EINSAMER GESICHTESCHNEIDER (Odinoki lizedjei)

1.7.4.1 welimir chlebnikow: einsamer gesichteschneider

Roland Erb
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Auf Vorschlag von Jan Kuhlbrodt hier ein Gedicht von

Welimir Chlebnikow

EINSAMER GESICHTESCHNEIDER (Odinoki lizedjei)

Während über Zarskoje Selo
Der Achmatowa Gesang und Tränen strömten,
Habe ich, der Zauberin Gespinst entflechtend,
Wie ein Leichnam, schläfrig, mich durch Einöden geschleppt,
Dort war am Verschmachten das Unmögliche:
Abgematteter Gesichteschneider,
Fürbass ging er über Stock und Stein.
Unterdessen hat die Kraushaarstirn
Jenes unterirdschen Stiers in dunklen Höhlen
Blutrünstig geschmatzt und Menschen viel geprasst
Im Dunst unflätiger Bedrohung.
Doch von Mondes wegen eingehüllt
Abendlichem Wandrer gleich im Schlafumhang,
Sprang ich schlummernd über Klüfte hin,
Schritt von einem Fels zum andern.
Blind ging ich, indes der
Wind der Freiheit mich antrieb,
Mich mit schrägem Regen peitschte.
Und ich nahm das Stierhaupt ab vom mächtgen Fleisch und Knochen,
Lehnte es an eine Wand.
Ich schwang es wie ein Kämpfender der Wahrheit über diese Welt:
Seht, da ist es!
Da ist die Kraushaarstirn, für die die Menge sich entfllammt hat!

Doch mit Grausen
Begriff ich, dass ich nicht gesehen war:
Dass es vonnöten, Augen auszusäen,
Dass für die Augen kommen muss ein Sämann!

(Ü.: Roland Erb. Aus: Welimir Chlebnikow, Ziehn wir mit Netzen die blinde Menschheit. Gedichte. Hrsg. Marga Erb. Berlin, Volk und Welt, 1984)“

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