
Muschel ird’scher Meere nährt.

Gestern trug ich meine Sorge
In des alten Magiers Haus,
der mit Sehkraft reinen Geistes
manches Rätsel schon geklärt.

»Wann«, so fragt‘ ich ihn, »o Meister,
gab dir Gott dies Weltenglas?«
»Es ist mein«, so rief er, »ewig,
seit die blaue Kuppel währt!

Gott ist, glaub es, nahe jedem,
der sein Herz in Lieb‘ verlor;
Sieht er ihn gleich nicht und wähnet
Ihn sich fern und abgekehrt.

Jenem Gaukler, den besiegten
Moses Stab und Moses Hand,
Gleichet der Verstand – sei wachsam!
Leicht wird sonst dein Herz betört.

Denk an unsern Freund, den ˃Frevler˂,
der am Galgen starb, weil er
Herz-Geheimstes auszusprechen
seiner Zunge nicht verwehrt.

Das, was der Messias wirkte,
allenthalben widerfährt,
Wenn der Hauch des Heil’gen Geistes
auf den Menschen niederfährt!«

»Was bedeutet denn«, so fragt‘ ich
»meines Götzen Lockenpracht?«
»Ketten« sprach er, »dem, der klaget,
Lieb‘ hab‘ ihm die Stirn verstört!«

DREI DINGE MÖCHTE ICH GERN NACHSCHICKEN:

1.) Ich habe einen Text gewählt, der einiges Wissen voraussetzt und einen sehr kunstvollen Argumentationsgang hat. Ich weiß deswegen nicht, ob er voraussetzungslos zu verstehen ist. Nun kann man die verschiedenen Übersetzungen nutzen, den Text sehr genau in seinen Variationen zu lesen, vielleicht erschließt er sich dadurch.
VIELLEICHT ABER schaffe ich es bis Ende dieser Woche, noch einen kleinen Text nachzureichen, eine notizenhafte Interpretation als kleine Fußnote zum Text. Ich hatte gestern schon einiges zusammengetragen. Sollte ich es dieses Wochenende nicht schaffen, dann sicher in der nächsten Woche.

2.) Obwohl die Übersetzung von Rückert sehr kunstvoll ist, habe ich bewusst einen Text gewählt, bei dem er sich NICHT an der Nachbildung der Ghaselform versucht. Sie ist also kunstvoll in ihrer liedhaftigkeit, lässt aber nichts von den virtuosen Bemühungen Rückerts (oder auch Platens) ahnen, die Form des Ghasels für die deutschsprachige Dichtung fruchtbar zu machen.
Hätte ich ein anderes Gedicht gewählt, wäre ich in Versuchung gekommen, viel über das Ghasel in der deutschen Sprache zu schreiben. Da ich das Thema aber etwas gründlicher angehen möchte (und mir einen Zeitplan bis Ende des Jahres gesetzt habe), hier die bewusste Wahl einer Übertragung Rückerts, die dem Vorgehen Rosenzweigs sehr ähnelt.

Die Übersetzungen von Rückert und Rosenzweig-Schwannau gleichen sich somit in der Form: anstatt das gesamte Gedicht – Beit für Beit – mit nur einem Endreim zu bewältigen, lassen beide ganz vom Beit und wählen eine liedhafte Strophenform für ihre Übertragung. Das bedeutet auch; man versucht nicht, ein Metrum nachzubilden, das sich an einem quantitierenden Prinzip orientiert. Mit dem Verzicht auf das Beit geht zugleich der Verzicht auf die artifiziellen Langzeilen einher: aus einem Beit werden – statt der zwei artifiziellen Langzeilen wie im deutschsprachigen Ghasel – vier kurze und liedhafte Zeilen. Diese bilden eine Strophe.

Ähnlichkeit mit der Ghaselform hat die Übertragung JOHANN CHRISTOPH BÜRGELS, jedoch orientiert sich die Reinheit seiner Endreime auch eher am Lied als an der Ghaselform (Rückert und Platen reimen in ihren Ghaselen höchst kunstvoll und artifiziell). Zudem verzichtet auch er auf Langzeilen, oder genauer: er untergliedert das Beit, das im Deutschen eigentlich zwei Langzeilen ergeben würde, nochmals, und erhält so ebenfalls vier kürzere Zeilen. Und auch die 4-hebigen alternierenden Trochäen stehen der deutschen Metrik näher als der reichhaltigen persischen Metrik (in der persichen quantitierenden Metrik kann man mehrere lange Silben aufeinanderfolgen lassen, einige Versfüße der persischen Metrik lassen sich deswegen in der deutschen Sprache nur schwer, einige sogar überhaupt nicht nachbilden – Platen und Rückert haben es mit einigen klassischen persischen Metren aber versucht). Dennoch ist auch Bürgels Übersetzung lesenswert und stellt eine lohnenswerte Ergänzung zu Rückert und Rosenzweig-Schwannau dar.

3.) Jedem, der sich bisher noch nicht mit Hafis auseinandergesetzt hat, sei zum Einstieg die Reclamausgabe von Johann Christoph Bürgel empfohlen. Seine Übersetzungen führen gut in das Werk des Dichters ein, das Bändchen hat einen kleinen Apparat mit Anmerkungen zu den Gedichten. Und Bürgels kleines Nachwort ist sehr lesenswert. Zudem ist das Reclamheft sehr preisgünstig zu haben.

Nun aber gut von meiner Seite.

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Gestern um 21:58 · Gefällt mir · 1

  • Mansur Arshama Zum „Frevler“: bei Hafis steht da „yaar“ = Gefährte/in, Freund/in, Geliebte/r. Ein Punkt für Rosenzweig-Schwannau, der mir sowieso der liebste ist
    Gestern um 22:05 · Gefällt mir · 2
  • Sven Wenig Au ja, das ist weit weg von „Frevler“. Was hat er sich dabei nur gedacht?
    Gestern um 22:06 · Gefällt mir
  • Mansur Arshama Das musst Du Johann Christoph Bürgel fragen…
    Gestern um 22:09 · Gefällt mir
  • Sven Wenig Das müsste man ihn vielleicht wirklich mal fragen. Aber ich habe das Gefühl, dass sich die Generation um Rückert freier den persischen Dichtern nähern konnte, unabhängig vom ausgerufenen „Kampf der Kulturen“, der heute jede Deutung zu einer politischen Deutung macht.
    Gestern um 22:33 · Gefällt mir · 2
  • Sven Wenig Heute abend darf ich mich dann ja an die Arbeit machen und Dichter zuweisen. Jetzt rufen erst einmal die Vaterpflichten.
    vor 14 Stunden · Gefällt mir · 1
  • Mansur Arshama Na klar, Paulinchen geht vor
    vor 14 Stunden · Gefällt mir
  • Sven Wenig So, Ihr Lieben! Für das Liken von Hafis – so dachte ich mir – verteile ich konsequent Dichter, die zu Hafis in einer bestimmten Beziehung stehen. Michael Gratz würde ich ein Gedicht von Petrarca vorschlagen. Warum? Ich denke, der einzige abendländische Dichter, dessen Wirkung mit Hafis vergleichbar ist, ist (noch vor Dante) Petrarca. Und Petrarca kann man eigentlich nicht genug posten.
    2 Std. · Gefällt mir nicht mehr · 1
  • Sven Wenig Mansur Arshama würde ich August Graf von Platen vorschlagen, und Bernd Lüttgerding, wenn es OK ist, ein Text von Friedrich Rückert. Und von Roland Erb einfach ein Text von Goethe. Darf es vielleicht – als kleine Einschränkung – ein Text aus dem West-östlichen Divan sein? Der ist ja recht umfangreich und enthält einige der besten Gedichte Goethes. Aber nur, wenn es OK ist.
    2 Std. · Gefällt mir
  • Roland Erb danke, für mich ok!
    2 Std. · Gefällt mir · 1
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