Dennoch schauen

Ágnes Nemes Nagy

Dennoch schauen

Und dennoch schauen, schauen, sagte wer, sobald
der Rauchvorhang es zuläßt, in der spaltgroßen Pause
in diesem Augenblick zwischen dem Rauch, der Säure, dem Ammoniak, den Angriffen,
schauen, weißt du, wie einen Tisch die Form auflösend
gleichzeitig schaun als Platte und Profil
Und tun, weißt du, tun, tun, ich tue unablässig
mein Körper macht Geschichte, macht Biologie
und reflektieren, weißt du, mir ist mein Kopf so merkwürdig, so unvollendbar
die Kugelform, ich weiß gar nicht, warum ich sie so mag,
Augapfel, Schädel, Erdkugel, derlei begrenzt Unendliches
doch diese sind zerrissene Kugeln, Kokosnüsse,
mit dem zerschlagnen Faserhaar der Sterblichkeit rings eingefaßt

Und schaun, von oben, unten, aus allerlei Winkeln
umtasten das Objekt mit etlichen Augen
mit ihnen die Kontur heraushaun, schlämmen, niederreißen
dieweil sie öffnen schließen öffnen sich in ungleichmäßigen Wellenschlägen
und auch heraus aus den Objekten selbst die langsam vielen Blicke
der Höhlungen gewaltige Blicke unwahrnehmbar
in reglosen Seen und Steinen
herauspfeilend als splittrige Lichtzeichen

Wiewohl nichts, sagte wer, helfen diese verstreuten hunderttausend Augen
wiewohl nichts hilft der Biosphäre mich umrauschendes Palmwimpern-Aug,
spröde Äste der Zedern, Fächer Laubs
einiger Jahreszeiten Kratzer
				Himmel Sonne um mich
				ab und auf
schauen obwohls nicht hilft und dennoch schauen

Schaun, weißt du, schaun
wie eine, sagte wer, Narbe am Baum schaut.

Deutsch von Franz Fühmann

Aus: Ágnes Nemes Nagy, Dennoch schauen. Gedichte. 
Nachgedichtet von Franz Fühmann. Leipzig: Insel, 1986, S. 62f
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Auf ein Exemplar des „Steilen Weges“

Miklós Radnóti

Auf ein Exemplar des „Steilen Weges“

Ein Dichter bin ich und drum unnütz. Keiner
braucht mich, brächt ich selbst Wortloses hervor:
.–.–.– umsonst. Statt meiner
singt heut ein frecher Teufelschor.

Und glaubt mir, Freunde, lernt erkennen
was früh ich ahnte: ich will, daß ihr wißt:
Ein Dichter bin ich, nütz nur zum Verbrennen,
da er der Wahrheit Zeuge ist.

Einer bin ich, der weiß, daß der Schnee weiß ist
und rot das Blut und rot am Weg der Mohn
und des Mohns wergflaumiger Stengel grün.

Einer, der nie getötet hat und den man darum
umbringen wird. Denn dies wird nie verziehn.

1939

Miklós Radnóti: Ansichtskarten. Nachdichtung und Nachwort von Franz Fühmann. Berlin: Volk und Welt, 1967, S. 42.

Eklogen vom Massenmord

Textkette Freistil

Miklós Radnóti (* 5. Mai 1909 in Budapest; † 9. November 1944 bei Abda nahe Győr auf einem Gewaltmarsch zur Evakuierung des Lagers).

„Im Mai 1944 wurde er zunächst an die ukrainische Front beordert und später im Lager Bor in Serbien interniert. Seine hier entstandenen Gedichte sammelte er in einem Notizheft, das er von Bor aus seiner Frau schickte. Diese Sammlung erschien später unter dem Titel Bori notesz (Notizen aus Bor). Als Titos Truppen vorrückten, wurde er mit mehreren tausend jüdischen Zwangsarbeitern in Gewaltmärschen quer durch Ungarn zur österreichischen Grenze getrieben. Wie viele seiner Mitgefangenen war er den Strapazen dieses Gewaltmarsches nicht mehr gewachsen und wurde nach seinem Zusammenbruch mit 21 seiner Mitgefangenen bei Abda, nahe der österreichischen Grenze, erschossen. Das Massengrab wurde nach dem Krieg 1946 exhumiert. Dabei wurden seine letzten Gedichte gefunden, die in der Sammlung Tajtékos ég (Sky With Clouds) 1948 erschienen.
Heute befindet sich sein Grabstein auf dem Kerepesi temető, einem Friedhof in Budapest. Die an dem Massengrab bei Abda aufgestellte Statue wurde 2013 geschändet.“ (Wikipedia)

An dem Lexikonartikel kann man studieren, wie die Syntax des passivischen Ausdrucks Täter heraushält: „wurde er getrieben“, von wem?; „war er den Strapazen nicht mehr gewachsen“, irgendwie selber schuld; „wurde erschossen“: von einem SS-Mann. Franz Fühmann teilt in seinem Nachwort von 1967 die Umstände mit:

… im November 1944 wurde der Prophet seiner eigenen Vernichtung* von einem SS-Mann ins Genick geschossen, als bei der Evakuierung des Arbeitslagers Heidenau der von monatelangem schwerem Frondienst völlig erschöpfte Dichter während eines Gewaltmarsches zusammenbrach und am Weg liegenblieb. Gewiß hatte der gestiefelte Exekutor diesen Schuß ganz gleichgültig abgegeben: ein Krümmen des Fingers, ein geübter, längst zum Reflex gewordener Handgriff am Fließband des Todes, mehr nicht, und es wäre auch bei diesem mechanischen Reflex geblieben, hätte man dem Schlächter zu erklären versucht, daß der am Straßenrand Niedergestürzte, der – ein Deichwächter hat es überliefert – nun mit Schlägen und Fußtritten noch einmal auf die Beine gezwungen wurde, um mit einundzwanzig Schicksalsgefährten das eigene Grab zu schaufeln, ein Dichter europäischen, ja Weltranges sei …

Unter den in einem blutbeschmierten Notizheft gefundenen Gedichten auch die Siebente Ekloge in der Übersetzung Franz Fühmanns, die auf den Fotos vollständig wiedergegeben ist. Fühmann dichtete sie in den Hexametern des Originals nach. Moderne Eklogen, die von Krieg, Arbeitslager und faschistischem Terror handeln. In der ersten Ekloge wird der Tod García Lorcas gemeldet:

Hirt:

(…)
Tote liegen schon dort, daß es keinen mehr gibt, der sie wegräumt.
Nicht wahr, du kennst Federico? Sag mir, ist er geflohen?

Dichter:

Nein! Vor zwei Jahren schon hat man ihn in Granada getötet.

Hirt:

García Lorca ist tot! daß mir das noch keiner gesagt hat!
Schnell eilt die Kunde von Kriegen einher, doch wer Dichter ist, schwindet
einfach so weg. Sag, hat denn Europa um ihn nicht getrauert?

Dichter:

Man hat es gar nicht gemerkt.

Im letzten Gedicht, 10 Tage vor seinem Tod notiert, wird die Mordszene vorweggenommen, keine Prophetengabe war dazu nötig, es beschreibt die Tötung eines Leidensgefährten durch Genickschuß, lesen Sie ruhig die ungarische Originalfassung bis zur sechsten Zeile:

Mellézuhantam, átfordult a teste
s feszes volt már, mint húr, ha pattan.
Tarkólövés. – Így végzed hát te is, –
súgtam magamnak, – csak feküdj nyugodtan.
Halált virágzik most a türelem. –
Der springt noch auf, – hangzott fölöttem.
Sárral kevert vér száradt fülemen.

(Szentkirályszabadja, 1944. október 31.)

Ich stürzte neben ihm. Sein Leib, gekrümmt, ward straff
wie eine Saite straff wird vorm Zerspringen.
Genickschuss. Bleib nur ruhig liegen, dacht ich,
die Kugel wird ein gleiches Los dir bringen.
Geduld bringt Rosen – ja des Tods, du Tor!
DER SPRINGT NOCH AUF! (*) schrie gellend eine Stimme
Schlamm, blutvermischt, trocknet an meinem Ohr.

Szentkirályszabadja, 31. Oktober 1944

Nachdichtung von Franz Fühmann
* Anm. „Der springt noch auf“ in der vorletzten Zeile im Original deutsch.

(Hier der Zyklus „Ansichtskarten“ vollständig)

Radnóti, Miklós: Ansichtskarten. Nachdichtung u. Nachw. von Franz Fühmann. Berlin : Verl. Volk u. Welt, 1967 (Weiße Lyrikreihe)

*) 1935 schrieb er in einem Gedicht: „Winter kommt und Krieg kommt, / gefällt bald lieg ich, niemand wird mich sehn“.