Paul Celan

PAUL CELAN

Espenbaum, dein Laub blickt weiß ins Dunkel.
Meiner Mutter Haar ward nimmer weiß.

Löwenzahn, so grün ist die Ukraine.
Meine blonde Mutter kam nicht heim.

Regenwolke, säumst du an den Brunnen?
Meine leise Mutter weint für alle.

Runder Stern, du schlingst die goldne Schleife.
Meiner Mutter Herz ward wund von Blei.

Eichne Tür, wer hob dich aus den Angeln?
Meine sanfte Mutter kann nicht kommen.

(Mohn und Gedächtnis. 1952)

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Max Herrmann-Neiße EIN DEUTSCHER DICHTER BIN ICH EINST GEWESEN

Max Herrmann-Neisse (1886 Neiße -1941 London)

EIN DEUTSCHER DICHTER BIN ICH EINST GEWESEN

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
die Heimat klang in meiner Melodie,
ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,
das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,
sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,
so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,
der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

In ferner Fremde mal ich ihre Züge
zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,
die Abendgiebel und die Schwalbenflüge
und alles Glück, das einst mir dort geschah.

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,
ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.

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Stefan George DER HÜGEL WO WIR WANDELN LIEGT IM SCHATTEN

Der hügel wo wir wandeln liegt im schatten ˙
Indes der drüben noch im lichte webt ˙
Der mond auf seinen zarten grünen matten
Nur erst als kleine weisse wolke schwebt.

Die strassen weithin-deutend werden blasser ˙
Den wandrern bietet ein gelispel halt ˙
Ist es vom berg ein unsichtbares wasser
Ist es ein vogel der sein schlaflied lallt?

Der dunkelfalter zwei die sich verfrühten
Verfolgen sich von halm zu halm im scherz…
Der rain bereitet aus gesträuch und blüten
Den duft des abends für gedämpften schmerz.

(aus: Das Jahr der Seele. 1897/98)

Gertrud Kolmar SPAZIERGANG

Textkette Freistil

Gertrud Kolmar

SPAZIERGANG

Komm, wir wollen unter Bäume gehn,
Die voll blanker Gummibälle hängen,
Zu den Sträuchern, da sich Gerten drängen
Und als Blüten rote Kreisel drehn.

Komm, wir wollen in den Garten gehn,
Wo die kleinen Sammettiere weiden,
Viele Puppen, gelb- und lilaseiden,
Schlank auf feingeharkten Beeten stehn.

Blaue Hühner, die es gar nicht gibt,
Silberkämmig, suchen deine Hände,
Nehmen Bröckelbrot und Körnerspende
Furchtlos dankbar, weil das Kind sie liebt.

Aus der Düne, die am Meere steigt,
Kriechen Eimer, Kuchenform und Schippe,
Tritonshorn, das ungeübter Lippe
Seine allerschönsten Lieder zeigt.

Eisenbahnen stampfen ihren Reim,
Winken fröhlich mit zerzausten Haaren.
Willst du um den braunen Felsen fahren?
Jede Reise bringt dich wieder heim.

Denn vom Felsen springt Granatenwein,
Brausen Himbeer- und Zitronenwässer;
Grüne Maitrankblätter füllen Fässer,
Und das Honigkissen schwillt am Stein.

Koste, liebes Herz, und laß uns gehn,
Ampel zünden, Spiegeleier braten,
Deine Strümpfchen stopfen und beraten,
Was wir miteinander angesehn.

(aus: Gertrud Chodziesner, Die Frau und die Tiere. 1938)

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Oskar Loerke TOTENVÖGEL

Textkette Freistil

Oskar Loerke

TOTENVÖGEL
Von einem Berliner Friedhof

Ihn schließen Feuerwände ein,
Ganz leer und ohne Scharten:
Ein Nebel wankt von Stein zu Stein
Im schlimmen Totengarten.

Im Nebel sitzen dünn und matt
Die Toten in den Eschen
Und stieren nach der lieben Stadt
Durch Mauern ohne Breschen.

Ein Schlot schreibt wie ein Riesenstift
Im Nebel schwarze Reihen.
Die Toten plappern nach die Schrift,
So klug wie Papageien.

Irr schallt das wie des Windes Ritt,
Weil Kringel nichts bedeuten.
Ein Pianino klappert mit
Und fernes Trambahnläuten.

Der Nebel raucht bei Frau und Mann
Aus Ohren und aus Gaumen.
Sie fangen zu vergehen an
Und drehen mit dem Daumen.

Sie schmelzen rauchend in den Rauch
Und fallen aus den Kronen.
In blaue Streifen löst sich auch
Die dickste der Matronen.

Sie sieht ihr Bild im Glasherzschrein –
– Photographierte Glorie! –
Und auf dem Grab Vergißnichtmein
Und um das Grab Zichorie.

Und ist nicht mehr. Und jeder schwand,
Der tot im Totengarten.
Rings Feuerwand an Feuerwand,
Ganz leer und ohne Scharten.

(aus: „Pansmusik“. 1916)

Oskar Loerke BLAUER ABEND IN BERLIN

Textkette Freistil

Oskar Loerke

BLAUER ABEND IN BERLIN

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;
Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.
Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

Im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen
Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz am Grunde stauen,
Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
Regt sie des Wassers Wille und Verstand

Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.

(aus: „Wanderschaft“. 1911)

Oskar Loerke Kleiner Bahnhof

textkette freistil

Oskar Loerke

KLEINER BAHNHOF

Du spielst, ein Luftzug, mit den weißen Tüchern
Der Tische in den leeren Wartesälen.
Die Kellnerinnen stricken über Büchern,
Versenkt, beklopft von eisernen Signalen,
Die Hämmer aus der schwarzen Glocke quälen.
Du spielst, ein Lufthauch, der sich selbst nicht kühlt.

Geranienkübel blühn an Eisenträgern,
Vom Kohlenrauch des Kessels plump umarmt.
Derweilen flieht nahbei vor seinen Jägern
Das arme Wild aus warmen Lager-Kralen
Zu einem Gotte, der sich nicht erbarmt.
Was spielst du? Weil ein Hauch sich selbst nicht fühlt.

Längst ist ein Mahlen in den Rädern rege,
Die Weiche klappt, es kreist das Immergleiche,
Die Birkenpilger horchen in die Teiche,
Wie Schicksal werden weiße Wolken groß,
Doch vorher schweigt der Bahnhof klein am Wege,
Da pulst ein Hauch wie Herzschlag herrenlos.

(aus: Der Silberdistelwald)