Venezianische Epigramme 34

Johann Wolfgang Goethe, Venetianische Epigramme 34b

Frühe Fassung, 13 (35a)

Klein ist unter den Fürsten der Deutschen mein Fürst ich gesteh es
    Kurz und schmal ist sein Land, mäßig nur was er vermag
Aber mir hat er gegeben was Große selten gewähren.
    Stand, Vertrauen, Gewalt, Garten und Wohnung und Geld. [1]
Keinen braucht ich zu bitten als ihn und manches bedurft ich.
    Der ich mich auf den Erwerb schlecht als ein Dichter verstand.
Mich hat Europa gelobt[2]. Was hat mir Europa gegeben?
    Nichts! Ich habe noch oft[3] meine Gedichte bezahlt.
Deutschland ahmte mich nach und Frankreich mochte mich lesen[4]
    Und wie gefällig empfing England den leidenden Gast
Doch was hilft es mich, daß auch so gar der Chinese
    Mahlt mit geschäftiger Hand Werthern und Lotten auf Glas [5]
Nie hat nach mir ein Kayser gefragt nie hat sich ein König
    Um mich bekümmert und Er war mir August und Mecen. [6]

[1] Druckfassung 1815: Neigung, Muße, Vertraun, Felder und Garten und Haus.
[2] 1. Fassung: gekannt
[3] 1. F.: wie schwer!
[4] 1. F.: lies mich passieren
[5] Die „Leiden des jungen Werther“ erschienen 1774 in französischer, 1776 in holländischer, 1779 in englischer, 1781 in italienischer, 1783 in schwedischer und 1788 in russischer Übersetzung. Napoleon bezeichnete es als sein Lieblingsbuch und sprach mit dem Dichter darüber, nachdem er Thüringen besetzt hatte. 1779 wurden chinesische Glasmalereien mit Motiven des Romans in Deutschland bekannt.
[6] Kaiser Augustus förderte die Kunst und Kultur in Rom. Sein Zeitgenosse Maecenas förderte junge Künstler.

Am 28. August 1749 wurde Johann Wolfgang Goethe in Frankfurt/ Main geboren.

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Venezianische Epigramme 12

Johann Wolfgang Goethe

Erste Fassung, 1790

Immer halt ich die Liebste begierig im Arme geschlossen
  Immer schliest sich mein Herz fest an den Busen ihr an.
Immer lehnt sich mein Haupt in ihrem Schoos und ich blicke
  Nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf.
»Weichling!» – Schölte mich einer. »Wie so verbringst du die Tage?«
  Ach, ich verbringe sie schlimm! Höre nur wie mir geschieht.
Allen meinen Freuden hab ich den Rücken gekehret.
  Schon den zwanzigsten Tag schleppt mich der Wagen umher.
Vetturine trozzen mir nun, es schmeichelt der Kämmrer
  Und der Bediente vom Platz sinnet auf Lügen und Trug
Will ich ihnen entgehn, so faßt mich der Meister der Posten
  Postillone sind Herrn! Dann die Dogane dazu!
»Ich verstehe dich nicht, du widersprichst dir! du schienest
  Paradiesisch zu ruhn, ganz wie Rinaldo beglückt![«]
Ach ich verstehe mich wohl: es ist mein Körper auf Reisen
  Und es ruhet mein Geist stets der Geliebten im Schoos.

Vetturine: Lohnkutscher

Kämmrer: (camariere) Kellner

Meister der Posten: ital. maestro di posta, Postmeister

Dogane: Zollbeamte

Rinaldo: Figur aus Torquato Tassos „Befreites Jerusalem“

Wer kan jederman gefallen?

Wer kan jederman gefallen ?

Ob schon des Höchsten Hand die ganze Welt versehen[2] /
daß nichtes drinn gebricht / doch sol noch in der Welt
gebohren werden der / der allen wohl gefält /
und eh der lebend wird / wird wohl die Welt vergehen.

Aus:

Sibyllen Schwarzin /
Vohn
Greiffswald aus Pommern /
Deutsche Poëtische
Gedichte /
Nuhn
Zum ersten mahl / auß ihren eignen
Handschrifften / herauß gegeben
und verleget
Durch
M. SAMUEL GERLACH /
auß dem Hertzogtuhm Würtemberg.
und in
DANTZIG
Gedrukt / bey seel. Georg Rheten Witwen /
im M.D.C.L. Jahr.
Bd. II p. D iv

(1) hier in der Bedeutung: ausstatten, mit etwas versorgen

Dein Epigramm

Alexander Puschkin

Wenn dich die Mückenschwärme frech umschwirrn
Die Journalisten, laß sie sticheln, stechen!
Verachte sie, biet ihnen nicht die Stirn,
Umsonst ist’s, dem Geschmeiß zu widersprechen!
Mit Höflichkeit und Logik wirst du nie
Die aufdringliche Brut zur Ruhe bringen.
Gräm dich nicht drum! – Dein Epigramm wird sie
Blitzschnell mit einem Schlag zum Schweigen zwingen.

Deutsch von Martin Remané

In: Alexander Puschkin. Poesiealbum 169. Berlin: Neues Leben, 1981, S. 10.

СОВЕТ

Поверь: когда слепней и комаров
Вокруг тебя летает рой журнальный,
Не рассуждай, не трать учтивых слов,
Не возражай на писк и шум нахальный:
Ни логикой, ни вкусом, милый друг,
Никак нельзя смирить их род упрямый.
Сердиться грех — но замахнись и вдруг
Прихлопни их проворной эпиграммой.

3 Epigramme

1.8.1 john owen: 3 epigramme

Ausgewählt von Michael Gratz im Auftrag von Anton Tariq

Textkette
John Owen

OF HIS BOOK, TO JOHN HOSKINS, A LAWYER AND RIGHT TALENTED POET

This Book is as The World: as Men, The Verse:
Good Verses Here, as There good Men, are scarce.

3. AD IOANNEM HOSKINS IURISCONSULTUM, POETAM INGENIOSISSIMUM.
DE SUO LIBRO

Hic liber est mundus: homines sunt, Hoskine, versus,
Invenies paucos hic, ut in orbe, bonos.

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3. An Joan Hoskins J.C. von seinem Buche.

Es mag mein Hoskins seyn/ mein Buch sey gleich der Welt/
Die Verslein/ die ich hab in dieses Rund gestellt/
Daß laß die Menschen seyn: wie nun mehr bös/ als reine/
so findestu hier auch mehr böse Vers/ als feine.

15. TO PHYSICIANS AND LAYWERS

Galen, thine Health doth from our sickness rise;
Justinian, our Folly makes Thee wise.

0wen15

15. an die Aertzte und Juristen.

Galenus wird gesund/ weil wir in Kranckheit stecken;
Justinianus klug/ weil wir seynd grosse Gecken.

84. TO MARCUS

Thy Verses praise Me, but I think because
I should thy Verses praise with mine Applause.

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84. auf Marcum.

In  seinen Versen hat mich Marcus zwar erhoben/
vielleicht soll ich ihn drüm in meynen wider loben?

John Owen (latinisiert Iohannes Audoenus; * um 1564 in Bettws Garmon am Snowdon; † 1622 in London), walisischer Schriftsteller, genannt „der englische Martial“. Er schrieb seine Epigramme auf Latein, sie wurden ins Englische, Französische und Deutsche übersetzt.

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