Aus: Luther-Elegie

Dieses Gedicht ist für Leute, die nicht bloß wissen wollen, wie „man“ heute denkt, sondern neugierig auf andere Zeiten und Leute sind.

Helius Eobanus Hessus (1488-1540)

Aus: Luther-Elegie (I)

Wenn ihr heute, ihr früher nur klagenden Musen, etwas Freudiges dichtet,
dann tragen wohl eure elegischen Verse ihren Namen zu unrecht.
Laßt ab, wie gewöhnlich die trauererregende Flöte zu blasen,
jetzt dürfte die liebliche Laute euren Händen wohl anstehen.
Wohlan, die Schläfen der Menschen mit jubelverkündendem Lorbeer
umkränzt: Es ist ein neues Ereignis voll Freude zu feiern!
Erhabenes Erfurt, laß du besonders festlichen Jubel ertönen
und umwinde dein Haar mit festlichem Laube!
Siehe, er kommt, der dich aus niedrigem Staube emporhebt,
in dem du, ach, zu lange Zeit schon staubbedeckt liegst!
Doch sei mir erlaubt zu sagen, was mein kühner Sinn mir empfahl,
ich möchte ein wahrheitskündender Dichter dir sein.
Jener von Gott, vom Bringer des Heils tiefinnerst erfüllte Luther,
er wird dich von deinem Schmutze befreien.
Erfasse du nur die zuversichtbringende Hoffnung und verlasse doch,
ach, die nichtigen Lehren des übel herrschenden Klerus.
Jener Mann hat als erster erkannt, daß zu unserer Zeit
eine fruchtlose Saat auf dem Feld Christi aufgeht.
Er sah es und hat es gewagt, die Hacke schonungslos anzuwenden
und alles Unkraut mit kunstreicher Hand auszureißen.
Vorher zwar hat es Erasmus gesehen und der Welt vor Augen gehalten,
dem verglichen die heutige Zeit keinen Gelehrteren kennt.
Wie nun aber das bloße Zeigen geringer ist als das Vollenden,
so hat Luther das größere Maß an Verdienst;
wie einst Herkules, als er dem Atlas die Erde abnehmen wollte,
ohne im Herzen zu zweifeln die gewaltige Last übernahm;
wie auch (daß Sage von Wahrheit getrennt bleibt)
die dem Kreuz nachfolgende Jüngerschar Christus ins Weltgeschehen einreihte.
Denn wozu dienen die Worte, als daß man dem nutzlosen Müßiggang nachging
und in Wirklichkeit keinerlei Glauben bestand?
So nun erhebt sich Luther ungebrochenen Mutes
gegen alle Widrigkeiten des Schicksals und die drohende Mißgunst,
in dem festen Vertrauen, alles durch den, den erpredigt, durch Christus
zu überwinden, mag es auch schwerer sein als die Welt.
(…)

Aus: Der deutsche Renaissancehumanismus. Abriß und Auswahl von Winfried Trillitzsch. Leipzig: Reclam, 1981, S. 302f

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O du dicker Philosoph

Erasmus von Rotterdam wurde vermutlich am 28. Oktober 1466 (oder 1467/1469) in Rotterdam geboren; er starb am 11./12. Juli 1536 in Basel. Er war ein bedeutender niederländischer Gelehrter und Autor.

Erasmus von Rotterdam

Vertrauliche Gespräche

Gespräch eines Abtes mit einer gebildeten Frau

Antronius: Was sehe ich hier für eine Wohnungseinrichtung?

Magdalia: Ist sie denn nicht geschmackvoll?

Antronius: Wie geschmackvoll, weiß ich nicht; sicherlich wenig passend für eine junge Dame und für eine Hausfrau!

Magdalia: Inwiefern?

Antronius: Weil alles voller Bücher ist.

Magdalia: Hast du in deinem Alter als Abt und Höfling niemals Bücher in den Häusern vornehmer Damen gesehen?

Antronius: Doch, aber in französisch; hier dagegen sehe ich griechische und lateinische.

Magdalia: Vermitteln etwa nur französisch geschriebene Bücher Wissen?

Antronius: Nein, aber für vornehme Damen schickt es sich, etwas zu haben, woran sie sich in ihren Mußestunden erfreuen.

Magdalia: Ist es denn nur vornehmen Damen gestattet, gebildet zu sein und angenehm zu leben?

Antronius: Du bringst zu unrecht Bildung und angenehmes Leben in Zusammenhang: Gebildet zu sein ist nicht Frauensache; Sache vornehmer Damen ist es, ein angenehmes Leben zu führen.

Magdalia: Ist es nicht iedermanns Sache, ein rechtes Leben zu führen?

Antronius: Ja.

Magdalia: Wie kann denn aber einer angenehm leben, der nicht ein rechtes Leben führt?

Antronius: Nein, im Gegenteil: Wie kann denn einer ein angenehmes Leben führen, der rechtschaffen lebt?

Magdalia: Du vertrittst also die, die gewissenlos leben, wenn sie nur ein angenehmes Leben haben? (…) Oh du geistreicher Alter, du dicker Philosoph…

Aus: Der deutsche Renaissance-Humanismus. Abriß und Auswahl von Winfried Trillitzsch. leipzig: Reclam, 1981, S. 195f