Hebet hoch die freien Schwingen

Kempner des Tages

Friederike Kempner (1828-1904)

Hebet hoch die freien Schwingen,
Laßt euch nicht vom Feind berücken,
Hilfe kann der Morgen bringen,
Und die Bosheit geht in Stücken.

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Heinrich Heine

Kempner des Tages

Friederike Kempner liebt Heinrich Heine und verzeiht ihm sogar seinen Vitzli Putzli*, den sie Witzli Putzli nennt:

Heinrich Heine

Ruh‘ in Frieden, großer Dichter,
Ruh‘ in Frieden, Dichtergeist,
Ruh‘ in Frieden, Herz voll Saiten,
Das kein Mißton mehr zerreißt.

Oder singe, spiele weiter,
In der selbstgeschaff’nen Art
Jener Lieder süße Worte,
Unvergleichlich, geistvoll, zart:

Von des Fichtenbaumes Träumen
In des Nordens kalter Höh‘,
Von der armen Sündenblume,
Von Ramiro’s düstrem Weh‘!

Singe in des Himmels Sphäre,
Alle Engel stimmen ein,
Witzli Putzli sei vergeben –
Alle Poesie ist rein!

*) Auszug aus Heines unreinem Gedicht:

Freu dich, Vitzliputzli, freu dich,
Heute gibt es Spanierblut,
Und am warmen Dufte wirst du
Gierig laben deine Nase.
____

Heute werden dir geschlachtet
Achtzig Spanier, stolze Braten
Für die Tafel deiner Priester,
Die sich an dem Fleisch erquicken. Mehr

Leipziger Lerchen

Kempner des Tages

Offenbar hat man vor 120 Jahren in Leipzig Lerchen verzehrt. Die Dichterin las es in der Zeitung – und handelte, d.h. dichtete:

Leipziger Lerchen

Die lieblichen Sänger des Feldes
Ach, nackt und zum Fraße bereit,
Ihr werdet doch Lerchen nicht essen?
Mein Gott, ihr wär’t nicht gescheit!

Die Lerche, die wahre Poetin,
Zum Himmel sich schwingend hinauf,
Ihr Nestlein ach sorglos am Boden,
Die Senner, sie treten darauf.

Allein der Bauer vom Lande,
Er hat ein natürliches Herz, –
Mit Schonung schwingt er die Sense,
Die Sense von Stahl und Erz.

In Leipzig aber da schlachten
Die singenden Kehlchen sie,
– Ach, nackt und zart zum Erbarmen –
Ein Schlachten der Poesie!

Das Ideelle

Kempner des Tages

Das Ideelle

Wie die Rose unter Dornen
Steht das Ideelle jetzt,
Nur das scheußlich Materielle
Kommt zuerst und kommt zuletzt!

Wird gepredigt aller Orten,
Als Vernunft, Gebot der Zeit,
Und mit Beispiel und mit Worten
Macht es überall sich breit.

Aber, wie die Röslein blühen,
Ungetrübt und ewig rein,
Trotz der Dünste, die da ziehen, –
Bleibet alle Schönheit sein.