Dichter und Hopsassa

Gustav Sack, ein vergessener Autor, wurde am 28. Oktober 1885 in Schermbeck am Niederrhein geboren. Am 5. Dezember wird es 100 Jahre her sein, daß er im Krieg „gefallen“ ist, irgendwo in Rumänien.

Er studierte ab  1906 in Greifswald, Münster, Halle und später wieder in Münster, anfangs Germanistik, später Biologie und andere Naturwissenschaften. 1910 beendete er sein Studium ohne Abschluss. In Greifswald war er Mitglied der Turnerschaft Cimbria (die ihn aber ausschloß). Seine Werke erschienen postum und machten ihn für eine Zeit berühmt als Vertreter des Frühexpressionismus.

Nicht daß du mich liebst und mich verstehst –
daß du wie Kamoëns Negerknabe
abends für mich betteln gehst,
sei zum dauernden Gedächtnis
ihnen hinters Ohr gerieben
und als erster Reim hierher geschrieben.

Das Hopsassa

Was du nur willst! Dieweil du reimen kannst
und in beliebtem Hopsassa
erzählst was dir zu Leids geschah,
schmähst du auf jeden braven Wanst,
der reimlos seine Wege geht
und von der Narrheit nichts versteht,
die dich, indes er ißt und trinkt,
in schmerzliche Ekstase bringt
und dich ekstatisch hungern läßt.
Er soll dir deine Narrenqualen
etwa mit seinem Gelde zahlen?
Dir ist dein Narrsein ja ein Fest!
So zahle deine Feste selber
und neide nicht voll Prahlerei
und widriger Phantasterei
ihm seine wohlgeratnen Kälber,
du elendiger Hopsassa
und Tschingterassa Bum!

Aus: Gustav Sack: Prosa – Briefe – Verse. Hrsg. Dieter Hoffmann. Albert Langen Georg Müller, 1962

Werke (Auswahl):

  • Ein verbummelter Student. Roman, S. Fischer 1918. (Neuausg. bei Klett-Cotta 1987 (in: Cotta’s Bibliothek der Moderne)
  • Gesammelte Werke. 2 Bände. S. Fischer 1920
  • Niederschläge. Verse von Wolken, Wachsbohnen und eitlen Wünschen. Aus dem Nachlaß hrsg. von Hans Harbeck. Leipzig 1938
  • Die drei Reiter. Gedichte 1913–1914, Ellermann 1958
  • Prosa – Briefe – Verse. Hrsg. Dieter Hoffmann. Albert Langen, Georg Müller, 1962
  • Gustav-Sack-Lesebuch. Zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Walter Gödden (= Nylands Kleine Westfälische Bibliothek; 2), Köln 2002
  • Armer alter Narrensang. Ausgewählte Gedichte. Norderstedt 2010, ISBN 978-3-8391-8680-0
  • Gustav Sack. Gesammelte Werke. Hrsg. v. Walter Gödden und Steffen Stadthaus. Aisthesis, Bielefeld 2011
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Max Herrmann-Neiße EIN DEUTSCHER DICHTER BIN ICH EINST GEWESEN

Max Herrmann-Neisse (1886 Neiße -1941 London)

EIN DEUTSCHER DICHTER BIN ICH EINST GEWESEN

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
die Heimat klang in meiner Melodie,
ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,
das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,
sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,
so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,
der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

In ferner Fremde mal ich ihre Züge
zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,
die Abendgiebel und die Schwalbenflüge
und alles Glück, das einst mir dort geschah.

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,
ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.

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Stefan George DER HÜGEL WO WIR WANDELN LIEGT IM SCHATTEN

Der hügel wo wir wandeln liegt im schatten ˙
Indes der drüben noch im lichte webt ˙
Der mond auf seinen zarten grünen matten
Nur erst als kleine weisse wolke schwebt.

Die strassen weithin-deutend werden blasser ˙
Den wandrern bietet ein gelispel halt ˙
Ist es vom berg ein unsichtbares wasser
Ist es ein vogel der sein schlaflied lallt?

Der dunkelfalter zwei die sich verfrühten
Verfolgen sich von halm zu halm im scherz…
Der rain bereitet aus gesträuch und blüten
Den duft des abends für gedämpften schmerz.

(aus: Das Jahr der Seele. 1897/98)

Gertrud Kolmar SPAZIERGANG

Textkette Freistil

Gertrud Kolmar

SPAZIERGANG

Komm, wir wollen unter Bäume gehn,
Die voll blanker Gummibälle hängen,
Zu den Sträuchern, da sich Gerten drängen
Und als Blüten rote Kreisel drehn.

Komm, wir wollen in den Garten gehn,
Wo die kleinen Sammettiere weiden,
Viele Puppen, gelb- und lilaseiden,
Schlank auf feingeharkten Beeten stehn.

Blaue Hühner, die es gar nicht gibt,
Silberkämmig, suchen deine Hände,
Nehmen Bröckelbrot und Körnerspende
Furchtlos dankbar, weil das Kind sie liebt.

Aus der Düne, die am Meere steigt,
Kriechen Eimer, Kuchenform und Schippe,
Tritonshorn, das ungeübter Lippe
Seine allerschönsten Lieder zeigt.

Eisenbahnen stampfen ihren Reim,
Winken fröhlich mit zerzausten Haaren.
Willst du um den braunen Felsen fahren?
Jede Reise bringt dich wieder heim.

Denn vom Felsen springt Granatenwein,
Brausen Himbeer- und Zitronenwässer;
Grüne Maitrankblätter füllen Fässer,
Und das Honigkissen schwillt am Stein.

Koste, liebes Herz, und laß uns gehn,
Ampel zünden, Spiegeleier braten,
Deine Strümpfchen stopfen und beraten,
Was wir miteinander angesehn.

(aus: Gertrud Chodziesner, Die Frau und die Tiere. 1938)

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Oskar Loerke TOTENVÖGEL

Textkette Freistil

Oskar Loerke

TOTENVÖGEL
Von einem Berliner Friedhof

Ihn schließen Feuerwände ein,
Ganz leer und ohne Scharten:
Ein Nebel wankt von Stein zu Stein
Im schlimmen Totengarten.

Im Nebel sitzen dünn und matt
Die Toten in den Eschen
Und stieren nach der lieben Stadt
Durch Mauern ohne Breschen.

Ein Schlot schreibt wie ein Riesenstift
Im Nebel schwarze Reihen.
Die Toten plappern nach die Schrift,
So klug wie Papageien.

Irr schallt das wie des Windes Ritt,
Weil Kringel nichts bedeuten.
Ein Pianino klappert mit
Und fernes Trambahnläuten.

Der Nebel raucht bei Frau und Mann
Aus Ohren und aus Gaumen.
Sie fangen zu vergehen an
Und drehen mit dem Daumen.

Sie schmelzen rauchend in den Rauch
Und fallen aus den Kronen.
In blaue Streifen löst sich auch
Die dickste der Matronen.

Sie sieht ihr Bild im Glasherzschrein –
– Photographierte Glorie! –
Und auf dem Grab Vergißnichtmein
Und um das Grab Zichorie.

Und ist nicht mehr. Und jeder schwand,
Der tot im Totengarten.
Rings Feuerwand an Feuerwand,
Ganz leer und ohne Scharten.

(aus: „Pansmusik“. 1916)

Oskar Loerke BLAUER ABEND IN BERLIN

Textkette Freistil

Oskar Loerke

BLAUER ABEND IN BERLIN

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;
Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.
Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

Im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen
Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz am Grunde stauen,
Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
Regt sie des Wassers Wille und Verstand

Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.

(aus: „Wanderschaft“. 1911)

Oskar Loerke Kleiner Bahnhof

textkette freistil

Oskar Loerke

KLEINER BAHNHOF

Du spielst, ein Luftzug, mit den weißen Tüchern
Der Tische in den leeren Wartesälen.
Die Kellnerinnen stricken über Büchern,
Versenkt, beklopft von eisernen Signalen,
Die Hämmer aus der schwarzen Glocke quälen.
Du spielst, ein Lufthauch, der sich selbst nicht kühlt.

Geranienkübel blühn an Eisenträgern,
Vom Kohlenrauch des Kessels plump umarmt.
Derweilen flieht nahbei vor seinen Jägern
Das arme Wild aus warmen Lager-Kralen
Zu einem Gotte, der sich nicht erbarmt.
Was spielst du? Weil ein Hauch sich selbst nicht fühlt.

Längst ist ein Mahlen in den Rädern rege,
Die Weiche klappt, es kreist das Immergleiche,
Die Birkenpilger horchen in die Teiche,
Wie Schicksal werden weiße Wolken groß,
Doch vorher schweigt der Bahnhof klein am Wege,
Da pulst ein Hauch wie Herzschlag herrenlos.

(aus: Der Silberdistelwald)