Die Selbstmörderin

1.7.4.4.1.2 ernst balcke: die selbstmörderin

Textkette

Ausgewählt von Florian Voß

Jan Kuhlbrodt trug mir irgendeinen Expressionisten außer Georg Heym auf. Dann nehm ich doch einfach seinen besten Freund ERNST BALCKE:

 

Die Selbstmörderin

Auf ihrer Brust klebt eine gelbe Kröte;
die regt sich nicht; ihr Purpurauge droht
voll Angst und Eifersucht tief durch die Röte
des schwülen Abends, der im West verloht.

Zwischen den schlanken, weißen Fingern blinken
die Kelche kaum entkeimter Wasserrosen,
grüngelbe Tange hängen in den losen,
aschblonden Haaren, die zum Grunde sinken.

Die kalten, blauen Lippen legen sich
wie Lapislazuli um ihre Zähne;
der scharfe Kiel eines der vielen Kähne
riß, rot wie Karmosin, tief einen Strich

Durch ihre Stirn. Schwer, langsam gleitet sie,
nicht Wind noch Welle sind da, die sie rühren.
Vom schlanken Halse bis herab zum Kinn
des Froschlaichs schwarze Fäden sie umschnüren.

Sie treibt zur Stadt. Gelbgraue Dünste kauern
wie fahle Hunde um des Himmels Rund.
Ein Dampfer rauscht; von ölig-schmutzigen Schauern
wird überschüttet ihr sehnsüchtiger Mund.

Zwischen verfallenen Häuserfronten windet
hindurch sich ihr einst heiß geliebter Leib.
Durchs Dunkel, horch, von höchsten Wonnen kündet
leis singend, irgend ein glückseliges Weib ––

Das Licht auf ihrer Haut erlischt. –– Den Nebel
wälzt aus den Brückenlöchern vor der Wind.
Von einem Dampferdeck bespeit ein Flegel
ihr süßes Antlitz, das im Grau zerrinnt.
Dezember 1910.


‪Fidel Klaufschneider und ‪Marcus Roloff gefällt das.
Florian Voß Marcus: Lioba Happel.
Florian Voß Fidel: Renate Rasp.

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