Die Fanfarlo

Samuel Cramer, der ehemals mit dem Namen Manuela von Monteverde einige romantische Narreteien unterzeichnete — in der guten Zeit der Romantik —, ist das widerspruchvolle Erzeugnis eines blonden Deutschen und einer braunen Chilenin. Man denke sich zu diesem doppelten Ursprung eine französische Erziehung und eine literarische Bildung, und man wird von seltsamen Komplikationen in diesem Charakter wenig überrascht sein, sie vielmehr wohl eher selbstverständlich finden. –Samuels Stirn ist rein und edel, die Augen sind glänzend wie Kaffeebohnen, die Nase deutet auf Widerspruchgeist und Spottsucht, die Lippen sind schamlos und sinnlich, das Kinn eckig und despotisch. Die Haare trägt er sehr gesucht in raphaelesker Art geschnitten.

Anfang einer Prosadichtung von Charles Baudelaire, um 1846. Erstdruck 1847. Deutsche Fassung von Margarete Bruns (Baudelaires Werke. Dichtungen in Prosa und Novellen. Minden: J.C.C. Bruns, 1902)

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Kritik durch Poesie

Baudelaire once wrote that “the best review of a painting might be a sonnet or an elegy”, and it is liberating to think that we can all respond to art with art. This isn’t just because it bypasses the airspace of criticism, but because art liberates something of the artist in ourselves. Baudelaire also knew that thinking needed to be rescued from academicians and from official culture.
Patrick McGuinness, New Statesman

Die Übertragung der „Correspondances“ Baudelaires von Wolf Graf von Kalckreuth (1907)

Charles Baudelaire

ZUSAMMENHÄNGE

Lebendgem Tempel gleicht das Wesen der Natur,
Aus seinen Säulenreihn tönt tief geheimes Flüstern,
Durch Wälder geht der Mensch, wo Zeichen ihn umdüstern,
Die stillvertrauten Blicks verfolgen seine Spur.

Geheim verschmelzend wie das Echo fernster Klüfte,
In großer Einheit und voll dunkeltiefer Macht,
Weit wie des Äthers Glanz und die gewaltge Nacht,
Antworten Töne rings und Farben sich und Düfte.

Gerüche sind, wie Duft, der über Kindern ruht,
Grün wie die Wiesen, sanft wie der Hoboen Klingen,
Und andre, die verderbt und siegreich und voll Glut,

Still atmend in der Kraft von unbegrenzten Dingen,
Wie Ambra, Benzoe und fremden Weihrauchs Flut,
Stolz tönend den Triumph von unserm Geist und Blut.

(Übertragen von Wolf Graf von Kalckreuth)

Correspondances

Charles Baudelaire

Correspondances

La Nature est un temple où de vivants piliers
Laissent parfois sortir de confuses paroles;
L’homme y passe à travers des forêts de symboles
Qui l’observent avec des regards familiers.

Comme de longs échos qui de loin se confondent
Dans une ténébreuse et profonde unité,
Vaste comme la nuit et comme la clarté,
Les parfums, les couleurs et les sons se répondent.

II est des parfums frais comme des chairs d’enfants,
Doux comme les hautbois, verts comme les prairies,
— Et d’autres, corrompus, riches et triomphants,

Ayant l’expansion des choses infinies,
Comme l’ambre, le musc, le benjoin et l’encens,
Qui chantent les transports de l’esprit et des sens.

— Charles Baudelaire

Zusammenklang

Die Fassung von Therese Robinson (1925)

Zusammenklang

Im Tempel der Natur, in Säulengängen,
Durch die oft Worte hallen, fremd, verwirrt,
Der Mensch durch einen Wald von Zeichen irrt,
Die mit vertrauten Blicken ihn bedrängen.

Wie weite Echo fern zusammenklingen
Zu einem einzgen feierlichen Schall,
Tief wie die Nacht, die Klarheit und das All,
So Düfte, Farben, Klänge sich verschlingen.

Denn es gibt Düfte, frisch wie Kinderwangen,
Süss wie Oboen, grün wie junges Laub,
Verderbte Düfte, üppige, voll Prangen,

Wie Weihrauch, Ambra, die zu uns im Staub
Den Atemzug des Unbegrenzten bringen
Und unsrer Seelen höchste Wonnen singen.

Wald von Zeichen

Stefan Georges Umdichtung des Sonetts „Correspondances“ aus Baudelaires „Fleurs du mal“

EINKLÄNGE

Aus der natur belebten tempelbaun
Oft unverständlich wirre worte weichen ·
Dort geht der mensch durch einen wald von zeichen
Die mit vertrauten blicken ihn beschaun.

Wie lange echo fern zusammenrauschen
In tiefer finsterer geselligkeit ·
Weit wie die nacht und wie die helligkeit
Parfüme färben töne rede tauschen.

Parfüme giebt es frisch wie kinderwangen
Süss wie hoboen grün wie eine alm –
Und andre die verderbt und siegreich prangen

Mit einem hauch von unbegrenzten dingen ·
Wie ambra moschus und geweihter qualm
Die die verzückung unsrer seelen singen.