Die sogenannte Wirklichkeit

Ich interessiere mich für die sogenannte Wirklichkeit nicht, wenn ich schreibe. Sie stört mich. Wenn ich schreibe, interessiere ich mich nur für die Sprache; wenn ich nicht schreibe, ist es eine andere Sache. Beim Schreiben lenkt mich die Wirklichkeit nur ab und macht alles unrein. Ich interessiere mich auch nicht, während der literarischen Arbeit, für eine Kritik an der Gesellschaft. Es geht einfach nicht darum. Es wäre mir widerlich, meine Kritik an einer Gesellschaftsordnung in eine Geschichte zu verdrehen oder in ein Gedicht zu ästhetisieren. Das finde ich die scheußlichste Verlogenheit: sein Engagement zu einem Gedicht zu verarbeiten, Literatur draus zu machen, statt es gerade heraus zu sagen. Das ist Ästhetizismus, und diese Art von Literatur hängt mir zum Hals heraus.

Peter Handke: Wenn ich schreibe. Akzente 5/1966, S. 467.

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