Oradour

Von Jean Tardieu (1903-1995)

Oradour n’a plus de femmes
Oradour n’a plus un homme
Oradour n’a plus de feuilles
Oradour n’a plus de pierres
Oradour n’a plus d’église
Oradour n’a plus d’enfants

Plus de fumée plus de rires
Plus de toîts plus de greniers
Plus de meules plus d’amour
Plus de vin plus de chansons.

Oradour, j’ai peur d’entendre
Oradour, je n’ose pas
Approcher de tes blessures
De ton sang de tes ruines,
je ne peux je ne peux pas
Voir ni entendre ton nom.

Oradour je crie et hurle
Chaquefois qu’un coeur éclate
Sous les coups des assassins
Une tête épouvantée

Deux yeux larges deux yeux rouges
Deux yeux graves deux yeux grands
Comme la nuit la folie
Deux yeux de petits enfants:
Ils ne me quitteront pas.

Oradour je n’ose plus
Lire ou prononcer ton nom.

Oradour honte des hommes
Oradour honte éternelle
Nos coeurs ne s’apaiseront
Que par la pire vengeance
Haine et honte pour toujours.

Oradour n’a plus de forme
Oradour, femmes ni hommes
Oradour n’a plus d’enfants
Oradour n’a plus de feuilles
Oradour n’a plus d’église

Plus de fumées plus de filles
Plus de soirs ni de matins
Plus de pleurs ni de chansons.

Oradour n’est plus qu’un cri
Et c’est bien la pire offense
Au village qui vivait
Et c’est bien la pire honte
Que de n’être plus qu’un cri,

Nom de la haine des hommes
Nom de la honte des hommes
Le nom de notre vengeance

Qu’à travers toutes nos terres
On écoute en frissonnant,
Une bouche sans personne,
Qui hurle pour tous les temps.

Heute vor 70 Jahren verübte die Waffen-SS das Massaker an der Bevölkerung des französischen Dorfes Oradour-sur-Glane.

Nahezu alle Einwohner wurden dabei ermordet, es gab nur sechs Überlebende. Das Dorf wurde völlig zerstört. Bei dem Massaker von Oradour handelte es sich mit 642 Opfern um das zahlenmäßig größte Massaker in Westeuropa. (Wikipedia)

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Der Schläfer im Tal

Arthur Rimbaud

Der Schläfer im Tal

Ein Fleck von Grün, drin eines Bächleins Singen,
das Silberflitter an die Gräser hängt,
die in dem stolzen Sonnenglanz entspringen —
ein kleines Tal von Helle ganz durchtränkt.

Mit unbedecktem Haupt und offnem Munde
schläft ein Soldat, im frischen roten Kraut
den Nacken badend, blaß auf grünem Grunde
im Bett von Gras, darauf die Wolke schaut.

Mit Blättern deckt ihn leise zu der Wind
er schläft und lächelt wie ein krankes Kind —
o wieg ihn warm Natur, ihn friert so heute . . .

Die Nüster bebt vom starken Waldduft nicht
er liegt ganz still im weißen Sonnenlicht —
er hat zwei rote Löcher in der Seite.

Nachdichtung von Heinrich Horvát für Vilma Balogh

in: Der Sturm 172/173, August 1913, S. 74

(Aus Anlaß der Onlinepublikation aller Ausgaben des “Sturm” 1910-1932 im Blue Mountain Project der Princeton University)* hier

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ARTHUR RIMBAUD: LE DORMEUR DU VAL (1870)

LE DORMEUR DU VAL

C’est un trou de verdure où chante une rivière
Accrochant follement aux herbes des haillons
D’argent; où le soleil, de la montagne fière,
Luit: c’est un petit val qui mousse de rayons.

Un soldat jeune, bouche ouverte, tête nue,
Et la nuque baignant dans le frais cresson bleu,
Dort; il est étendu dans l’herbe, sous la nue,
Pâle dans son lit vert où la lumière pleut.

Les pieds dans les glaieuls, il dort. Souriant comme
Sourirait un enfant malade, il fait un somme:
Nature, berce-le chaudement: il a froid.

Les parfums ne font pas frissonner sa narine;
Il dort dans le soleil, la main sur sa poitrine
Tranquille. Il a deux trous rouges au côté droit.

Die Übertragung der „Correspondances“ Baudelaires von Wolf Graf von Kalckreuth (1907)

Charles Baudelaire

ZUSAMMENHÄNGE

Lebendgem Tempel gleicht das Wesen der Natur,
Aus seinen Säulenreihn tönt tief geheimes Flüstern,
Durch Wälder geht der Mensch, wo Zeichen ihn umdüstern,
Die stillvertrauten Blicks verfolgen seine Spur.

Geheim verschmelzend wie das Echo fernster Klüfte,
In großer Einheit und voll dunkeltiefer Macht,
Weit wie des Äthers Glanz und die gewaltge Nacht,
Antworten Töne rings und Farben sich und Düfte.

Gerüche sind, wie Duft, der über Kindern ruht,
Grün wie die Wiesen, sanft wie der Hoboen Klingen,
Und andre, die verderbt und siegreich und voll Glut,

Still atmend in der Kraft von unbegrenzten Dingen,
Wie Ambra, Benzoe und fremden Weihrauchs Flut,
Stolz tönend den Triumph von unserm Geist und Blut.

(Übertragen von Wolf Graf von Kalckreuth)

Correspondances

Charles Baudelaire

Correspondances

La Nature est un temple où de vivants piliers
Laissent parfois sortir de confuses paroles;
L’homme y passe à travers des forêts de symboles
Qui l’observent avec des regards familiers.

Comme de longs échos qui de loin se confondent
Dans une ténébreuse et profonde unité,
Vaste comme la nuit et comme la clarté,
Les parfums, les couleurs et les sons se répondent.

II est des parfums frais comme des chairs d’enfants,
Doux comme les hautbois, verts comme les prairies,
— Et d’autres, corrompus, riches et triomphants,

Ayant l’expansion des choses infinies,
Comme l’ambre, le musc, le benjoin et l’encens,
Qui chantent les transports de l’esprit et des sens.

— Charles Baudelaire

Zusammenklang

Die Fassung von Therese Robinson (1925)

Zusammenklang

Im Tempel der Natur, in Säulengängen,
Durch die oft Worte hallen, fremd, verwirrt,
Der Mensch durch einen Wald von Zeichen irrt,
Die mit vertrauten Blicken ihn bedrängen.

Wie weite Echo fern zusammenklingen
Zu einem einzgen feierlichen Schall,
Tief wie die Nacht, die Klarheit und das All,
So Düfte, Farben, Klänge sich verschlingen.

Denn es gibt Düfte, frisch wie Kinderwangen,
Süss wie Oboen, grün wie junges Laub,
Verderbte Düfte, üppige, voll Prangen,

Wie Weihrauch, Ambra, die zu uns im Staub
Den Atemzug des Unbegrenzten bringen
Und unsrer Seelen höchste Wonnen singen.

Wald von Zeichen

Stefan Georges Umdichtung des Sonetts „Correspondances“ aus Baudelaires „Fleurs du mal“

EINKLÄNGE

Aus der natur belebten tempelbaun
Oft unverständlich wirre worte weichen ·
Dort geht der mensch durch einen wald von zeichen
Die mit vertrauten blicken ihn beschaun.

Wie lange echo fern zusammenrauschen
In tiefer finsterer geselligkeit ·
Weit wie die nacht und wie die helligkeit
Parfüme färben töne rede tauschen.

Parfüme giebt es frisch wie kinderwangen
Süss wie hoboen grün wie eine alm –
Und andre die verderbt und siegreich prangen

Mit einem hauch von unbegrenzten dingen ·
Wie ambra moschus und geweihter qualm
Die die verzückung unsrer seelen singen.