René Char,“La chambre dans l’espace“

Tel le chant du ramier quand l’averse est prochaine l’air se poudre de pluie, de soleil revenant je m’éveille lavé, je fonds en m’élevant; je vendange le ciel novice. Allongé contre toi, je meus ta…

Quelle: René Char,“La chambre dans l’espace“

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In Parward (4)

Weiter mit der ersten Zeile

A parouart la grant mathegaudie

Zu Parward, der großen Mathegaudie

Bildschirmfoto 2016-01-21 um 13.30.41

Ausgabe von 1489

Mathe (masse), sagt F2, bedeutet „Stadt“, gaudie (sogar ins Bayrische importiert als a Gaudi) „Freude“. Paris, die große Freudenstadt. Über der die Haut der Gehängten langsam von Sonne und Wind gegerbt wird. Ungefähr das sagt Villons erste Zeile.

Jetzt die drei mir bekannten deutschen Fassungen.

Carl Fischer:

Hier in Paris, der schönen großen Stadt,

Eine Doppelübersetzung, erst aus dem Französischen ins Deutsche und dann aus Gauner- in moralisch und politisch korrekte Hochsprache. Poesie ist das nicht.

Löpelmann:

In Parward hier, dem Ferbemackum groß,

Remané:

Zu Parouart, im grandig Mokum jofe,

So kann ein Gedicht anfangen.

Siglen

In 9 von den 14 in meiner Bibliothek vorhandenen Bänden ist sie nicht enthalten.

F = Französisch

D = Deutsch

E = Elektronische Quellen

  • F1: Villon: Œuvres poétiques. Texte établi et annoté par André Mary. Paris: Garnier-Flammarion, 1965
  • F2: Villon: Poésies complètes. Présentation, édition et annotations de Claude Thiry. Paris: Librairie Géneral Française, 1991 (Lettres gothiques)
  • D1: Villon: Dichtungen. Französisch und deutsch, übertragen mit einer Einleitung und Anmerkungen von Martin Löpelmann. München: Georg D.W. Calwey, o.J. [1937]
  • D2: Die Lebensbeichte des Franois Villon. Übertragen von Martin Remané. Berlin: Rütten & Loening, 1964
  • D3: Villon: Sämtliche Werke. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. u. a.d. Französ. übers. von Carl Fischer. München: dtv, 2002 (2.revidierte Aufl.)
  • E1: Le grant testament villon et le petit. Son codicille. Le iargon & ses Balades. Paris:  P. Levet, 1489
  • E2: Le Grant Testament Maistre Françoys Villon et le Petit. Son Codicille avec le Jargon et ses Ballades. s. d.
  • E3: Oeuvres complètes de François Villon : suivies d’un choix des poésies de ses disciples / dition préparée par La Monnoye, mise au jour, avec notes et glossaire par M. Pierre Jannet. Paris: E. Picard, 1867

Wird fortgesetzt.

Bisher über Villon

In Parward (3)

Die erste Zeile von François Villons erster Jargonballade lautet in der frühesten Buchausgabe von 1489

A parouart la grant mathegaudie

Bildschirmfoto 2016-01-21 um 13.30.41

Ausgabe von 1489

Von meinen deutschsprachigen Ausgaben enthalten nur drei die Jargonballaden ganz oder teilweise. Martin Remané (Ostberlin 1964) übersetzt 4 Balladen, Martin Löpelmann 1937 nur eine als Probe, nur die dtv-Ausgabe der „Sämtlichen Werke“ von Carl Fischer übersetzt alle 11. Bei ihm lautet die erste Zeile:

Hier in Paris, der schönen großen Stadt,

Für soviel Aufwand so wenig Ertrag? A P., la grant, auch mit geringen Französischkenntnissen versteht man, daß es „In P., der großen“ heißt. Aber warum Parouart? Im vierten Jahrhundert nannte man das antike Lutezia in Parisi um, aber nie hieß die Stadt Parouart. Villon stammte aus Paris, lebte und studierte dort und saß dort im Gefängnis, nahe daran, gehängt zu werden. Löpelmann nennt die Stadt Parward und erklärt, daß es sich um Paris handelt. Auch F1 erklärt nur = Paris. Mehr erfährt man in F2. Parouart sei ein Wortspiel mit dem Namen der Stadt und dem Wort paroir (das im Pons Großwörterbuch fehlt). Mein Bilderduden von 1937 hat als paroir das Bild eines mir unbekannten Geräts, das für Pferdehufe verwendet wird, aber kein deutsches Pendant (Bild).

7 paroir

7 paroir

Émile Littrés Dictionnaire de la langue française (1872-77) gibt weitere Bedeutungen, darunter ein Hammer für Faßmacher, eine Klinge zum Verzinnen, ein Bock zum Aufspannen von Häuten beim Gerben. (Alle diese Handwerke gab es damals in Paris zu beschauen). Tatsächlich sagt F2, parouart suggeriere das „Gerben“ der Gehängten. Paris, ein Ort zum Gerben von Gehängten. Paul Celan fällt einem da ein, Damals, als es noch Galgen gab, da, nicht wahr, gab es ein Oben. Wie bringt man das in ein Wort? Mit dem man zugleich die Stadt Paris benennt? Einfach alles weglassen kann die Lösung nicht sein. Ein Wort hätten wir, genug für eine Sitzung.

Hier in Paris, der schönen großen Stadt,

Na, ich weiß nicht…

Siglen

In 9 von den 14 in meiner Bibliothek vorhandenen Bänden ist sie nicht enthalten.

F = Französisch

D = Deutsch

E = Elektronische Quellen

  • F1: Villon: Œuvres poétiques. Texte établi et annoté par André Mary. Paris: Garnier-Flammarion, 1965
  • F2: Villon: Poésies complètes. Présentation, édition et annotations de Claude Thiry. Paris: Librairie Géneral Française, 1991 (Lettres gothiques)
  • D1: Villon: Dichtungen. Französisch und deutsch, übertragen mit einer Einleitung und Anmerkungen von Martin Löpelmann. München: Georg D.W. Calwey, o.J. [1937]
  • D2: Die Lebensbeichte des Franois Villon. Übertragen von Martin Remané. Berlin: Rütten & Loening, 1964
  • D3: Villon: Sämtliche Werke. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. u. a.d. Französ. übers. von Carl Fischer. München: dtv, 2002 (2.revidierte Aufl.)
  • E1: Le grant testament villon et le petit. Son codicille. Le iargon & ses Balades. Paris:  P. Levet, 1489
  • E2: Le Grant Testament Maistre Françoys Villon et le Petit. Son Codicille avec le Jargon et ses Ballades. s. d.
  • E3: Oeuvres complètes de François Villon : suivies d’un choix des poésies de ses disciples / dition préparée par La Monnoye, mise au jour, avec notes et glossaire par M. Pierre Jannet. Paris: E. Picard, 1867

Wird fortgesetzt.

Bisher über Villon

In Parward (2)

Nicht daß ich die letzten 6 Wochen mit Villons Jargonballade A Parouart, la grant mathe gaudie verbracht hätte (oder mit seinem ersten Vers, bei dem ich hängengeblieben war). Aber ein bißchen beschäftigt hab ich mich schon und frisch Feuer gefangen. Dank der Digitalisierung (für die im französischsprachigen Bereich nicht Google, sondern der französische Staat einsteht) kann man heute Textkritik auch betreiben, wenn man nicht in der Nähe einer historisch-kritischen Ausgabe wohnt.

Aber Bücher helfen sich im Webdickicht zurechtzufinden. Die Jargonballaden gibt es in keiner Handschrift Villons, aber das haben sie mit den meisten anderen Werken des Dichters gemein. Anscheinend existieren überhaupt nur 2 Balladen und ein Epitaph in Originalhandschrift. Jargonballaden sind in 2 Quellen überliefert.

  • Der Stockholmer Handschrift, auch Handschrift Fauchet genannt, die nach 1477 angefertigt wurde (von Villon gibt es nach dem 8. Januar 1463 kein Lebenszeichen mehr)  (Balladen VII-XI)
  • Das Buch Le grant testament villon et le petit. Son codicille. Le iargon & ses balades, 1489 in Paris gedruckt (Jargonballaden I-VI)

 

Über die Bedeutung wollte ich in der nächsten Folge reden. Aber die kann warten.

Zunächst mal hab ich überprüft, woher die unterschiedlichen Fassungen stammen. Dank der Sammlung Gallica, der digitalen Sammlung der Französischen Nationalbibliothek, kann man Pdfs der Originalmanuskripte einsehen. Hier zwei Funde:

export (1)

A

Bildschirmfoto 2016-01-21 um 13.30.41

B

 

Bild B stammt aus der Quelle von 1489. Den Text der ersten Zeile haben wir jetzt gesichert. Die Bedeutung kann warten.

A parouart la grant mathegaudie

Siglen

In 9 von den 14 in meiner Bibliothek vorhandenen Bänden ist sie nicht enthalten.

F = Französisch

D = Deutsch

E = Elektronische Quellen

  • F1: Villon: Œuvres poétiques. Texte établi et annoté par André Mary. Paris: Garnier-Flammarion, 1965
  • F2: Villon: Poésies complètes. Présentation, édition et annotations de Claude Thiry. Paris: Librairie Géneral Française, 1991 (Lettres gothiques)
  • D1: Villon: Dichtungen. Französisch und deutsch, übertragen mit einer Einleitung und Anmerkungen von Martin Löpelmann. München: Georg D.W. Calwey,o.J. [1937]
  • D2: Die Lebensbeichte des Franois Villon. Übertragen von Martin Remané. Berlin: Rütten & Loening, 1964
  • D3: Villon: Sämtliche Werke. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. u. a.d. Französ. übers. von Carl Fischer. München: dtv, 2002 (2.revidierte Aufl.)
  • E1: Le grant testament villon et le petit. Son codicille. Le iargon & ses Balades. Paris:  P. Levet, 1489
  • E2: Le Grant Testament Maistre Françoys Villon et le Petit. Son Codicille avec le Jargon et ses Ballades. s. d.
  • E3: Oeuvres complètes de François Villon : suivies d’un choix des poésies de ses disciples / dition préparée par La Monnoye, mise au jour, avec notes et glossaire par M. Pierre Jannet. Paris: E. Picard, 1867

Wird fortgesetzt.

Bisher über Villon

Schwierige, dunkle und unklare

Schwierige, dunkle und unklare
Worte verflechte ich,
gedankenvoll und umsichtig
suche und erforsche ich,
wie ich durch Feilen
den unpassenden Rost
wegätzen könnte
und den häßlichen Belag,
um mein trauriges
Herz zu erheitern.

Cars bruns e tenz
motz entrebesc,
pensius pensanz
enqier e serc
com si liman
pogues roire
l’estrain roïl
ni-l fer tiure,
don mon escur
cor esclaire.

Raimbaut d’Aurenga (1147-1173)

Übersetzung aus Dieter Janik, Die französische Lyrik. Darmstadt 1987, S. 15

Es regnet (2): Erinnerung

Als ich nach Greifswald kam, fand gerade ein „Internationaler Hochschulferienkurs“ statt. Ich befreundete mich innerhalb wenig Tagen mit jungen Leuten aus Dänemark, Frankreich, Jugoslawien, Litauen, England und weiß woher noch. Wir feierten durch die Nächte, es war in der zugeschlossenen DDR immer ein Rausch und ein Hauch von Welt. Einmal spätnachts zitierte eine Französin Verlaine: Il pleut dans mon cœur comme il pleut sur la ville (Es regnet in meinem Herzen, wie es auf die Stadt regnet). Ich korrigierte: Il pleure dans mon cœur comme il pleut sur la ville (Es weint in meinem Herzen, wie es auf die Stadt regnet). Ich besaß die zweisprachige Ausgabe von Reclam Leipzig und hatte die Gabe, oft gelesene Gedichte in großer Zahl auswendig zu können, ohne sie lernen zu müssen. Die Französin stutzte und stritt, ich weiß nicht mehr ob wir gewettet haben, Internet stand noch nicht zur Verfügung, am nächsten Tag brachte ich das Büchlein mit. Der Grund für ihre Verwechslung war wahrscheinlich, daß dieses Gedicht mit einem Mottozitat von Rimbaud versehen ist: Il pleut doucement sur la ville (Es regnet sacht auf die Stadt). So fängt es doch mit Il pleut an.

Die Französin übrigens begann zwei oder drei Tage später mir aus dem Weg zu gehen, nicht wegen der Wette und auch sonst. Vermutlich hatte ihr ein deutscher Student gesagt, daß ich in Greifswald unbekannt war, und das hieß damals dort: Stasi („erst zu Beginn des Kurses hier aufgetaucht“)! Diese Veranstaltungen waren hochgradig stasiverseucht, junge Menschen, die unverständliche Gedichte zitieren, sind eine Gefahr für den Staat.

Heute könnte ich aus den Akten beweisen, daß ich nicht Spitzel war, sondern Bespitzelter. Damals gab es keine Chance, auf ungestellte Fragen zu antworten.