Das Wort / Слово

Arsenij Tarkowski

Das Wort

Das Wort ist nur die Hülle,
Bloß Haut und Laut im Grund,
An seltsam lichter Stelle
Pulsiert ein roter Punkt,

Puls schlägt, die Ader brennt,
Es glüht ein heller Strahl,
Doch daß dein Glück im Hemd
Zur Welt kommt, ist egal.

Das Wort im Zeitgeschehen
Hat Macht, jahrhundertalt,
Und gibt dir für dein Gehen
Allein das Dichten Halt:

Beschreibe nichts voraus,
Kampf, Liebe, im Gedicht,
Schließ Prophezeiung aus,
Den Tod ruf besser nicht!

Das Wort ist nur die Hülle,
Haut menschlichen Geschicks,
Für dich schleift jede Zeile
Das Messer im Gedicht.

Deutsch von Andreas Koziol, aus: Arseni Tarkowski, Poesiealbum 256. Berlin: Neues Leben, 1989, S. 13.

 
Das Wort

Das Wort ist eine Membran,
eine Hülle, ein seelenloser Laut.
Ein Punkt, ein Kern – irgendwann
pulst es als ein fernes Feuer auf.

Pochende Adern, ein Faden,
ohne dein Zutun keimt die Frucht,
arglos kommt, was einst dein Samen,
hüllenlos ans Licht.

Die Zeit erwählt dich
zum Dichter durch dein Wort;
und betrittst du Irrpfade,
führen sie von den Worten fort.

Schreib nicht im voraus
von Schlachten, Liebe
oder Prophezeiungen, schau
dem Tod ehrfürchtig ins Auge.

Das Wort ist bloße Verhüllung,
ein unfertig menschlich Fohlen,
jede Zeile in ihrer Verschwörung
wetzt die Messer im Verborgenen.

1945

Aus: Arsenij Tarkowskij, Reglose Hirsche. Ausgewählte Gedichte. Russisch und deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Martina Jakobson. Edition Rugerup, Berlin/Hörby 2013. 156 S., € 19.90.

Тарковский Арсений

СЛОВО

Слово только оболочка,
Пленка, звук пустой, но в нем
Бьется розовая точка,
Странным светится огнем,

Бьется жилка, вьется живчик,
А тебе и дела нет,
Что в сорочке твой счастливчик
Появляется на свет.

Власть от века есть у слова,
И уж если ты поэт,
И когда пути другого
У тебя на свете нет,

Не описывай заране
Ни сражений, ни любви,
Опасайся предсказаний,
Смерти лучше не зови!

Слово только оболочка,
Пленка жребиев людских,
На тебя любая строчка
Точит нож в стихах твоих.

1945

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