Georg Trakl

Georg Trakl

Georg Trakl erlag im Krieg von eigener Hand gefällt.
So einsam war es in der Welt. Ich hatt ihn lieb.

(Von Else Lasker-Schüler)

Am 3. November 1914 starb Georg Trakl im Militärhospital in Krakau nach Einnahme einer Überdosis Kokain.

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Ein Winterabend

Georg Trakl

Ein Winterabend

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.

Bienenspäßchen 7-8

„Bienenspäßchen“ bezieht sich auf ein lateinisches Gedicht des niederländischen Dichters Daniel Heinsius (1580-1655), in dem fast jede Zeile ein eigenes Metrum hat. Es findet sich im Original und in der Übersetzung von Harry C. Schnur in der Reclamausgabe „Lateinische Gedichte deutscher Humanisten, 1. Aufl. 1966, 3. durchges. u. ergänzte Aufl. 2015. Ich benutze es hier für den Spaß, jeden Tag ein Häppchen europäischer Dichtung zu präsentieren, zugleich ein Crashkurs* in klassischer Metrik.

Vers 7-8:

et seduli coloni
et incolae beati

Deutsch:

und ihr bewerket fleißig
und ihr besiedelt glücklich

Katalektische jambische Dimeter. Dimeter sind Verse, die aus zwei Metren bestehen. Metren (Singular Metron) sind Bauelemente von Versen, man hört manchmal „kleinste metrische Einheit“, aber sind das nicht die Füße? In der Tat sind beide Begriffe ähnlich und manchmal synonym. Der Hexameter besteht aus 6 (im Prinzip daktylischen) Metren oder Füßen. Beim Namen des Pentameters bemerkt man den Unterschied; auch der hat 6 Füße oder im Deutschen sechs Hebungen, aber bei den alten Griechen nur 5 Metren. Während dreisilbige Füße wie Daktylen oder Amphibrachen als 1 Metron gelten, gelten Jamben und Trochäen nur als halbes Metron. Ein jambischer Dimeter besteht also aus 4 Jamben. Katalektisch bedeutet, daß der letzte Fuß verkürzt ist, also im Fall des Jambus bleibt vom letzten Jambus nur die Senkung.** Katalektische jambische Dimeter:

u– u– u– u

Auch hier das Problem, daß man im Deutschen nur aus dem metrischen Schema wissen kann, um welche Verse es sich handelt. Entweder jambisch (wir wir nur aus dem Originaltext wissen):

und ihr bewerket fleißig
und ihr besiedelt glücklich

oder man betont das Wort und und liest 1 Daktylus und 2 Trochäen:

und ihr bewerket fleißig
und ihr besiedelt glücklich

Das Metrum, also, stammt nicht aus „der Natur der Sprache“, sondern aus dem vorhergedachten metrischen Schema – im Deutschen jedenfalls. Wenn ich weiß, daß Heinsius ein Spiel mit wechselnden Metren inszeniert und ich das in der deutschen Fassung reproduzieren will, entscheide ich mich (beim Nachdichten wie beim Vortrag) bewußt für jambische Dimeter und gegen die zweite Variante. Und ich wiederhole es gern: Versmaße bestimmen heißt nicht, ein allgemeingültiges Raster über den Text legen, sondern herausfinden (ablesen oder ggf. „divinieren“), nach welchem Schema der Text gebaut wurde. Metrik ist (wenigstens im neueren Deutschen) eine produktionsästhetische Disziplin.

*) Wohlgemerkt: Crashkurs, den ich nehme, nicht gebe!

**) Deshalb darf man nicht die Begriffe der Fuß-und Taktmetrik vermischen, wie es manchmal in Einführungen geschieht. Ein katalektischer vierfüßiger Jambus (jambischer Dimeter) ist im Deutschen ein dreihebiger Jambus mit weiblicher Kadenz wie eben hier

und ihr bewerket fleißig

u– u– u– u

Ein vierfüßiger Trochäus (trochäischer Dimeter), katalektisch oder akatalektisch, also unverkürzt, hat dagegen immer vier Hebungen (Füße, Takte). Katalektisch:

Wenn der Schnee ans Fenster fällt

(Georg Trakl)

–u –u –u –

taktmetrisch: vierhebiger Trochäus mit männlicher Kadenz

Oder akatalektisch:

Einmal kommt – ich habe Zeichen –
Sterbesturm aus fernem Norden.
Überall stinkt es nach Leichen.
Es beginnt das große Morden.

(Alfred Lichtenstein)

–u –u –u –u

taktmetrisch: vierhebiger Trochäus mit weiblicher Kadenz

Bisheriger Gesamttext

Mellificae volucres,
quae per purpureas rosas
violas amaracumque
tepidique dona veris
legitis suave nectar,
tenerae cives
et seduli coloni
et incolae beati

Deutsch von Harry C. Schnur:

Honigerzeuger im Flug,
die aus Rosen ihr, dunkelrot,
die aus Majoran und Veilchen
und des lauen Frühlings Gaben
sammelt ein den süßen Nektar –
ihr bewohnt, Kleinchen,
und ihr bewerket fleißig
und ihr besiedelt glücklich

Grodek

Grodek

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt,
Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Entstanden September 1914. Erstdruck im Brenner Jahrbuch 1915, Innsbruck (mit textlichen Varianten, vermutlich Druck- oder Lesefehlern).

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Hier ein Faksimile der Handschrift

Georg Trakl

Else Lasker-Schüler

Georg Trakl

Georg Trakl erlag im Krieg von eigener Hand gefällt.
So einsam war es in der Welt. Ich hatt ihn lieb.

Aus: Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte. Hrsg. Friedhelm Kemp. München: Kösel Verlag, 1984, S. 151.

Ein Gedicht, das ich seit beinahe einem halben Jahrhundert kenne und fast genauso lange auswendig weiß, ich trage es manchmal als Ohr- oder Hirnwurm in mir. Das erste Gedicht von Else Lasker-Schüler, das mir begegnete, war Weltende, es stand in einem Schullesebuch, wenn es auch wahrscheinlich in der Schule nicht behandelt wurde, aber es begann seine magische Arbeit in mir. Trakl war mir damals, 1968, als eine Gedichtauswahl der Lasker im Aufbau Verlag erschien („Leise sagen“), zunächst nur der Name aus diesem Gedicht. Aber es änderte sich bald, im gleichen Jahr erschien die Reclamausgabe der Menschheitsdämmerung!

Heute vor 100 Jahren, am 3.11. 1914, starb Georg Trakl in einem Krakauer Militärhospital an einer Überdosis Kokain.

Blutschuld

1.7.4.3 georg trakl: blutschuld

Textkette
Ausgewählt und ins Griechische übersetzt von 
Jörg Themistokles Kartakis

 im Auftrag von Jan Kuhlbrodt fürs Liken von Peter Hille

Jede Person, welche bei diesem Gedicht hier „gefällt mir“ klickt, bekommt von mir eine(n) AutorIn zugewiesen, sucht dann ein Gedicht von diesem Autor/dieser Autorin raus und postet es auf der eigenen Pinnwand, um so das Gedichte-Netz weiter zu spannen. Bitte nicht vergessen, diesen Text davor zu setzen.

Georg Trakl, Blutschuld

Es dräut die Nacht am Lager unsrer Küsse.
Es flüstert wo: Wer nimmt von euch die Schuld?
Noch bebend von verruchter Wollust Süße
Wir beten: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

Aus Blumenschalen steigen gierige Düfte,
Umschmeicheln unsere Stirnen bleich von Schuld.
Ermattend unterm Hauch der schwülen Lüfte
Wir träumen: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

Doch lauter rauscht der Brunnen der Sirenen
Und dunkler ragt die Sphinx vor unsrer Schuld,
Daß unsre Herzen sündiger wieder tönen,
Wir schluchzen: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

*

Ένοχοι εγκλήματος

Μαίνεται η νύχτα στη μεριά π΄έσμιξαν τα φιλιά μας, φοβερίζει,
«Ποιός θα σας σώσει απ΄την ενοχή;», κάποιος μας ψιθυρίζει,
Μα εμείς μες σε γλυκούς σπασμούς μιαρής λαγνείας,
«Συγχώρα μας στη σκέπη σου!», ζητάμε της Μαρίας.

Λαίμαργα αρώματα, άπληστα, τα ανθογυάλια βγάζουν,
Τα ένοχα μας μέτωπα, τα ωχρά, στολίζοντας σκεπάζουν,
Κι εμείς εξαντλημένοι μες στην άχνα πνιγερών ατμών,
Στο όνειρο συγχώρηση ζητάμε της Μαρίας των Ουρανών!

Μα η Σφίγγα μπρος στις τύψεις μας πιο σκοτεινή προβάλλει,
Και των Σειρήνων η πηγή πιο δυνατά παφλάζει,
Ώστε η καρδιά μας πιο άνομη μες σε λυγμούς και πάλι:
«Συγχώρα μας στη σκέπη σου, Μαρία!», της κραυγάζει.

(μτφ.Γ.Κ.) 

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Jörg Themistokles Kartakis: Constanze John bitte Georg Heym 
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AN DEN KNABEN ELIS

1.9.2.1 georg trakl: an den knaben elis / elis

Textkette

Ausgewählt von Sven Wenig
Meine Aufgabe von Mag Mdot auf mein „Like“ zu Alfred Lichtenstein:
Georg Trakl.

Ich poste zwei Gedichte, die in dem Band „Sebastian im Traum“ unmittelbar aufeinanderfolgen und deren Vergleich recht spannend ist.

AN DEN KNABEN ELIS

Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft,
Dieses ist dein Untergang.
Deine Lippen trinken die Kühle des blauen Felsenquells.

Laß, wenn deine Stirne leise blutet
Uralte Legenden
Und dunkle Deutung des Vogelflugs.

Du aber gehst mit weichen Schritten in die Nacht,
Die voll purpurner Trauben hängt,
Und du regst die Arme schöner im Blau.

Ein Dornenbusch tönt,
Wo deine mondenen Augen sind.
O, wie lange bist, Elis, du verstorben.

Dein Leib ist eine Hyazinthe,
In die ein Mönch die wächsernen Finger taucht.
Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen,

Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt
Und langsam die schweren Lider senkt.
Auf deine Schlafen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallener Sterne.

—————

ELIS

3. Fassung

1

Vollkommen ist die Stille dieses goldenen Tags.
Unter alten Eichen
Erscheinst du, Elis, ein Ruhender mit runden Augen.

Ihre Blaue spiegelt den Schlummer der Liebenden.
An deinem Mund
Verstummten ihre rosigen Seufzer.

Am Abend zog der Fischer die schweren Netze ein.
Ein guter Hirt
Führt seine Herde am Waldsaum hin.
O! wie gerecht sind, Elis, alle deine Tage.

Leise sinkt
An kahlen Mauern des Ölbaums blaue Stille,
Erstirbt eines Greisen dunkler Gesang.

Ein goldener Kahn
Schaukelt, Elis, dein Herz am einsamen Himmel.

2

Ein sanftes Glockenspiel tönt in Elis‘ Brust
Am Abend,
Da sein Haupt ins schwarze Kissen sinkt.

Ein blaues Wild
Blutet leise im Dornengestrüpp.

Ein brauner Baum steht abgeschieden da;
Seine blauen Früchte fielen von ihm.

Zeichen und Sterne
Versinken leise im Abendweiher.

Hinter dem Hügel ist es Winter geworden.

Blaue Tauben
Trinken nachts den eisigen Schweiß,
Der von Elis‘ kristallener Stirne rinnt.

Immer tönt
An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind.
8. Februar 2014