Prophezeiung

Alfred Lichtenstein (1889-1914)

Prophezeiung

Einmal kommt – ich habe Zeichen –
Sterbesturm aus fernem Norden.
Überall stinkt es nach Leichen.
Es beginnt das große Morden.

Finster wird der Himmelsklumpen,
Sturmtod hebt die Klauentatzen.
Nieder stürzen alle Lumpen.
Mimen bersten. Mädchen platzen.

Polternd fallen Pferdeställe.
Keine Fliege kann sich retten.
Schöne homosexuelle
Männer kulllern aus den Betten.

Rissig werden Häuserwände.
Fische faulen in dem Flusse.
Alles nimmt ein ekles Ende.
Krächzend kippen Omnibusse.

(1913)

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Bienenspäßchen 7-8

„Bienenspäßchen“ bezieht sich auf ein lateinisches Gedicht des niederländischen Dichters Daniel Heinsius (1580-1655), in dem fast jede Zeile ein eigenes Metrum hat. Es findet sich im Original und in der Übersetzung von Harry C. Schnur in der Reclamausgabe „Lateinische Gedichte deutscher Humanisten, 1. Aufl. 1966, 3. durchges. u. ergänzte Aufl. 2015. Ich benutze es hier für den Spaß, jeden Tag ein Häppchen europäischer Dichtung zu präsentieren, zugleich ein Crashkurs* in klassischer Metrik.

Vers 7-8:

et seduli coloni
et incolae beati

Deutsch:

und ihr bewerket fleißig
und ihr besiedelt glücklich

Katalektische jambische Dimeter. Dimeter sind Verse, die aus zwei Metren bestehen. Metren (Singular Metron) sind Bauelemente von Versen, man hört manchmal „kleinste metrische Einheit“, aber sind das nicht die Füße? In der Tat sind beide Begriffe ähnlich und manchmal synonym. Der Hexameter besteht aus 6 (im Prinzip daktylischen) Metren oder Füßen. Beim Namen des Pentameters bemerkt man den Unterschied; auch der hat 6 Füße oder im Deutschen sechs Hebungen, aber bei den alten Griechen nur 5 Metren. Während dreisilbige Füße wie Daktylen oder Amphibrachen als 1 Metron gelten, gelten Jamben und Trochäen nur als halbes Metron. Ein jambischer Dimeter besteht also aus 4 Jamben. Katalektisch bedeutet, daß der letzte Fuß verkürzt ist, also im Fall des Jambus bleibt vom letzten Jambus nur die Senkung.** Katalektische jambische Dimeter:

u– u– u– u

Auch hier das Problem, daß man im Deutschen nur aus dem metrischen Schema wissen kann, um welche Verse es sich handelt. Entweder jambisch (wir wir nur aus dem Originaltext wissen):

und ihr bewerket fleißig
und ihr besiedelt glücklich

oder man betont das Wort und und liest 1 Daktylus und 2 Trochäen:

und ihr bewerket fleißig
und ihr besiedelt glücklich

Das Metrum, also, stammt nicht aus „der Natur der Sprache“, sondern aus dem vorhergedachten metrischen Schema – im Deutschen jedenfalls. Wenn ich weiß, daß Heinsius ein Spiel mit wechselnden Metren inszeniert und ich das in der deutschen Fassung reproduzieren will, entscheide ich mich (beim Nachdichten wie beim Vortrag) bewußt für jambische Dimeter und gegen die zweite Variante. Und ich wiederhole es gern: Versmaße bestimmen heißt nicht, ein allgemeingültiges Raster über den Text legen, sondern herausfinden (ablesen oder ggf. „divinieren“), nach welchem Schema der Text gebaut wurde. Metrik ist (wenigstens im neueren Deutschen) eine produktionsästhetische Disziplin.

*) Wohlgemerkt: Crashkurs, den ich nehme, nicht gebe!

**) Deshalb darf man nicht die Begriffe der Fuß-und Taktmetrik vermischen, wie es manchmal in Einführungen geschieht. Ein katalektischer vierfüßiger Jambus (jambischer Dimeter) ist im Deutschen ein dreihebiger Jambus mit weiblicher Kadenz wie eben hier

und ihr bewerket fleißig

u– u– u– u

Ein vierfüßiger Trochäus (trochäischer Dimeter), katalektisch oder akatalektisch, also unverkürzt, hat dagegen immer vier Hebungen (Füße, Takte). Katalektisch:

Wenn der Schnee ans Fenster fällt

(Georg Trakl)

–u –u –u –

taktmetrisch: vierhebiger Trochäus mit männlicher Kadenz

Oder akatalektisch:

Einmal kommt – ich habe Zeichen –
Sterbesturm aus fernem Norden.
Überall stinkt es nach Leichen.
Es beginnt das große Morden.

(Alfred Lichtenstein)

–u –u –u –u

taktmetrisch: vierhebiger Trochäus mit weiblicher Kadenz

Bisheriger Gesamttext

Mellificae volucres,
quae per purpureas rosas
violas amaracumque
tepidique dona veris
legitis suave nectar,
tenerae cives
et seduli coloni
et incolae beati

Deutsch von Harry C. Schnur:

Honigerzeuger im Flug,
die aus Rosen ihr, dunkelrot,
die aus Majoran und Veilchen
und des lauen Frühlings Gaben
sammelt ein den süßen Nektar –
ihr bewohnt, Kleinchen,
und ihr bewerket fleißig
und ihr besiedelt glücklich

Notdurft

Daß der Mann auch geistig seine Notdurft verrichten muß, ist entsetzlich.

Alfred Lichtenstein, aus: Die Verse des Alfred Lichtenstein. Selbstkritik, in: Dichtungen. Hrsg. von Klaus Kanzog u. Hartmut Vollmer. Zürich: Arche, 1989. 395 S. 3-7160-2089-3 (Arche-Editionen des Expressionismus), S. 225.

Kontext:

Die folgenden Gedichte können in drei Gruppen geteilt werden. Eine vereinigt phantastische, halb spielerische Gebilde: »Der Traurige«, »Die Gummischuhe«, »Capriccio«, »Der Lackschuh«, »Wüstes Schimpfen eines Wirtes«. (Zuerst erschienen in der »Aktion«, im »Simplicissimus«, im »März«, »Pan« und anderswo.) Freude an reiner Artistik ist unverkennbar.

Beispiele: »Der Athlet«: Im Hintergrund ist Demonstration von Weltanschauung. Der Athlet … bedeutet: Daß der Mann auch geistig seine Notdurft verrichten muß, ist entsetzlich.

Das Gedicht:

Der Athlet

Einer ging in zerrissenen Hausschuhen
Hin und her durch das kleine Zimmer,
Das er bewohnte.
Er sann über die Geschehnisse,
Von denen in dem Abendblatt berichtet war.
Und gähnte traurig, wie nur jemand gähnt,
Der viel und Seltsames gelesen hat –
Und der Gedanke überkam ihn plötzlich,
Wie wohl den Furchtsamen die Gänsehaut
Und wie das Aufstoßen den Übersättigten,
Wie Mutterwehen:
Das große Gähnen sei vielleicht ein Zeichen,
Ein Wink des Schicksals, sich zur Ruh zu legen.
Und der Gedanke ließ ihn nicht mehr los.
Und also fing er an, sich zu entkleiden …

Als er ganz nackt war, hantelte er etwas.

Soldatenlieder II

Alfred Lichtenstein

II

Ich muß eine Stunde vor den anderen kommen,
Weil ich schlecht geschossen habe.
Ich werde wohl nicht befördert werden.
Und nachexerzieren muß ich zur Strafe,
Weil ich, während die anderen vorschriftsmäßig
Starr auf die Mütze der Vorderen blickten,
Ah wir vor der roten Sonne
Über die leuchtenden Felder marschierten,
Vorsichtig zu dem kleinen Flieger schielte,
Der über mir in dem großen, glühenden
Abendhimmel wie eine Biene summte.

Gebet vor der Schlacht

Alfred Lichtenstein (23.8.1889 – 25.9.1914)

Gebet vor der Schlacht

Kriegsgedichte

Inbrünstig singt die Mannschaft, jeder für sich:
Gott, behüte mich vor Unglück,
Vater, Sohn und heiliger Geist,
Daß mich nicht Granaten treffen,
Daß die Luder, unsre Feinde,
Mich nicht fangen, nicht erschießen,
Daß ich nicht wie’n Hund verrecke
Für das teure Vaterland.

Sieh, ich möchte gern noch leben,
Kühe melken, Mädchen stopfen
Und den Schuft, den Sepp, verprügeln,
Mich noch manches Mal besaufen
Bis zu meinem selgen Ende.
Sieh, ich bete gut und gerne
Täglich sieben Rosenkränze,
Wenn du, Gott, in deiner Gnade
Meinen Freund, den Huber oder
Meier, tötest, mich verschonst.

Aber muß ich doch dran glauben,
Laß mich nicht zu schwer verwunden.
Schick mir einen leichten Beinschuß,
Eine kleine Armverletzung,
Daß ich als ein Held zurückkehr,
Der etwas erzählen kann.

Capriccio

Alfred Lichtenstein (1889-1914)

Capriccio

So will ich sterben:
Dunkel ist es. Und es hat geregnet.
Doch du spürst nicht mehr den Druck der Wolken,
Die da hinten noch den Himmel hüllen
In sanften Sammet.
Alle Straßen fließen, schwarze Spiegel,
An den Häuserhaufen, wo Laternen,
Perlenschnüre, leuchtend hängen.
Und hoch oben fliegen tausend Sterne,
Silberne Insekten, um den Mond –
Ich bin inmitten. Irgendwo. Und blicke
Versunken und sehr ernsthaft, etwas blöde,
Doch ziemlich überlegen auf die raffinierten,
Himmelblauen Beine einer Dame,
Während mich ein Auto so zerschneidet
Daß mein Kopf wie eine rote Murmel
Ihr zu Füßen rollt…

Sie ist erstaunt. Und schimpft dezent. Und stößt ihn
Hochmütig mit dem zierlich hohen Absatz
Ihres Schuhchens
In den Rinnstein –