Rebellisch

Die Divina Commedia war ebenso beunruhigend, rebellisch und formal und thematisch scheinbar von allem Bekannten entfernt wie der Ullysses [sic], den wir auch erst bruchstückhaft, als eine Art Rebus, kennengelernt hatten.”

Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands. Berlin (Ost): Henschel, 1983, S. 79.

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VERSCHMÄHT NICHT DAS SONETT–– ihr kritisiert,

Ein Facebookfreund postet heute auf seiner „Pinnwand“ (wo es eine kleine Gruppe enger Freunde sofort sieht und einige gleich „geliket“ haben; aber wer nicht gerade um diese Stunde am Rechner ist sondern erst am Abend oder morgen dazukommt, hat schon Mühe, diesen Beitrag überhaupt noch aufzufinden. Deshalb ist der Slogan „Mehr gute Gedichte ins Facebook“, wie er dem vor 2 Monaten kursierenden Kettenbrief (der für mich und Mitstreiter zum Gründungskeim der „Textkette“ wurde) vorstand, falsch. Facebook ist ein Medium für aktuelle Kommunikation und ein Grab für Inhalte (die formal von Facebook für Werbezwecke genutzt werden, während sie dem Autor oder Poster nur mit Mühe und anderen Interessenten so gut wie gar nicht mehr auffindbar sind; weshalb ich versuche, meine Facebookfreunde und alle anderen Interessenten mit Posts von Gedichten oder über Gedichte hierher zu locken; Ende der Werbepause))

dies:

Zum heutigen Geburtstag von William Wordsworth eines seiner Sonette, übersetzt von Günter Plessow:

VERSCHMÄHT NICHT DAS SONETT–– ihr kritisiert,
versagt ihm den Respekt? Auf diesen Ton
gestimmt, erschließt doch Shakespeare schon
sein Herz; sein leiser Lautenklang kuriert
Petrarca; Tasso flötet, tiriliert
damit; es lindert Camöens’ Passion,
verbannt zu sein; es krönt Dantes Vision:
ein Myrtenblatt auf seiner Stirn, so spürt
er das Sonett; ein mildes Glühwurmlicht,
erfreut es Spenser, aus dem Feenland
berufen;––und als eine Nebelschicht
auf Miltons Weg fiel, nahm er es zur Hand,
ein Nebelhorn; er blies darauf: es fuhr
uns in die Seele––ach, zu selten nur!

(1827)

‚Scorn Not the Sonnet; Critic, you have frowned‘

Scorn not the Sonnet; Critic, you have frowned,
Mindless of its just honours; with this key
Shakespeare unlocked his heart; the melody
Of this small lute gave ease to Petrarch’s wound;
A thousand times this pipe did Tasso sound;
With it Camoens soothed an exile’s grief;
The Sonnet glittered a gay myrtle leaf
Amid the cypress with which Dante crowned
His visionary brow: a glow-worm lamp,
it cheered mild Spenser, called from Faery-land
To struggle through dark ways; and when a damp
Fell round the path of Milton, in his hand
The Thing became a trumpet; whence he blew
Soul-animating strains — alas, too few!

Aber weil man nicht jede Lehre billigen

1.6.8.2.1.1 dante: Aber weil man nicht jede Lehre billigen

Textkette

Ausgewählt von WF Schmid

Textkette – mehr gute Gedichte auf facebook! Jede Person, welche bei diesem Gedichte „gefällt mir“ klickt, bekommt von mir eine(n) AutorIn zugewiesen, sucht dann ein Gedicht von diesem Autor/dieser Autorin raus und postet es auf der eigenen Pinnwand, um so das Gedichte-Netz weiter zu spannen. Bitte nicht vergessen, diesen Text davor zu setzen.
Da mir Kristian Kühn allerdings Dante zugewiesen hat, wirds mit einem Einzelgedicht schwierig, deswegen das hier:

 

Dante Alighieri:

 

De vulgari eloquentia, liber primus, caput I (ca. 1304)

Sed quia unamquanque doctrinam oportet non probare, sed suum aperire subiectum, ut sciatur quid sit super quod illa versatur, dicimus, celeriter actendentes, quod vulgarem locutionem appellamus eam qua infantes assuefiunt ab assistentibus cum primitus distinguere voces incipiunt; vel, quod brevius dici potest, vulgarem locutionem asserimus quam sine omni regola nutricem imitantes accipimus.
Est et inde alia locutio secondaria nobis, quam Romani gramaticam vocaverunt. Hanc quidem secundariam Greci habent et alii, sed non omnes: ad habitum vero huius pauci perveniunt, quia non nisi per spatium temporis et studii assiduitatem regulamur et doctrinamur in illa.
Harum quoque duarum nobilior est vulgaris: tum quia prima fuit humano generi usitata; tum quia totus orbis ipsa perfruitur, licet in diversas prolationes et vocabula sit divisa; tum quia naturalis est nobis, cum illa potius artificialis existat.

 
Anne Baldauf gefällt das.




WF Schmid ‪Anne Baldauf, ich möcht dir eins von Picasso geben.

 




WF Schmid hier die kannegiesser-übersetzung:

Aber weil man nicht jede Lehre billigen, sondern seinen Gegenstand erschließen muß, damit man wisse, was es sei, womit er sich beschäftigt, sagen wir schnell aufmerkend, daß wir die Volkssprache diejenige nennen, an welche sich die Kinder durch ihre Umgebung gewöhnen, sobald sie anfangen, die Stimmen zu unterscheiden, oder mit kürzerem Ausdruck, Volkssprache, behaupten wir, sei diejenige, welche wir ohne alle Regel der Amme nachahmend lernen. Wir haben sodann eine andere zweite Rede, welche die Römer Grammatik genannt haben. Diese zweite haben nun die Griechen und Andere, aber nicht Alle; zum Gebrauch derselben aber gelangen nur Wenige, weil wir nur in geraumer Zeit und durch anhaltenden Eifer Regeln und Lehre derselben fassen. Von diesen beiden ist die Volkssprache die edlere, theils, weil sie zuerst von dem menschlichen Geschlechte gebraucht wurde, theils, weil der ganze Erdkreis sich derselben erfreut, obgleich sie in verschiedene Ausdrücke und Wörter sich getheilt hat, theils weil sie uns natürlich ist, während jene vielmehr künstlich vorhanden ist

 




Kristian Kühn Bravo – „wofern die Angst vor Seufzern ihn nicht schrecket“ (Gastmahl 2, 16)
WF Schmid eh ned, das ist topaktuell, das ist glocal linguistics. lingua franca vs. – leider oft heimatgedunsener – dialektologie




Kristian Kühn Hast ja recht – sofern das nicht so ein Anpassungstrend wird, eine Volkssprache für die ganze Welt
WF Schmid ach, ich glaub mal an dante, der die natürlichen und ausdifferenziert gesprochenen sprachen scharf von der künstlichen „grammatik“, dem lateinischen (dem heutigen englischen) trennt.