Inbegriff der Sache

„Willst du den Inbegriff der Sache, geh zu Sappho, Catull, Villon, zu Heine, wo er in Schwung ist, zu Gautier, wo er nicht allzu frostig ist, oder, falls du diese Sprachen nicht kannst, suche den geruhsamen Chaucer auf.“

Ezra Pound: Dichtung und Prosa, Berlin: Ullstein 1959, S. 148 (übersetzt von Eva Hesse).

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Andre Furche

Planter me faut autres complans Et frapper en ung autre coing. (François Villon)

So pflanz’ ich denn in andrem Feld / Und hau’ in eine andre Kerbe. (Löpelmann)

so pflüg ich denn ein ander Land / und hau in eine andre Kerbe (C. Fischer)

Mensch, der zog ’ne Furche… (Wolf Biermann)

François Villon, aus: Les Lais (Das Vermächtnis / Die Legate / Das Kleine Testament)

versus (Lat.) = Zeile, Vers, Furche

In Parward (4)

Weiter mit der ersten Zeile

A parouart la grant mathegaudie

Zu Parward, der großen Mathegaudie

Bildschirmfoto 2016-01-21 um 13.30.41

Ausgabe von 1489

Mathe (masse), sagt F2, bedeutet „Stadt“, gaudie (sogar ins Bayrische importiert als a Gaudi) „Freude“. Paris, die große Freudenstadt. Über der die Haut der Gehängten langsam von Sonne und Wind gegerbt wird. Ungefähr das sagt Villons erste Zeile.

Jetzt die drei mir bekannten deutschen Fassungen.

Carl Fischer:

Hier in Paris, der schönen großen Stadt,

Eine Doppelübersetzung, erst aus dem Französischen ins Deutsche und dann aus Gauner- in moralisch und politisch korrekte Hochsprache. Poesie ist das nicht.

Löpelmann:

In Parward hier, dem Ferbemackum groß,

Remané:

Zu Parouart, im grandig Mokum jofe,

So kann ein Gedicht anfangen.

Siglen

In 9 von den 14 in meiner Bibliothek vorhandenen Bänden ist sie nicht enthalten.

F = Französisch

D = Deutsch

E = Elektronische Quellen

  • F1: Villon: Œuvres poétiques. Texte établi et annoté par André Mary. Paris: Garnier-Flammarion, 1965
  • F2: Villon: Poésies complètes. Présentation, édition et annotations de Claude Thiry. Paris: Librairie Géneral Française, 1991 (Lettres gothiques)
  • D1: Villon: Dichtungen. Französisch und deutsch, übertragen mit einer Einleitung und Anmerkungen von Martin Löpelmann. München: Georg D.W. Calwey, o.J. [1937]
  • D2: Die Lebensbeichte des Franois Villon. Übertragen von Martin Remané. Berlin: Rütten & Loening, 1964
  • D3: Villon: Sämtliche Werke. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. u. a.d. Französ. übers. von Carl Fischer. München: dtv, 2002 (2.revidierte Aufl.)
  • E1: Le grant testament villon et le petit. Son codicille. Le iargon & ses Balades. Paris:  P. Levet, 1489
  • E2: Le Grant Testament Maistre Françoys Villon et le Petit. Son Codicille avec le Jargon et ses Ballades. s. d.
  • E3: Oeuvres complètes de François Villon : suivies d’un choix des poésies de ses disciples / dition préparée par La Monnoye, mise au jour, avec notes et glossaire par M. Pierre Jannet. Paris: E. Picard, 1867

Wird fortgesetzt.

Bisher über Villon

In Parward (3)

Die erste Zeile von François Villons erster Jargonballade lautet in der frühesten Buchausgabe von 1489

A parouart la grant mathegaudie

Bildschirmfoto 2016-01-21 um 13.30.41

Ausgabe von 1489

Von meinen deutschsprachigen Ausgaben enthalten nur drei die Jargonballaden ganz oder teilweise. Martin Remané (Ostberlin 1964) übersetzt 4 Balladen, Martin Löpelmann 1937 nur eine als Probe, nur die dtv-Ausgabe der „Sämtlichen Werke“ von Carl Fischer übersetzt alle 11. Bei ihm lautet die erste Zeile:

Hier in Paris, der schönen großen Stadt,

Für soviel Aufwand so wenig Ertrag? A P., la grant, auch mit geringen Französischkenntnissen versteht man, daß es „In P., der großen“ heißt. Aber warum Parouart? Im vierten Jahrhundert nannte man das antike Lutezia in Parisi um, aber nie hieß die Stadt Parouart. Villon stammte aus Paris, lebte und studierte dort und saß dort im Gefängnis, nahe daran, gehängt zu werden. Löpelmann nennt die Stadt Parward und erklärt, daß es sich um Paris handelt. Auch F1 erklärt nur = Paris. Mehr erfährt man in F2. Parouart sei ein Wortspiel mit dem Namen der Stadt und dem Wort paroir (das im Pons Großwörterbuch fehlt). Mein Bilderduden von 1937 hat als paroir das Bild eines mir unbekannten Geräts, das für Pferdehufe verwendet wird, aber kein deutsches Pendant (Bild).

7 paroir

7 paroir

Émile Littrés Dictionnaire de la langue française (1872-77) gibt weitere Bedeutungen, darunter ein Hammer für Faßmacher, eine Klinge zum Verzinnen, ein Bock zum Aufspannen von Häuten beim Gerben. (Alle diese Handwerke gab es damals in Paris zu beschauen). Tatsächlich sagt F2, parouart suggeriere das „Gerben“ der Gehängten. Paris, ein Ort zum Gerben von Gehängten. Paul Celan fällt einem da ein, Damals, als es noch Galgen gab, da, nicht wahr, gab es ein Oben. Wie bringt man das in ein Wort? Mit dem man zugleich die Stadt Paris benennt? Einfach alles weglassen kann die Lösung nicht sein. Ein Wort hätten wir, genug für eine Sitzung.

Hier in Paris, der schönen großen Stadt,

Na, ich weiß nicht…

Siglen

In 9 von den 14 in meiner Bibliothek vorhandenen Bänden ist sie nicht enthalten.

F = Französisch

D = Deutsch

E = Elektronische Quellen

  • F1: Villon: Œuvres poétiques. Texte établi et annoté par André Mary. Paris: Garnier-Flammarion, 1965
  • F2: Villon: Poésies complètes. Présentation, édition et annotations de Claude Thiry. Paris: Librairie Géneral Française, 1991 (Lettres gothiques)
  • D1: Villon: Dichtungen. Französisch und deutsch, übertragen mit einer Einleitung und Anmerkungen von Martin Löpelmann. München: Georg D.W. Calwey, o.J. [1937]
  • D2: Die Lebensbeichte des Franois Villon. Übertragen von Martin Remané. Berlin: Rütten & Loening, 1964
  • D3: Villon: Sämtliche Werke. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. u. a.d. Französ. übers. von Carl Fischer. München: dtv, 2002 (2.revidierte Aufl.)
  • E1: Le grant testament villon et le petit. Son codicille. Le iargon & ses Balades. Paris:  P. Levet, 1489
  • E2: Le Grant Testament Maistre Françoys Villon et le Petit. Son Codicille avec le Jargon et ses Ballades. s. d.
  • E3: Oeuvres complètes de François Villon : suivies d’un choix des poésies de ses disciples / dition préparée par La Monnoye, mise au jour, avec notes et glossaire par M. Pierre Jannet. Paris: E. Picard, 1867

Wird fortgesetzt.

Bisher über Villon

In Parward (2)

Nicht daß ich die letzten 6 Wochen mit Villons Jargonballade A Parouart, la grant mathe gaudie verbracht hätte (oder mit seinem ersten Vers, bei dem ich hängengeblieben war). Aber ein bißchen beschäftigt hab ich mich schon und frisch Feuer gefangen. Dank der Digitalisierung (für die im französischsprachigen Bereich nicht Google, sondern der französische Staat einsteht) kann man heute Textkritik auch betreiben, wenn man nicht in der Nähe einer historisch-kritischen Ausgabe wohnt.

Aber Bücher helfen sich im Webdickicht zurechtzufinden. Die Jargonballaden gibt es in keiner Handschrift Villons, aber das haben sie mit den meisten anderen Werken des Dichters gemein. Anscheinend existieren überhaupt nur 2 Balladen und ein Epitaph in Originalhandschrift. Jargonballaden sind in 2 Quellen überliefert.

  • Der Stockholmer Handschrift, auch Handschrift Fauchet genannt, die nach 1477 angefertigt wurde (von Villon gibt es nach dem 8. Januar 1463 kein Lebenszeichen mehr)  (Balladen VII-XI)
  • Das Buch Le grant testament villon et le petit. Son codicille. Le iargon & ses balades, 1489 in Paris gedruckt (Jargonballaden I-VI)

 

Über die Bedeutung wollte ich in der nächsten Folge reden. Aber die kann warten.

Zunächst mal hab ich überprüft, woher die unterschiedlichen Fassungen stammen. Dank der Sammlung Gallica, der digitalen Sammlung der Französischen Nationalbibliothek, kann man Pdfs der Originalmanuskripte einsehen. Hier zwei Funde:

export (1)

A

Bildschirmfoto 2016-01-21 um 13.30.41

B

 

Bild B stammt aus der Quelle von 1489. Den Text der ersten Zeile haben wir jetzt gesichert. Die Bedeutung kann warten.

A parouart la grant mathegaudie

Siglen

In 9 von den 14 in meiner Bibliothek vorhandenen Bänden ist sie nicht enthalten.

F = Französisch

D = Deutsch

E = Elektronische Quellen

  • F1: Villon: Œuvres poétiques. Texte établi et annoté par André Mary. Paris: Garnier-Flammarion, 1965
  • F2: Villon: Poésies complètes. Présentation, édition et annotations de Claude Thiry. Paris: Librairie Géneral Française, 1991 (Lettres gothiques)
  • D1: Villon: Dichtungen. Französisch und deutsch, übertragen mit einer Einleitung und Anmerkungen von Martin Löpelmann. München: Georg D.W. Calwey,o.J. [1937]
  • D2: Die Lebensbeichte des Franois Villon. Übertragen von Martin Remané. Berlin: Rütten & Loening, 1964
  • D3: Villon: Sämtliche Werke. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. u. a.d. Französ. übers. von Carl Fischer. München: dtv, 2002 (2.revidierte Aufl.)
  • E1: Le grant testament villon et le petit. Son codicille. Le iargon & ses Balades. Paris:  P. Levet, 1489
  • E2: Le Grant Testament Maistre Françoys Villon et le Petit. Son Codicille avec le Jargon et ses Ballades. s. d.
  • E3: Oeuvres complètes de François Villon : suivies d’un choix des poésies de ses disciples / dition préparée par La Monnoye, mise au jour, avec notes et glossaire par M. Pierre Jannet. Paris: E. Picard, 1867

Wird fortgesetzt.

Bisher über Villon

In Parward

Auf der Suche nach einem Parisgedicht dachte ich an François Villon und suchte ein bißchen. Villon ist ja ein früher Großstadtdichter, Paris überall. Aber Paris speziell? Es gibt die Ballade von den Frauen von Paris („am besten kann’s die aus Paris“), es gibt auch die Ballade wider Frankreichs Feinde (schien mir heute zu martialisch), aber genau, da: „Hier in Paris, der schönen großen Stadt“. Jedenfalls in der Übersetzung von Carl Fischer (Zweisprachige Ausgabe bei dtv 2002). Mit diesem Gedicht ist es kompliziert: erstens weil es nach  Ansicht mancher Forscher gar nicht von Villon ist – Dichter unbekannt (wiewohl unter seinem Namen und in seinen Argot-Gedichten überliefert). Zweitens aber weil es eben Argot ist. Soll man das romanische Argot in deutsche Normalsprache übersetzen, wie es Carl Fischer tat?

Villon oder nicht, das Gedicht ist da und verdient Beachtung. Auch weil die Argotballaden in den gängigen deutschen Ausgaben meist fehlen oder nur in einer kleinen Probe vorgestellt werden (selbst wenn „Sämtliche Dichtungen“ auf dem Titel steht). Ich beginne heute, das kleine Gedicht zeilenweise zu untersuchen, mich ihm anzunähern. Vielleicht liest es jemand mit, dem andere Assoziationen zufallen, der eine mir unbekannte Ausgabe besitzt oder Kenntnisse des Argots oder Jargons? Mal sehn, wie weit ich damit komme.

Die erste Zeile im Original:

A Parouart, la grant mathe gaudie, (F1)

Bzw.

A Parouart la grant mathegaudie (F2)

Über die Bedeutung weiter in der nächsten Folge.

Siglen

In 9 von meinen 14 in meiner Bibliothek vorhandenen Bänden ist sie nicht enthalten.

F = Französisch

D = Deutsch

F1: Villon: Œuvres poétiques. Texte établi et annoté par André Mary. Paris: Garnier-Flammarion, 1965

F2: Villon: Poésies complètes. Présentation, édition et annotations de Claude Thiry. Paris: Librairie Géneral Française, 1991 (Lettres gothiques)

D1: Villon: Dichtungen. Französisch und deutsch, übertragen mit einer Einleitung und Anmerkungen von Martin Löpelmann.München: Georg D.W. Calwey,o.J. [1937]

D2: Die Lebensbeichte des Franois Villon. Übertragen von Martin Remané. Berlin: Rütten & Loening, 1964

D3: Villon: Sämtliche Werke. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. u. a.d. Französ. übers. von Carl Fischer. München: dtv, 2002 (2.revidierte Aufl.)