Mit jeder Sprache mehr, die du erlernst, befreist

Friedrich Rückert

297

Mit jeder Sprache mehr, die du erlernst, befreist
Du einen bisdaher in dir gebundnen Geist,

Der jetzo thätig wird mit eigner Denkverbindung,
Dir aufschließt unbekannt gewesne Weltempfindung,

Empfindung, wie ein Volk sich in der Welt empfunden;
Nun diese Menschheitsform hast du in dir gefunden.

Ein alter Dichter, der nur dreier Sprachen Gaben
Besessen, rühmte sich, der Seelen drei zu haben.

Und wirklich hätt‘ in sich nur alle Menschengeister
Der Geist vereint, der recht wär‘ aller Sprachen Meister.

Rückert, Friedrich: Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 2. Leipzig, 1837.

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Ursprung der Rose

Friedrich Rückert

Ursprung der Rose

Den Rosenzweig benagt ein Lämmchen auf der Weide,
Es thuts nur sich zur Lust, es thuts nicht ihm zu Leide.

Dafür hat Rosendorn dem Lämmchen abgezwackt
Ein Flöckchen Wolle nur, es ward davon nicht nackt.

Das Flöckchen hielt der Dorn in scharfen Fingern fest;
Da kam die Nachtigall und wollte baun ihr Nest.

Sie sprach: „Thu auf die Hand, und gib das Flöckchen mir,
Und ist mein Nest gebaut, sing‘ ich zum Danke Dir.

Er gab, sie nahm und baut‘, und als sie nun gesungen,
Da ist am Rosendorn vor Lust die Ros‘ entsprungen.

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Aus: Friedrich Rückert, Die Weisheit des Brahmanen: Ein Lehrgedicht in Bruchstücken, Bände 1-2. Weidmann, 1838 (Google eBook)

Ich bin das Sonnenstäubchen, ich bin der Sonnenball. / Ums reine Licht hab‘ ich die Flamme liebgewonnen

1.6.8.2.1.3 Rumi: 2 Gedichte

Textkette

Achtung: bei dieser Post kein Freistil! Denn es gilt: wer dies likt, bekommt eine Dichterin oder einen Dichter zugegeteilt. Durch Kristian Kühn bekam ich zugeteilt (für das Liken von 1.6.8.2.1.: René Schickele: „Heilige Tiere“) –
Rumi! Und da mir die Wahl schwer fiel, wählte ich zwei Texte des Dichters.

Zitiert nach der von Edgar Groß und Elsa Hertzer 1979 herausgegebenen Werkausgabe Rückerts im Georg Olms- Verlag:

1.) Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (übersetzt von Friedrich Rückert)
„Ich bin das Sonnenstäubchen, ich bin der Sonnenball“

Ich bin das Sonnenstäubchen, ich bin der Sonnenball.
Zum Stäubchen sag‘ ich: bleibet und zu der Sonn‘: entwall.
Ich bin der Morgenschimmer, ich bin der Abendhauch.
Ich bin des Haines Säuseln, des Meeres Wogenschwall.
Ich bin der Mast, das Steuer, der Steuermann, das Schiff;
Ich bin, woran es scheitert, die Klippe von Korall.
Ich bin der Vogelsteller, der Vogel und das Netz.
Ich bin das Bild, der Spiegel, der Hall und Wiederhall.
Ich bin der Baum des Lebens und drauf der Papagei;
Das Schweigen, der Gedanke, die Zunge und der Schall.
Ich bin der Hauch der Flöte, ich bin des Menschen Geist,
Ich bin der Funk‘ im Steine, der Goldblick im Metall.
Ich bin der Rausch, die Rebe, die Kelter und der Most,
Der Zecher und der Schenke, der Becher von Krystall.
Die Kerz‘, und der die Kerze umkreist, der Schmetterling;
Die Ros‘, und von der Rose berauscht, die Nachtigall.
Ich bin der Arzt, die Krankheit, das Gift und Gegengift,
Das Süße und das Bittre, der Honig und die Gall‘.
Ich bin der Krieg, der Friede, die Walstatt und der Sieg,
Die Stadt und ihr Beschirmer, der Stürmer und der Wall.
Ich bin der Kalk, die Kelle, der Meister und der Riß,
Der Grundstein und der Giebel, der Bau und sein Verfall.
Ich bin der Hirsch, der Löwe, das Lamm und auch der Wolf,
Ich bin der Hirt, der alle beschließt in Einem Stall.
Ich bin der Wesen Kette, ich bin der Welten Ring,
Der Schöpfung Stufenleiter, das Steigen und der Fall.
Ich bin, was ist, und nicht ist. Ich bin, o der du’s weißt,
Dschelaleddin, o sag es, ich bin die Seel‘ im All.

2.) Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (übersetzt von Friedrich Rückert)
„Ums reine Licht hab‘ ich die Flamme liebgewonnen“

Ums reine Licht hab‘ ich die Flamme liebgewonnen,
Ums goldne Schwert hab‘ ich die Schramme liebgewonnen.
Aus Liebe zu dem Hirten, der mein Leben weidet,
Hab‘ ich das Glöcklein an dem Lamme liebgewonnen.
Ich hab‘ aus Liebe zu der milden Frucht am Baume
Das rauhe Moos an seinem Stamme liebgewonnen.
Ich hab‘ um deiner jugendlichen Schönheit willen
Das welke Alter deiner Amme liebgewonnen.
Weil mir der Duft des Lebens haucht aus deinen Locken,
Hab‘ ich den toten Bux am Kamme liebgewonnen.
Ich habe, weil die Perle ruht im Meeresgrunde,
Das Körnlein Sand am Meeresdamme liebgewonnen.
Weil Tau zur Liebeschminke wird im Rosenantlitz,
Hab‘ ich das Tröpflein Flut im Schlamme liebgewonnen.

  • Roland Erb gefällt das.
  • Sven Wenig ZUR KURZEN ERKLÄRUNG:

    Schon seit gefühlt ewigen Zeiten habe ich das Posten von Rumi aufgeschoben, zugeteilt für das Liken von 1.6.8.2.1. (René Schickele: „Heilige Tiere“) durch Kristian Kühn. Das hat viel damit zu tun, dass ich a) mich nicht für ein Gedicht entscheiden konnte, und b) zudem schon länger etwas zum Ghasel schreiben wollte. Kurz: manchmal fällt manches schwer, wenn man es besonders gut machen will.

    Und auch heute könnte ich so recht ins Wehklagen kommen. Nicht nur, dass ich mit meinem kleinen Hafis- Essay im Verzug bin, zudem habe ich gestern auch einen neuen Text angefangen zu Rumi, um die Wahl des zweiten Gedichts etwas zu erläutern. Ich saß – ungelogen – bis zwei Uhr nachts an dem Text. Aber ich wurde nicht fertig! Nun habe ich ein angekündigtes Projekt mehr meiner Liste zugefügt (zur Laubenlyrik und zu Hafis nun einen Text über Rumi). Wenn ich nach und nach diese Projekte verwirkliche, wäre es schon ein Erfolg.

    Aber ich möchte zunächst wenigstens die Texte posten. Ich konnte mich nicht entscheiden und poste deswegen zwei Texte. Das erste Gedicht erinnert mich sehr an die „Ikon“- Gedichte Hofmannswaldaus: zu einem übergeordneten Thema werden kühne Analogieschlüsse gezogen: mit überraschenden Effekten und vielen rhetorischen Figuren (Antithese, Oxymoron, Paradoxie scheinen des Mystikers wichtigstes Handwerkszeug). In der orientalischen Dichtung kommt den rhetorischen Sprachfiguren eine besondere Bedeutung zu. Dazu aber später mehr. Die Wahl des ersten Textes erklärt sich somit aus seinen rhetorischen Qualitäten: Die Rhetorik des Textes ist es, die mich beeindruckt.

    Den zweiten Text wählte ich gestern in der Badewanne, was viel über diesen Text aussagt. Warum? Man kennt diese Situation der Entspannung, in der einem die Ideen durch den Kopf schießen, man vielleicht Zusammenhänge plötzlich erkennt oder Ideen hat usw. – Nicht aber das Erkennen z.B. eines Argumentationsganges war bei der Wahl des zweiten Textes ausschlaggebend, sondern das Einprägen eines Klangs: mir ging schlicht die Melodie des Textes nicht mehr aus dem Kopf. „Erkennen“ somit auf eine eher intuitive Art. Melodie? – Das gehört begründet. Und ich werde es begründen, sobald ich die Zeit habe, mich wieder an das angefangene Fragment zu setzen. Beim zweiten Text ist es somit der Klang, der mich beeindruckt.

    Natürlich bezieht sich die Auswahl auf die Übersetzungen von Rückert und nicht auf die Originale. Wer – wie ich – der persischen Sprache nicht mächtig ist, der kann nur ahnen, was ihm mit den Originalen dieser Dichtung entgeht.

    Und man sollte nicht vergessen: des klassischsten deutschsprachigen Dichters vielleicht bestes (und gerade darum nicht-klassisches – aber um das auszuführen müsste ich Jahre schreiben) lyrisches Werk haben wir wesentlich dem Einfluss eines persischen Dichters zu verdanken. Mir soll es nicht um Goethes Urteil über Rumi und Hafis gehen (im „Besserem Verständnis“ urteilt Goethe über Rumi natürlich ambivalenter als über sein lyrisches „Alter Ego“ Hafis). Die Gedichte von Hafis aber, auf die sich Goethe (übrigens wesentlich vermittelt durch eine in ihrer Qualität sehr umstrittene Übersetzung Hammer-Purgstalls) beruft, wären ohne die Dichtung des Mystikers Rumi nicht denkbar. Es blieb Übersetzern vom Schlage eines Friedrich Rückert vorbehalten, uns zumindest eine Ahnung von den Qualitäten dieser Dichtung zu vermitteln und zugleich die Gedichtform des Ghasels für die deutsche Sprache fruchtbar zu machen.

  • Roland Erb Sven, nur noch eine kritzekleine Frage zu diesen herrlichen Rumi-Übertragungen von Friedrich Rückert: wo kann man sie finden, gibt es eine verlässliche moderne Rückert-Edition, die alle oder viele seiner Übersetzungen enthält?. Und – vielleicht kann uns das irgend jemand verraten, wie gut hat Rückert eigtl. das Persische beherrscht?
  • Sven Wenig Roland Erb Da Rückert ziemlich rege übersetzt hat, weiß ich nicht, ob alle seine Übersetzungen in der von mir zitierten Werkausgabe aufgenommen wurden. Aber zumindest die zitierten Texte finden sich gleich zu Beginn des „2. Bezirkes“ im 2. Band der Werkausgabe unter „Ghaselen“ und stehen so zusammen mit den eigenen Ghaselen Rückerts. Rückert muss das Persische ziemlich gut beherrscht haben und hat übrigens schon in seiner Dissertation versucht, die Wesensgleichheit des Persischen und des Deutschen zu beweisen. Zudem beherrschte er arabisch (er hat sich ja auch an eine sehr artifizielle Koranübersetzung gewagt) und hat auch aus hebräischer, indischer und chinesischer Dichtung übersetzt. Man kann Rückert wohl mit gutem Recht als Sprachgenie bezeichnen, und wenn man seine Übersetzertätigkeit kennt, sieht man auch viele der eigenen Texte Rückerts in einem anderen Licht.
  • Textkette

KINDERTOTENLIEDER / AMARYLLIS / CHIDHER

Roland Erb 10.04. 2014

Textkette Freistil

Bernd Lüttgerding hat in der Textkette Friedrich Rückerts satirisches Gedicht „Tagesläufte“ gepostet.
Um Rückerts reiche lyrische Themenwelt etwas näher zu illustrieren, füge ich hier zwei, drei andere Gedichte von ihm hinzu.

Friedrich Rückert (1788 – 1866)

KINDERTOTENLIEDER

I.
Du bist ein Schatten am Tage
Und in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage
Und stirbst im Herzen nicht.

Wo ich mein Zelt aufschlage,
Da wohnst du bei mir dicht;
Du bist mein Schatten am Tage
Und in der Nacht mein Licht.

Wo ich auch nach dir frage,
Find ich von dir Bericht,
Du lebst in meiner Klage
Und stirbst im Herzen nicht.

Du bist ein Schatten am Tage
Und in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage
Und stirbst im Herzen nicht.

AMARYLLIS

Amara, bittre, was du tust, ist bitter,
Wie du die Füße rührst, die Arme lenkest,
Wie du die Augen hebst, wie du sie senkest;
Die Lippen auftust oder zu, ists bitter.

Ein jeder Gruß ist, den du schenkest, bitter,
Bitter ein jeder Kuß, den du nicht schenkest;
Bitter ist, was du sprichst und was du denkest,
Und was du hast und was du bist, ist bitter.

Voraus kommt eine Bitterkeit gegangen,
Zwo Bitterkeiten gehn dir zu den Seiten,
Und eine folgt den Spuren deiner Füße.

O du mit Bitterkeiten rings umfangen,
Wer dächte, daß mit all den Bitterkeiten
Du doch mir bist im innern Kern so süße!

CHIDHER

Chidher, der ewig junge, sprach:
Ich fuhr an einer Stadt vorbei,
Ein Mann im Garten Früchte brach;
Ich fagte, seit wann die Stadt hier sei?
Er sprach und pflückte die Früchte fort:
„Die Stadt steht ewig an diesem Ort
Und wird so stehen ewig fort.“
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich keine Spur der Stadt;
Ein einsamer Schäfer blies die Schalmei,
Die Herde weidete Laub und Blatt;
Ich fragte: „Wie lang ist die Stadt vorbei?“
Er sprach und blies auf dem Rohre fort:
„Das eine wächst und das andere dorrt;
Das ist mein ewiger Weideort.“
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich ein Meer, das Wellen schlug,
Ein Schiffer warf die Netze frei;
Und als er ruhte vom schweren Zug,
Fragt‘ ich, seit wann das Meer hier sei?
Er sprach und lachte meinem Wort:
„So lang‘ als schäumen die Wellen dort,
Fischt man und fischt man in diesem Port.“
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich einen waldigen Raum
Und einen Mann in der Siedelei,
Er fällte mit der Axt den Baum;
Ich fragte, wie alt der Wald hier sei?
Er sprach: „Der Wald ist ein ewiger Hort;
Schon ewig wohn‘ ich an diesem Ort,
Und ewig wachsen die Bäum‘ hier fort.“
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich eine Stadt, und laut
Erschallte der Markt vom Volksgeschrei.
Ich fragte: „Seit wann ist die Stadt erbaut?
Wohin ist Wald ud Meer und Schalmei?“
Sie schrien und hörten nicht mein Wort:
„So ging es ewig an diesem Ort
Und wird so gehen ewig fort.“
Und aber nach fünfhundert Jahren
Will ich desselbigen Weges fahren.

Lange Jahre nach dem Glase Dschemschids hat mein Herz begehrt

1.7.4.4.1.1.1.1.1.2.1 hafis: Das Herz begehrte Jahre lang

Ausgewählt von Sven Wenig im Auftrag von Mansur Arshama

21.3.2014 16:25 ·

Achtung Textkette: wer dies likt, bekommt ein Gedicht zugeteilt.

Für das zweite Liken eines Texts von Paul Fleming („Auff den lustigen Flecken Rubar in Gilan…“) durfte ich mir – da ich damals noch etwas mehr Zeit zum fleißigen Posten hatte – einen Dichter meiner Wahl heraussuchen (zugeteilt von Mansur Arshama). Nun blieb ich diese Aufgabe schon länger schuldig. Aber da gestern der Frühling (und mit ihm das altiranische Neujahrsfest „Nouruz“) begann, dachte ich mir: eigentlich ein schöner Anlass, einen Text von Hafis zu posten. Ich poste gleich drei Übersetzungen, da auch der Vergleich verschiedener Übersetzungen für die Lyrik höchst spannend ist.

Hafis: Ein Gedicht aus dem Diwan:
Das Original ist abgedruckt in RS I 318
= „Der Diwan des Grossen Lyrischen Dichters Hafis. Im persischen Original herausgegeben, ins Deutsche metrisch übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Vincenz Ritter v. Rosenzweig-Schwannau) S.318
(Einen Link zu dem Buch, der es jedem ermöglicht, sich das Buch Rosenzweigs per PDF herunterzuladen, setze ich in der Kommentarspalte).

IN DER ÜBERSETZUNG ROSENZWEIG-SCHWANNAUS:

Das Herz begehrte Jahre lang
Von mir Dschem’s Wunderglas
Es forderte vom fremden Mann
Das was es selbst besass ;

Die Perle, die sich immer noch
In ird’scher Muschel fand,
Sucht‘ es bei Männern, welche sich
Verirrt am Meeresstrand.

Zum alten Wirth trug gestern Nachts
Ich meine Zweifel hin.
Zu ihm, der stets mit scharfem Blick
Gelöst der Räthsel Sinn.

Ich traf ihn lächelnd und vergnügt,
In Händen den Pocal,
Und hundert Dinge schaute er
In jenes Spiegels Strahl.

Ich sprach: „Dies Glas, das Welten zeigt.
„Wann gab’s der Schöpfer dir?“
Er sprach: „Am Tag, als diesen Dom
„Geformt er aus Saphir.“

Er sprach: „Den Freund, durch den erhöht
„Das Haupt des Galgens ward,
„Beschuldigt man, dass immer er
„Geheimes offenbart.“

In jeder Lage weilet Gott
Beim Herzberaubten gern :
Doch dieser schauet nimmer ihn
Und wähnet Gott gar fern.

Dasselbe Gaukelspiel, das hier
Getrieben der Verstand,
Es trieb’s Sämir, der Gaukler, auch
Vor Moses Stab und Hand.

Wenn wieder mit der Hilfe Gunst
Der heil’ge Geist genaht,
So thut ein And’rer ebenfalls
Was einst Messias that.

Ich sprach zu Ihm: „Wozu wohl dient
„Der Götzen Ketten haar?“
Er sprach: „Hafis beklagt sich ja,
„Er rase immerdar.“

IN DER ÜBERSETZUNG FRIEDRICH RÜCKERTS

Mein Herz hat lange Jahre
Verlangt nach Dschemschids Glas
Es hat gesucht bei anderen
Was es bei sich besaß.

Die Perle, die der Muschel
Der Raumwelt sich entwandt,
Sucht’ es bei den verloren
Gegangenen am Strand.

Ich legte mein Anliegen
Dem alten Wirte vor,
Des klarer Blick die Rätsel
Mir oft gelöst zuvor.

Ich sah ihn froh und lachend,
Den Becher in der Hand,
In dessen Spiegel vieles
Er zu betrachten stand.

Ich sprach: „Wann hat ein Weiser
Dir dieses Glas vertraut?“
Er sprach: „Des Tags, an dem er
Den blauen Dom gebaut.“

Stets hatte der Verliebte
Gott bei sich selbst im Haus ;
Er sah ihn nicht und rückte
Gott fern von sich hinaus.

Dieselben Gaukelspiele,
Die jetzt treibt der Verstand,
Hat Samiri getrieben
Einst gegen Mosis Hand.

Er sprach: „Der Mann, durch welchen
Der Galgen heilig ward,
Er mußt’ es büßen, daß er
Geheimnis offenbart.

Die Gunst des heil’gen Geistes,
Wenn sie zum Beistand naht,
Tut auch ein anderer Wunder,
Wie der Messias tat.“

Ich sprach: „Wozu die Kette
Von schönen Locken soll?“
Er sprach: „Oft hat Hafis ja
Geklagt, sein Herz sei toll.“

IN DER ÜBERSETZUNG JOHANN CHRISTOPH BÜRGELS
(in seiner Reclamausgabe = Nummer 64):

Lange Jahre nach dem Glase
Dschemschids hat mein Herz begehrt,
Ich, der Fremdling, sollt’ ihm geben
was ihm selber angehört.

Ging und forschte bei den Männern,
die verloren irr‘n am Strand,
Jener Perle, welche keine
Muschel ird’scher Meere nährt.

Gestern trug ich meine Sorge
In des alten Magiers Haus,
der mit Sehkraft reinen Geistes
manches Rätsel schon geklärt.

»Wann«, so fragt‘ ich ihn, »o Meister,
gab dir Gott dies Weltenglas?«
»Es ist mein«, so rief er, »ewig,
seit die blaue Kuppel währt!

Gott ist, glaub es, nahe jedem,
der sein Herz in Lieb‘ verlor;
Sieht er ihn gleich nicht und wähnet
Ihn sich fern und abgekehrt.

Jenem Gaukler, den besiegten
Moses Stab und Moses Hand,
Gleichet der Verstand – sei wachsam!
Leicht wird sonst dein Herz betört.

Denk an unsern Freund, den ˃Frevler˂,
der am Galgen starb, weil er
Herz-Geheimstes auszusprechen
seiner Zunge nicht verwehrt.

Das, was der Messias wirkte,
allenthalben widerfährt,
Wenn der Hauch des Heil’gen Geistes
auf den Menschen niederfährt!«

»Was bedeutet denn«, so fragt‘ ich
»meines Götzen Lockenpracht?«
»Ketten« sprach er, »dem, der klaget,
Lieb‘ hab‘ ihm die Stirn verstört!«

DREI DINGE MÖCHTE ICH GERN NACHSCHICKEN:

1.) Ich habe einen Text gewählt, der einiges Wissen voraussetzt und einen sehr kunstvollen Argumentationsgang hat. Ich weiß deswegen nicht, ob er voraussetzungslos zu verstehen ist. Nun kann man die verschiedenen Übersetzungen nutzen, den Text sehr genau in seinen Variationen zu lesen, vielleicht erschließt er sich dadurch.
VIELLEICHT ABER schaffe ich es bis Ende dieser Woche, noch einen kleinen Text nachzureichen, eine notizenhafte Interpretation als kleine Fußnote zum Text. Ich hatte gestern schon einiges zusammengetragen. Sollte ich es dieses Wochenende nicht schaffen, dann sicher in der nächsten Woche.

2.) Obwohl die Übersetzung von Rückert sehr kunstvoll ist, habe ich bewusst einen Text gewählt, bei dem er sich NICHT an der Nachbildung der Ghaselform versucht. Sie ist also kunstvoll in ihrer liedhaftigkeit, lässt aber nichts von den virtuosen Bemühungen Rückerts (oder auch Platens) ahnen, die Form des Ghasels für die deutschsprachige Dichtung fruchtbar zu machen.
Hätte ich ein anderes Gedicht gewählt, wäre ich in Versuchung gekommen, viel über das Ghasel in der deutschen Sprache zu schreiben. Da ich das Thema aber etwas gründlicher angehen möchte (und mir einen Zeitplan bis Ende des Jahres gesetzt habe), hier die bewusste Wahl einer Übertragung Rückerts, die dem Vorgehen Rosenzweigs sehr ähnelt.

Die Übersetzungen von Rückert und Rosenzweig-Schwannau gleichen sich somit in der Form: anstatt das gesamte Gedicht – Beit für Beit – mit nur einem Endreim zu bewältigen, lassen beide ganz vom Beit und wählen eine liedhafte Strophenform für ihre Übertragung. Das bedeutet auch; man versucht nicht, ein Metrum nachzubilden, das sich an einem quantitierenden Prinzip orientiert. Mit dem Verzicht auf das Beit geht zugleich der Verzicht auf die artifiziellen Langzeilen einher: aus einem Beit werden – statt der zwei artifiziellen Langzeilen wie im deutschsprachigen Ghasel – vier kurze und liedhafte Zeilen. Diese bilden eine Strophe.

Ähnlichkeit mit der Ghaselform hat die Übertragung JOHANN CHRISTOPH BÜRGELS, jedoch orientiert sich die Reinheit seiner Endreime auch eher am Lied als an der Ghaselform (Rückert und Platen reimen in ihren Ghaselen höchst kunstvoll und artifiziell). Zudem verzichtet auch er auf Langzeilen, oder genauer: er untergliedert das Beit, das im Deutschen eigentlich zwei Langzeilen ergeben würde, nochmals, und erhält so ebenfalls vier kürzere Zeilen. Und auch die 4-hebigen alternierenden Trochäen stehen der deutschen Metrik näher als der reichhaltigen persischen Metrik (in der persichen quantitierenden Metrik kann man mehrere lange Silben aufeinanderfolgen lassen, einige Versfüße der persischen Metrik lassen sich deswegen in der deutschen Sprache nur schwer, einige sogar überhaupt nicht nachbilden – Platen und Rückert haben es mit einigen klassischen persischen Metren aber versucht). Dennoch ist auch Bürgels Übersetzung lesenswert und stellt eine lohnenswerte Ergänzung zu Rückert und Rosenzweig-Schwannau dar.

3.) Jedem, der sich bisher noch nicht mit Hafis auseinandergesetzt hat, sei zum Einstieg die Reclamausgabe von Johann Christoph Bürgel empfohlen. Seine Übersetzungen führen gut in das Werk des Dichters ein, das Bändchen hat einen kleinen Apparat mit Anmerkungen zu den Gedichten. Und Bürgels kleines Nachwort ist sehr lesenswert. Zudem ist das Reclamheft sehr preisgünstig zu haben.

Nun aber gut von meiner Seite.

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Gestern um 21:58 · Gefällt mir · 1

  • Mansur Arshama Zum „Frevler“: bei Hafis steht da „yaar“ = Gefährte/in, Freund/in, Geliebte/r. Ein Punkt für Rosenzweig-Schwannau, der mir sowieso der liebste ist
    Gestern um 22:05 · Gefällt mir · 2
  • Sven Wenig Au ja, das ist weit weg von „Frevler“. Was hat er sich dabei nur gedacht?
    Gestern um 22:06 · Gefällt mir
  • Mansur Arshama Das musst Du Johann Christoph Bürgel fragen…
    Gestern um 22:09 · Gefällt mir
  • Sven Wenig Das müsste man ihn vielleicht wirklich mal fragen. Aber ich habe das Gefühl, dass sich die Generation um Rückert freier den persischen Dichtern nähern konnte, unabhängig vom ausgerufenen „Kampf der Kulturen“, der heute jede Deutung zu einer politischen Deutung macht.
    Gestern um 22:33 · Gefällt mir · 2
  • Sven Wenig Heute abend darf ich mich dann ja an die Arbeit machen und Dichter zuweisen. Jetzt rufen erst einmal die Vaterpflichten.
    vor 14 Stunden · Gefällt mir · 1
  • Mansur Arshama Na klar, Paulinchen geht vor
    vor 14 Stunden · Gefällt mir
  • Sven Wenig So, Ihr Lieben! Für das Liken von Hafis – so dachte ich mir – verteile ich konsequent Dichter, die zu Hafis in einer bestimmten Beziehung stehen. Michael Gratz würde ich ein Gedicht von Petrarca vorschlagen. Warum? Ich denke, der einzige abendländische Dichter, dessen Wirkung mit Hafis vergleichbar ist, ist (noch vor Dante) Petrarca. Und Petrarca kann man eigentlich nicht genug posten.
    2 Std. · Gefällt mir nicht mehr · 1
  • Sven Wenig Mansur Arshama würde ich August Graf von Platen vorschlagen, und Bernd Lüttgerding, wenn es OK ist, ein Text von Friedrich Rückert. Und von Roland Erb einfach ein Text von Goethe. Darf es vielleicht – als kleine Einschränkung – ein Text aus dem West-östlichen Divan sein? Der ist ja recht umfangreich und enthält einige der besten Gedichte Goethes. Aber nur, wenn es OK ist.
    2 Std. · Gefällt mir
  • Roland Erb danke, für mich ok!
    2 Std. · Gefällt mir · 1