Federico García Lorca: In den Zweigen des Lorbeers / sah ich zwei dunkle Tauben

Federico García Lorca

CANCIÓN

Por las ramas del laurel
vi dos palomas oscuras.
La una era el sol,
la otra la luna.
Vecinitas, les dije,
dónde está mi sepultura?
En mi cola, dijo el sol.
En mi garganta, dijo la luna.
Y yo que estaba caminando
con la tierra a la cintura
vi dos águilas de mármol
y una muchacha desnuda.
La una era la otra
y la muchacha era ninguna.
Aguilitas, les dije,
dónde está mi sepultura?
En mi cola, dijo el sol.
En mi garganta, dijo la luna.
Por las ramas del cerezo
vi dos palomas desnudas,
la una era la otra
y las dos eran ninguna.

(Primeras canciones)

LIED

In den Zweigen des Lorbeers
sah ich zwei dunkle Tauben.
Die eine war die Sonne,
die andere der Mond.
Ihr Nachbarinnen, sprach ich zu ihnen,
wo ist mein Grab?
In meinem Schwanz, sagte die Sonne.
In meiner Kehle, sagte der Mond.
Und ich, der ich des Wegs ging
mit der Erde am Gürtel
sah zwei Adler aus Marmor
und ein nacktes Mädchen.
Der eine war der andere
und das Mädchen war keines.
Ihr Adler, sprach ich zu ihnen,
wo ist mein Grab?
In meinem Schwanz, sagte die Sonne.
In meiner Kehle, sagte der Mond.
In den Zweigen des Kirschbaums
sah ich zwei nackte Tauben,
die eine war die andere
und beide waren keine.

(Übersetzung: Roland Erb)

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Noiturnio do adoescente morto

1.7.4.6.1 garcía lorca: Noiturnio do adoescente morto

Textkette

Ausgewählt von Léonce W. Lupette

Michael Gratz bat mich, weil mir sein G.B.Fuchs gefällt, einen Lorca zu posten – voilà: aus den »Seis poemas gallegos«. Wer kundtut, dass ihr oder ihm dies gefällt, wird ebenfalls zu einem zu suchenden Gedicht verpflichtet!

 

Noiturnio do adoescente morto

 

Imos silandeiros orela do vado
pra ver ô adolescente afogado.

Imos silandeiros veiriña do ar,
antes que ise río o leve pro mar.

Súa i-alma choraba, ferida e pequena
embaixo os arumes de pinos e d’herbas.

Agoa despenada baixaba da lúa
cobrindo de lirios a montana núa.

O vento deixaba camelias de soma
na lumieira murcha da súa triste boca.

¡Vinde mozos loiros do monte e do prado
pra ver o adoescente afogado!

¡Vinde xente escura do cume e do val
antes que ise río o leve pro mar!

O leve pro mar de curtiñas brancas
onde van e vên vellos bois de ágoa.

¡Ay, cómo cantaban os albres do Sil
sobre a verde lúa, coma un tamboril!

¡Mozos, imos, vinde, aixiña, chegar
porque xa ise río m’o leva pra o mar!

(Der andalusische Dichter schreibt hier nicht Spanisch, sondern Galizisch).

Eklogen vom Massenmord

Textkette Freistil

Miklós Radnóti (* 5. Mai 1909 in Budapest; † 9. November 1944 bei Abda nahe Győr auf einem Gewaltmarsch zur Evakuierung des Lagers).

„Im Mai 1944 wurde er zunächst an die ukrainische Front beordert und später im Lager Bor in Serbien interniert. Seine hier entstandenen Gedichte sammelte er in einem Notizheft, das er von Bor aus seiner Frau schickte. Diese Sammlung erschien später unter dem Titel Bori notesz (Notizen aus Bor). Als Titos Truppen vorrückten, wurde er mit mehreren tausend jüdischen Zwangsarbeitern in Gewaltmärschen quer durch Ungarn zur österreichischen Grenze getrieben. Wie viele seiner Mitgefangenen war er den Strapazen dieses Gewaltmarsches nicht mehr gewachsen und wurde nach seinem Zusammenbruch mit 21 seiner Mitgefangenen bei Abda, nahe der österreichischen Grenze, erschossen. Das Massengrab wurde nach dem Krieg 1946 exhumiert. Dabei wurden seine letzten Gedichte gefunden, die in der Sammlung Tajtékos ég (Sky With Clouds) 1948 erschienen.
Heute befindet sich sein Grabstein auf dem Kerepesi temető, einem Friedhof in Budapest. Die an dem Massengrab bei Abda aufgestellte Statue wurde 2013 geschändet.“ (Wikipedia)

An dem Lexikonartikel kann man studieren, wie die Syntax des passivischen Ausdrucks Täter heraushält: „wurde er getrieben“, von wem?; „war er den Strapazen nicht mehr gewachsen“, irgendwie selber schuld; „wurde erschossen“: von einem SS-Mann. Franz Fühmann teilt in seinem Nachwort von 1967 die Umstände mit:

… im November 1944 wurde der Prophet seiner eigenen Vernichtung* von einem SS-Mann ins Genick geschossen, als bei der Evakuierung des Arbeitslagers Heidenau der von monatelangem schwerem Frondienst völlig erschöpfte Dichter während eines Gewaltmarsches zusammenbrach und am Weg liegenblieb. Gewiß hatte der gestiefelte Exekutor diesen Schuß ganz gleichgültig abgegeben: ein Krümmen des Fingers, ein geübter, längst zum Reflex gewordener Handgriff am Fließband des Todes, mehr nicht, und es wäre auch bei diesem mechanischen Reflex geblieben, hätte man dem Schlächter zu erklären versucht, daß der am Straßenrand Niedergestürzte, der – ein Deichwächter hat es überliefert – nun mit Schlägen und Fußtritten noch einmal auf die Beine gezwungen wurde, um mit einundzwanzig Schicksalsgefährten das eigene Grab zu schaufeln, ein Dichter europäischen, ja Weltranges sei …

Unter den in einem blutbeschmierten Notizheft gefundenen Gedichten auch die Siebente Ekloge in der Übersetzung Franz Fühmanns, die auf den Fotos vollständig wiedergegeben ist. Fühmann dichtete sie in den Hexametern des Originals nach. Moderne Eklogen, die von Krieg, Arbeitslager und faschistischem Terror handeln. In der ersten Ekloge wird der Tod García Lorcas gemeldet:

Hirt:

(…)
Tote liegen schon dort, daß es keinen mehr gibt, der sie wegräumt.
Nicht wahr, du kennst Federico? Sag mir, ist er geflohen?

Dichter:

Nein! Vor zwei Jahren schon hat man ihn in Granada getötet.

Hirt:

García Lorca ist tot! daß mir das noch keiner gesagt hat!
Schnell eilt die Kunde von Kriegen einher, doch wer Dichter ist, schwindet
einfach so weg. Sag, hat denn Europa um ihn nicht getrauert?

Dichter:

Man hat es gar nicht gemerkt.

Im letzten Gedicht, 10 Tage vor seinem Tod notiert, wird die Mordszene vorweggenommen, keine Prophetengabe war dazu nötig, es beschreibt die Tötung eines Leidensgefährten durch Genickschuß, lesen Sie ruhig die ungarische Originalfassung bis zur sechsten Zeile:

Mellézuhantam, átfordult a teste
s feszes volt már, mint húr, ha pattan.
Tarkólövés. – Így végzed hát te is, –
súgtam magamnak, – csak feküdj nyugodtan.
Halált virágzik most a türelem. –
Der springt noch auf, – hangzott fölöttem.
Sárral kevert vér száradt fülemen.

(Szentkirályszabadja, 1944. október 31.)

Ich stürzte neben ihm. Sein Leib, gekrümmt, ward straff
wie eine Saite straff wird vorm Zerspringen.
Genickschuss. Bleib nur ruhig liegen, dacht ich,
die Kugel wird ein gleiches Los dir bringen.
Geduld bringt Rosen – ja des Tods, du Tor!
DER SPRINGT NOCH AUF! (*) schrie gellend eine Stimme
Schlamm, blutvermischt, trocknet an meinem Ohr.

Szentkirályszabadja, 31. Oktober 1944

Nachdichtung von Franz Fühmann
* Anm. „Der springt noch auf“ in der vorletzten Zeile im Original deutsch.

(Hier der Zyklus „Ansichtskarten“ vollständig)

Radnóti, Miklós: Ansichtskarten. Nachdichtung u. Nachw. von Franz Fühmann. Berlin : Verl. Volk u. Welt, 1967 (Weiße Lyrikreihe)

*) 1935 schrieb er in einem Gedicht: „Winter kommt und Krieg kommt, / gefällt bald lieg ich, niemand wird mich sehn“.