Konzept und Poesie

konzeptundpoesie
Franzobel; Christian Steinbacher (Hrsg.): Konzept und Poesie.
Linz-Wien: Blattwerk, 1996. ISBN 3-901445-11-0

Beiträge von Neda Bey, Marcel Beyer, Friedrich W. Block, Franz Josef Czernin, Oswald Egger, Gundi Feyrer, Franzobel, Heinz Gappmayr, Helmut Heißenbüttel, Bodo Hell, Hil de Gard, Christine Huber, Norbert Hummelt, Angelika Janz, Gerhard Jaschke, Andreas Jungwirth, Ilse Kilic, Thomas Kling, Friederike Mayröcker, Franz Mon, Ann Noël, Oskar Pastior, Ronald Pohl, Karl Riha, Gerhard Rühm, Valeri Scherstjanoi, Ferdinand Schmatz, Siegfried J. Schmitz, Christian Steinbacher, Liesl Ujvary, Emmett Williams, Herbert J. Wimmer, Paul Wühr u.v.a.

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Retour an dich mein totes Kind

1.7.4.2 friederike mayröcker: Retour an dich mein totes Kind

Textkette

Ausgewählt von Bettina Boeck
Retour an dich mein totes Kind

ich habe ein Kind das liegt begraben
mit zwei blauen Augen-Augen
zwei Augen von der Farbe des Riechfläschchens
und die Reißvögel aus Äthiopien scharen sich
um seine zwei blauen Augen um sie auszupicken
und die kleinen Schwäne aus Seckau
die zur Taufe kommen wollten
sind zurückgeflogen
mein schönes totes Kind ist auf mir gelegen
und hat über mir geatmet
und ich hörte seine langen schlafenden Züge
und es ähnelte dem Blätterrauschen in den Sommerbäumen
als es und ich unter den Dächern jener Sommerbäume hockten
und die edelsteingrünen Blätter rauschten
und es schaute mich an aus seinen blauen Augen
und dann rauschten die Bäume noch immer und rauschten:
es wird bald gestorben sein,
und dann bahrten wir es in der Kirche auf
und es hatte nur ein kleines Fensterchen
aus dem schaute es heraus
es ist mein Kind
und es hieß wie der blaue Himmel und die Rosenwolke
und der Morgenwind im Frühling und die Blätter im rauschenden Wipfel
und die Narzisse und der schönste Tag
und obwohl ich ihm die Augen zugedrückt hatte
hoben sich die Lider immer wieder
es hatte blaue Augen und eine kleine runde Nase
und einen halb offenen Mund mit zwei schönen Zähnen
es war ein Knabe
und es war ein Geschenk wie ich nie vorher eines bekommen hatte
ich liebe es über alles
es ist tot
es kommt nie mehr zurück
in meinen linken Arm in meinen rechten Arm in meine beiden Arme
an meine Brüste auf mir liegend ich über es gebeugt
alle Vögel alle Bäche alle Steine alle Wolken und der Rauch
kommen ans Fensterchen und schauen mein totes Kind an
ich winde ihm einen Kranz aus wildem Löwenzahn
ich flechte ihm ein weiches Körbchen für sein Gesicht
ich werde seine blauen Augen einpflanzen in die Erde
wie ein Paar Krokusblumen
seine blonden Haare vergießen
seine Nase seinen Mund seine Haut verstreuen
seine Knie und Schenkelchen
seine Nägel seine rötlich blonden Stellen in der Armbeuge
er spielte mit kleinen lockenmähnigen Pferdchen und Eselchen
mit geringelten Schnecken am Weg
und blies ins Schneckenhorn
und setzte sich die Schmetterlingsfühler lustig auf
und teilte mit den Fliederbüschen
die Regenwolken und die schönsten satten Siesta-Wolken und Balkone
kannte er mit Namen
und schrieb wie Miró auf sie: »s 5«, »s 5«, »s 5«, und immerfort
vieles überschlug er
und er wagte die tollsten Sprünge von einer Schafschnauze zur andern
bis die Wolle immer zerraufter wurde
er kräuselte gern das Wasser mit der Hand
und ich nähte seine Frisur zurecht
er zog die schwarze Flagge hervor
und versetzte seiner Gabel einen Schaft
schickte sie nach dem sanftschweifenden Osterlamm
und ging durch die punktierte Rundung eines reifen
Schneeballstrauchs
oft ging er fort mit meinem blauen Schirm
ich rief ihm nach und weinte über seine Süße

(er ist tot er ist mein alles)

(Friederike Mayröcker)